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Zeitenwende

Aus dem überraschenden Scheitern der türkis-blauen Koalition resultieren schwerwiegende Folgen für unsere Branche. Dazu eine Analyse.

Das Ganze kam extrem überraschend. Und brach rasend wie ein Buschfeuer über die Medien- und Werbebranche herein. Und während die einen noch über Ibiza-Gate rätseln und sich fragen, was da wahrhaftig gelaufen ist, wer das eingefädelt hat und wie eine simple, dilettantische Falle derart viele Kettenreaktionen auslösen kann, beginnen andere schön langsam zu realisieren, welche Auswirkungen das auf unsere Branche hat: Auf geplante Gesetze, Veränderungen, Beschlüsse und Reglementierungen.
Direkte Auswirkungen auf unseren Verlag blieben uns Gott sei Dank erspart. Für den 13. Mai, wenige Tage, bevor Österreich ins politische Chaos fiel, hatten wir den Preisverleihungstermin angesetzt: Die Übergabe des FM Incomingpreises, unserer großen Touristik-Ehrung, an Johanna Mikl-Leitner, die niederösterreichische Landeshauptfrau.
Doch wir hatten unglaubliches Glück. Denn hätten wir den Veranstaltungstermin nur um eine Woche später geplant, dann wäre das gesamte Event ins Wasser gefallen. Denn eine Woche später waren unsere Ehrengäste, der Kanzler, der Vizekanzler und geladene Minister Geschichte. So schnell kann’s gehen. Danach fühlt man sich wie nach einem Ritt über den Bodensee. Auf unserer Erholungsreise mit der MS Berlin an spanischen Küsten haben Ekaterina und ich eine ganze Reihe von Kerzen im Dom von Valencia angezündet und dem lieben Gott dafür gedankt, dass er nicht nur diesen Kelch an uns vorübergehen ließ, sondern uns im Gegenteil mit dem allerletzten VIP-Auftritt der türkis-blauen Regierung (wie das die Redakteure des Seitenblicke-Magazins so freundlich formulierten) gar ein historisches Glanzlicht beschert hat. Mehr darüber in den Leserbriefen auf Seite 28 und in einem 13-seitigen Spezialbericht in EDdabei ab Seite 196.
Was bedeutet nun der heftige Regierungswechsel für unsere Branche? Was ändert sich, was fällt, was wird nicht realisiert? Oder auf Sankt Nimmerlein verschoben?
Die größte Freude herrscht derzeit beim ORF. Nicht nur bei den über 80 Prozent jener, die bei der Betriebsratswahl Rot oder Grün gewählt haben, sondern auch bei den Chef-Ideologen, den Top-Influencern und der sozialdemokratisch eingefärbten Führungsebene. Denn für den ORF ist die Gefahr eines neuen Rundfunkgesetzes vorderhand gebannt. Wer weiß, dass die FPÖ in der Regierung die treibende Kraft für den Fall der Gebühren, das neue Rundfunkgesetz, die Absetzung von Alexander Wrabetz und die „Neutralisierung“ von Armin Wolf war, der ahnt, wie erleichtert man nun am Küniglberg ist: Alexander Wrabetz kann mit großer Wahrscheinlichkeit damit rechnen, dass er auch seine dritte Amtsperiode zur Gänze aussitzen wird. Obwohl dies noch vor wenigen Wochen mehr als fraglich war. Das Rundfunkgesetz – wie groß angekündigt – geht sich weder heuer aus noch steht zu erwarten, dass es im nächsten Jahr realisiert wird.
Denn die FPÖ und damit die stärkste Kraft für Änderungen in der größten heimischen Medienorgel hat ihren Einfluss – zumindest bis zur Wahl im Herbst – weitgehend verloren. Und weil es zum derzeitigen Zeitpunkt nicht wahrscheinlich erscheint, dass der FPÖ erneut Regierungsverantwortung zufallen wird, ist damit der größte Widersacher des ORF einigermaßen kaltgestellt. Die ÖVP hingegen war in Sachen ORF nur mit angezogener Handbremse unterwegs. Zu sehr fürchtete Kurz, den Eindruck einer Orbanisierung zu vermitteln. Also begnügte er sich mit der Einsetzung der Channel Manager und beschränkte sich aufs Kalmieren des Regierungspartners, der allwöchentlich Schaum vor dem Mund bekam. Die neue Situation einer zahnlosen Bierlein-Regierung