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Zahlen, Wahrheit und DAZN

Walter Zinggl, Chef von IP Österreich ist Sprecher der Screenforce und gibt als solcher folgendes Interview.
© IP Österreich/Christoph Meissner

Walter Zinggl fordert alle Streaming-Anbieter auf Zahlen zur Verfügung zu stellen

Screenforce ist die Gattungsinitiative der deutschen, österreichischen und schweizerischen TV-Vermarkter für Fernsehen und Bewegtbild. Die breite Allianz aus 13 Partnern repräsentiert über 95 Prozent des TV-Werbemarkts im deutschsprachigen Raum. Die österreichischen Partner sind ATV, Goldbach Austria, IP Österreich, ORF, ORF-Enterprise, ProSiebenSat1 PULS 4 und Servus TV. Die Arbeitsgemeinschaft TELETEST (AGTT) ist Teil der Gattungsinitiative. Screenforce unterstützt Werbekunden und Agenturen, für ihre Marken das Beste aus TV und Bewegtbild herauszuholen. Weitere Informationen auf https://www.screenforce.at

Manche Presseaussendungen erinnern an Hilferufe. Die Headline „Der schlechte Streaming-Witz“ über Zahlen, Wahrheit und DAZN, scheint in diese Richtung zu gehen.

ExtraDienst: Sind Sie verzweifelt Herr Zinggl?

Walter Zinggl: Nein, ich bin überhaupt nicht verzweifelt, sondern ich war sehr amüsiert als ich die Presseaussendung von DAZN in die Hände bekommen habe und dachte mir, das muss man einfach einmal zurechtrücken.

ED: Was hat DAZN in dieser Presseaussendung kommuniziert?

Zinggl: DAZN hat kommuniziert, dass sie weltweit im zurück liegenden Jahr – also ich nehme an es geht um 2019 – 507 Millionen genutzte Stunden bei ihrem Service ausgestrahlt haben.

ED: Wieso kriegt man bei dieser Zahl Bauchweh beziehungsweise was hat Ihnen dabei aufgestoßen?

Zinggl: Ich habe weder Bauchweh bekommen, noch hat mich etwas aufgestoßen, aber ich dachte es ist ein gegebener Anlass, um mit der Kommunikationspolitik der Streaming-Plattformen – im Vergleich zu den Informationen, die Free-TV-Sender dem Markt zur Verfügung stellen – einmal ein paar Dinge klar zu stellen.

ED: Das heißt im Klartext: die Zahlen, Daten und Fakten, die hier herausgehen sind in die Kategorie das „Märchen von den sieben Zwergen“ abzulegen, weil das natürlich keiner kontrollieren kann und Jubelmeldungen hinaus gehen, die völlig unreflektiert sind. Was war daher der schlechte Streaming-Witz und wie sind diese Zahlen zu relativieren?

Zinggl: Der schlechte Streaming-Witz ist einmal prinzipiell, dass die im Fernsehgeschäft üblichen Angaben über Reichweite, Marktanteile, Zusammensetzung der Zuseher, von den Streamingdiensten ja prinzipiell nie kommuniziert werden. Sie behaupten gar nix und werden aus meiner Sicht nur gehypt, weil es in ist, es schick ist, weil manche Zielgruppen – darunter auch der eine oder andere Journalist – von seinem eigenen Verhalten auf das Verhalten der Gesamtbevölkerung schließt. Das Medienverhalten von Journalisten ist ja ein gänzlich anderes. Sowohl wie sie Medien oder auch soziale Plattformen nützen und natürlich auch wie sie diese kommunizieren.

ED: Überproportional?

Zinggl: Selbstverständlich! Streaming-Plattformen auf der ganzen Welt stellen im Normalfall überhaupt keine Zahlen zur Verfügung. Netflix ist in den österreichischen Markt gekommen und hat zweieinhalb Monate nach der Markteinführung eine Abonnentenzahl bekannt gegeben – die lag damals bei 50.000 – und das ist die letzte Zahl, die wir von Netflix auf den österreichischen Markt bezogen, gehört haben. Dann kam diese DAZN-Presseaussendung, wo sie wahrscheinlich mit einem Brustton der Überzeugung und des Stolzes eben ihre 507 Millionen genutzten Stunden global kommuniziert haben. Das hat mir gefallen, weil es endlich einmal eine Zahl gab, die man analysieren konnte.