bedeutet aber auch, dass die rote Fraktion im ORF jene, die ÖVP-mäßig eingesetzt wurden, besonders die Channel Manager, ordentlich anrennen lassen wird. Und auch Kathrin Zechner wird ihre Freude haben, denn die Stuhlbeine ihres Sessels wackelten jüngst schon bedenklich. Jetzt haben sie an Stabilität dazugewonnen. Aus dem Stiftungsrat hat sich Norbert Steger „aus gesundheitlichen Gründen“ zurückgezogen. Insider ahnen, dass es sich dabei um die Logorrhoe-Erkrankung seines abgesägten Parteivorsitzenden handeln dürfte. Und damit ist auch Armin Wolf außen vor: Der ZIB 2-Anchorman kann sich ins Fäustchen lachen. Und machte sich jüngst über die verkrampft lachende SPÖ-Vorsitzende Rendi-Wagner lustig. Der er Fragen nach dem Rücktritt nahelegte und damit seine – ach so ausgeprägte – Unabhängigkeit wieder einmal dokumentieren konnte.
Nicht zustande kommen wird allerdings auch ein Gesetz, das lange ersehnt war, in einem hilflosen Kompromiss endete und 2020 über die Bühne gehen sollte: Die verpflichtende Namensnennung bei Postings auf Webpages wird sich definitiv so auch nicht mehr ausgehen. Und die Hassposter auf Standard & Co. haben weiterhin die Freiheit, den Schutz derer zu genießen, die mit ihren camouflierten Bösartigkeiten Reichweite und damit Werbegeld generieren. Aber auch die Geiferer in allen anderen erbärmlichen extremen rechten und linken Medienecken haben Grund zum Durchatmen. So gesehen waren die Ibiza Gate-Konsequenzen für alles, was an positiver Änderung geplant war, verheerend.
In der Medienszene ist man detto schockiert. Alle aktuellen Aufträge der Ministerien, des Bundeskanzleramtes wurden stante pede storniert. Nur die kurzfristig laufenden Aktivitäten wurden noch halbherzig verifiziert. In den Ministerien räumten die verantwortlichen Minister, ihre Kabinettschefs und damit die Budgetverantwortlichen schneller, als man schauen konnte, ihre Schreibtische, wie ExtraDienst hinter vorgehaltener Hand zugesteckt wurde. Damit haben diverse Mediengruppen bereits beauftragte Jobs in Millionenhöhe verloren. Ausgleichend könnte da wirken, dass im Sommer ein heißer Wahlkampf bevorsteht. Auf den keine Parlaments-Partei ernsthaft vorbereitet ist. Denn die Geldsäcke der politischen Parteien sind fast völlig leer. Weshalb die derzeit qualifizierte Mehrheit aus SPÖ und FPÖ mit aller Vehemenz darauf drängen wird, die Wahl auf einen späteren Zeitpunkt im Herbst zu verschieben. Denn ein früher Termin nutzt derzeit aufgrund des Top-Ergebnisses von Kurz bei der Europawahl nur dem geschassten Jungkanzler. Insider sprechen davon, dass der früheste Termin für die Nationalratswahl Ende Oktober sein dürfte. Eine Prolongation der Schlammschlacht, aber damit auch ein steigender Einsatz der Werbemittel im so wichtigen Herbst ist damit vorhersehbar. Was dann – ausgleichend – wieder den heimischen Medien zugute kommen könnte. Die auf diese Weise versuchen werden, das wegen des Falls der Regierung bereits zugesagte Geld zurückzuholen.
Auf die Bremse getreten ist zum Beispiel auch der Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien. Ein massiver Multiinserent in den heimischen Postillen und Gazetten. Dort hat man die Budgets vorderhand fast zur Gänze auf Eis gelegt, um genügend Reserven dafür zu haben, bei der Wahl fürs Mitmachen Stimmung zu erzeugen. Somit stehen uns ein heißer Sommer, ein brutaler Herbst und deftige Auseinandersetzungen ins Haus. Und danach stellt sich die Frage, mit wem Kurz, der – da sind sich wohl alle einig – wohl wieder mit weitem Abstand die Nummer eins werden wird, eine neue Koalition zusammenbringt. Wenn der Kanzler das schafft, dann gäbe es ja wieder eine volle Amtsperiode und damit die Möglichkeit für einen neuen Anlauf, den Hasspostern endlich einen Maulkorb umzuhängen.