ED: Wenn wir diese Zahlen jetzt herunterrechnen auf die Weltbevölkerung und damit auf die österreichische Bevölkerung, dann entsteht folgendes Zahlenspiel …

Zinggl: Es ist nicht ganz die Weltbevölkerung, sondern es ist nur die Bevölkerung in den neun Märkten, in denen DAZN aktuell aktiv ist – nämlich Deutschland, Österreich, Schweiz, Japan, Kanada, Italien, Spanien, Brasilien und USA. Das sind 908 Millionen Einwohner. Österreich mit seinen 8,5 Millionen Einwohnern macht davon also weniger als ein Prozent aus. Umgerechnet auf das Nutzungsvolumen würde das bedeuten, dass in Österreich rund 4,9 Millionen Stunden im ganzen Jahr 2019 konsumiert wurden. Das heißt von der Wiege bis zur Bahre hat jeder Österreicher gute 30 Minuten DAZN gesehen – im Jahr. Pro Tag entspricht das sechs Sekunden.

ED: Wieviel Prozent der österreichischen Bevölkerung nutzen Ihrer Meinung nach DAZN oder haben ein DAZN-Abo?

Zinggl: Ich habe keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Die Einzigen, die es sagen könnten wäre DAZN. Die sagen es aber nicht.

ED: Wie lautet sohin Ihr Rechenexempel?

Zinggl: Mein Ansatzpunkt ist folgender: Jetzt weiß ich die Anzahl der Stunden, die Österreicher angeblich DAZN nutzen, auf Basis ihrer eigenen Presseaussendung. Ich weiß aber auf Basis von objektiven und nachvollziehbaren Messungen, wieviel Stunden Österreicher im Jahr Free-TV nutzen. Jeder Österreicher nutzt im Schnitt 196 Minuten pro Tag lineares Fernsehen. Daraus ergibt sich ein Gesamtvolumen von 9 Milliarden 234 Millionen Stunden pro Jahr allein in Österreich. In Deutschland ergibt sich aus dem dortigen Teletest ein Volumen von 97 Milliarden Stunden Fernsehen im Jahr Rechne ich beide Länder zusammen, ergibt das einen Wert von 106 Milliarden Stunden Free-TV. Das ist dann – allein in diesen beiden Ländern – das 200fache der weltweiten DAZN-Nutzung. Diese Rechnung zu machen war es mir wert, um dem Markt einmal zu zeigen – auch wenn TV ja angeblich stirbt oder schon tot ist oder gerade mit Erde beschüttet wird – wie die tatsächlichen Nutzungsrelationen zwischen DAZN und dem Free-TV aussehen. Natürlich kann man jetzt sagen, da fehlen Netflix und Amazon. Ja, das ist richtig, nur das 200fache ist es einmal für DAZN. Ich fordere alle Streaming-Anbieter auf uns ähnliche Zahlen zur Verfügung zu stellen. Noch lieber wäre es mir, sie würden sich einer gemeinsamen Messung der Reichweite unterziehen. Unsere Türen stehen offen. Dann hätten wir schwarz auf weiß wie die Nutzung von TV und Streaming-Plattformen in Österreich tatsächlich ist.

ED: Das heißt zusammengefasst – nach dem gemeinsamen, kleinen Exkurs durch die Mathematik – das DAZN im Vergleich zum Free-TV bei einem Anteil von 0,5 Prozent liegt …

Zinggl: Der Wert liegt de facto noch deutlicher darunter, da hier jetzt ja für TV nur Deutschland und Österreich genommen wurden, für DAZN aber neun Länder. In Österreich sind es auf Basis der genannten Zahlen 0,05 Prozent. 4,9 Millionen Stunden DAZN vs. 9,2 Milliarden Stunden TV. Das kann man so ausrechnen. Mein Problem ist das Zurechtrücken von dem, worüber man spricht und worüber man schreibt, im Kontrast zur tatsächlichen Nutzung.

ED: Danke, für das Gespräch.

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