* * *

Keinen Maulkorb umhängen lässt sich einmal mehr unser ExtraDienst. Die diesmalige Titelgeschichte, immerhin 32 Seiten lang, bringt – so wie schon seit vielen Jahren Tradition – wieder die Rankingliste der rund 1100 wichtigsten Marketing- und Werbe-Manager des Landes.
Wenn ich Ihnen an dieser Stelle verrate, was sich da im Vorfeld hinter den Kulissen abspielt, dann glauben Sie das wahrscheinlich nicht. Ist aber so: Interventionen, massives Nachfassen und Druck auf unsere Redaktion sind wir bei solch brisanten Titelgeschichten ja schon seit Jahrzehnten gewöhnt. Und wissen, wie man das abwehrt, wie man kalmiert, wie man derartige Versuche im Keim erstickt. Da freilich viele Juroren schon seit Jahren dabei sind, berichten auch etliche von denen, wie intensiv sie von Betroffenen angesprochen werden. Und nicht immer nur elegant…
Wir werden deshalb an unserem ehernen Gesetz festhalten, jeden von denen, die sich die Mühe machen, sich durch eine Namensliste von babylonischer Größe durchzukämpfen, so wie bisher unter den Schutz unseres Redaktionsgeheimnisses zu stellen.
Sollten Sie, geschätzte Marketing- und Werbeleiter, gut abgeschnitten haben oder sich verbessert haben: Herzliche Gratulation. Sollten Sie mit Ihrem Ranglisten-Platz unzufrieden sein: Wie wär’s, wenn Sie nicht uns oder den Juroren Vorwürfe machten, sondern folgende Überlegungen anstellen würden:
• Welche Performance habe ich hingelegt?
• Was habe ich dafür getan, nicht nur gute Werbung und engagiertes Marketing zu machen, sondern das auch breitenwirksam zu kommunizieren. So, dass es auffällt? Nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.
• Wie steht es um meine Bekanntheit in der Branche? Wie gut habe ich es geschafft, mein Unternehmen/unsere Marken zu positieren und zu pushen?
Denn selbstverständlich kommt es auch auf diese drei Faktoren an, wenn man im ED-Marketingleiter-Ranking gut abschneiden will. Tauchen Sie ein in die bewegte Welt der Platzhirsche unter der Marketern, treffen Sie auf Geier ebenso wie auf Adler, nur erquicken Sie sich bitte nicht zu schadenfroh an den diesjährigen Abstürzen diverser Proponenten.
Wie immer behalten wir uns vor, einzig in unserer Redaktion zu entscheiden, wer genannt und bewertet wird. Wenn Sie eine mächtige Mineralöl-Marketing-Chefin vergeblich in der Rangliste suchen, dann hat das einen Grund. Im vorliegenden Fall einen schlechten. Der mit ihrem Umgang mit Lieferanten und ihrem Team zusammenhängt. Die Details dazu sind vielfach dokumentiert und mit diversen Beweisen belegt. Von einer entsprechenden Veröffentlichung haben wir freilich im Rahmen des Rankings aus Konvenienzgründen dann doch abgesehen.
Nun gibt es ja so manchen in der Branche, der seine Neurosen, Aggressionen oder seine Minderwertigkeitsgefühle glaubt, an seinen Lieferanten abreagieren zu müssen. Mit Wutausbrüchen, mit demütigendem Verhalten, mit herabwürdigenden Bemerkungen, mit Schreiorgien, Drohgebärden und Beschimpfungen. Jeder, der in der Medien- und Werbebranche aktiv tätig ist, weiß davon ein Lied zu singen. Und kann aus dem Stegreif sofort eine ganze Reihe von Namen nennen, wo Manager ihre Macht, ihre Budgets und ihre Auftragspotenz untergriffig missbrauchen.
Viele, die im Verkauf tätig sind, nehmen derartiges Verhalten achselzuckend hin. Und schlucken es hinunter. Wir haben schon vor etlichen Jahren den Entschluss gefasst, aus hygienischen Gründen keinerlei Geschäftskontakte mehr mit jenen zu pflegen, die sich so wie die oben Beschriebenen verhalten. Ich glaube, dass niemand das Recht hat, herablassend, unmenschlich, arrogant oder aggressiv Geschäfte zu machen. Die Macht und der monetäre Einfluss, der den Managern der Branche zur Verfügung steht, ist nur geliehen. Auch eine Absage kann elegant, höflich und respektvoll erfolgen. Wer das nicht drauf hat und glaubt, er sei etwas Besseres und hätte das Recht erworben, sich an seinen Lieferanten abzuputzen, der hat in diesem Geschäft unserer Meinung nach nichts verloren. Vorstände, denen Derartiges zu Ohren kommt, sollten die entsprechenden Fälle überprüfen und den so Handelnden Kompetenz und Budgets unverzüglich entziehen.
Hat uns die Entscheidung, die paar Macho-Manager, die untergriffig agieren, zu schneiden, geschadet? Mitnichten. Seit wir uns von der Demutshaltung befreit haben, geht es uns nicht nur betriebsklimamäßig besser, wir atmen nun auch viel freier. Unser Geschäft ist erstaunlicherweise in den Jahren der Wahrhaftigkeit und der eleganten Kommunikation mit unseren Kunden (nämlich den sympathischen, menschlichen, empathischen und höflichen) nachhaltig gestiegen. Ein Beweis mehr dafür, dass Charakter zu zeigen sich auch wirtschaftlich rechnet. Wie wär’s, wenn Sie das auch einmal versuchen, anstatt sich zu ducken, zu schlucken und Bösartigkeiten aus Geschäftsräson widerspruchslos hinzunehmen. Das wünscht Ihnen neben viel Spaß an der Lektüre dieses Heftes

Ihr Christian W. Mucha
Herausgeber

P.S.: In monatelanger Arbeit hat unser Team um Clemens Nechansky recherchiert, Namen überprüft und versucht, die Liste der Branchen-Entscheider pedantisch und genau zu aktualisieren. Doch bei einer derartigen Datenfülle ist uns garantiert der eine oder andere Lapsus unterlaufen. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, ein Name falsch geschrieben ist, ein Manager nicht mehr bei der genannten Firma tätig ist, jemand verschwunden, untergetaucht oder verstorben ist und trotzdem noch unsere Liste ziert, dann nehmen Sie sich doch bitte ein Herz und senden Sie ein Mail an christian@mucha.at. Und helfen damit tatkräftig mit, unsere Arbeit zu verbessern/zu verfeinern. Dafür dankt Ihnen von Herzen der Obige.

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