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Text-Profiling

Für ED analysierte die Expertin Patricia Staniek Texte prominenter Journalisten.
© Runway Studios / Patricia Staniek / Montage MG Mediengruppe

Profilerin Patricia Staniek entlockt Texten den Charakter des Autors

Die Sprache verrät viel über eine Persönlichkeit. Patricia Staniek ist eine der wenigen Profilerinnen in Österreich, die regelmäßig von Polizei und Wirtschaft für heikle Sprach- und Textanalysen konsultiert wird. Für den ExtraDienst nahm sich die Expertin Texte prominenter Journalisten zur Brust.

Von Alexander Haide

Sie sitzt oft Verbrechern gegenüber. Wenn schwere Jungs beharrlich schweigen, kann Profilerin Patricia Staniek dennoch in ihnen lesen wie in einem offenen Buch. Der „Lügendetektor auf zwei Beinen“ analysiert Mimik, Körpersprache, Sprachmuster und Texte. Manager suchen bei der 55-jährigen Expertin Rat, wenn es um Konflikte oder Mobbing in einem Unternehmen geht, die Team-Performance schwächelt oder neue Top-Mitarbeiter gesucht werden: Bereits aus Bewerbungsunterlagen kann sie Aufschlussreiches herauslesen und auch so manchen Schwachpunkt oder dunklen Fleck aufdecken.

Zu den Kernaufgaben von Staniek und ihrer Profiling Task Force aus internationalen Experten gehört die Analyse und Interpretation von Texten aller Art. Erpresserbriefe, Stalker-SMS, sexuelle Belästigung auf WhatsApp – aus den Buchstaben zeichnet die Expertin ein Bild des Autors, dessen Intentionen und Gefährlichkeit. „Sprachprofiler analysieren jegliche Art anonymer Texte, die z.B. über Email, Briefe, SMS-Nachrichten, WhatsApp eintreffen. Sie müssen oft sehr schnell handeln, wenn Gefahr im Verzug ist. Die Texte werden dann anhand von Sprachmustern untersucht und analysiert“, so Staniek.

Ihre tägliche Arbeit besteht aus der Analyse von Schriftstücken wie Testamenten, Droh- und Erpresserbriefen, anonymen Schreiben oder Internettexten, die andere diskreditieren oder verleumden. Auch bei Wirtschaftsspionage und allgemeiner Wirtschaftskriminalität werden Sprachprofiler hinzugezogen. „Die Auftraggeber sind in erster Linie Unternehmen, die stille Ermittlungen ohne Staatsanwaltschaft wünschen“, plaudert Staniek aus dem Nähkästchen. „Deren Ziel ist es, Klarheit zu gewinnen. Hierbei handelt es sich oft um interne Verleumdungen, bei denen gegen Führungskräfte geschossen und der Abfluss von Informationen angedroht wird.“ Behörden und Privatpersonen gehören ebenfalls zu ihren Klienten. Wo anonym bedroht, verleumdet und erpresst wird, unterstützen die Sprachprofiler Polizei und Staatsanwaltschaft. Dann liefern Staniek und ihre Partner vom Institut für forensische Textanalyse den Ansatzpunkt für Ermittlungen. „Anonyme Texte sind oft das Einzige, was die Täter hinterlassen“, so die Profilerin. „Für Unternehmen können anonyme Briefe schnell rufschädigend und damit finanziell problematisch werden. Das Misstrauen gegenüber mehreren potenziellen Mitarbeitern kann die Arbeitsatmosphäre vergiften. Hier schaffen wir Klarheit.“ Von Vorteil ist, wenn Vergleichstexte Verdächtiger vorliegen.

Texte verraten den Autor

Es ist erstaunlich, was eine kurze Textprobe über den Autor verraten kann. Dafür zieht die Profilerin alle Register: „Die Analyse umfasst Sprache auf all ihren Ebenen. Wortwahl, Grammatik und Zeichensetzung werden seziert, ebenso wie Satzbau, die optische Gestaltung und psychologische Faktoren. In Summe ergibt sich daraus ein sogenanntes ,Teilprofil‘, eine Kombination aus sprachlichen Merkmalsmustern, die signifikant und systematisch für diesen Autor stehen“, erklären Staniek und der Sprachprofiler Patrick Rottler. Einfacher wird ihr Geschäft, wenn Vergleichsobjekte vorliegen. Die Texte werden „übereinander gelegt“, und bereits dadurch kann oft eine Autorenschaft ausgeschlossen oder bewiesen werden. Am Ende steht eine Bewertung, ob es wahrscheinlich ist, dass ein Verdächtiger auch wirklich die belastenden Zeilen verfasst hat.

Eine gründliche Sprachanalyse ist ein äußerst aufwendiger und zeitraubender Vorgang. Texte werden zuerst einer manuellen Analyse auf verschiedenen Ebenen – Gestalt, Syntax, Grammatik und Wortwahl – unterzogen: „Als Sprachprofiler liest man so ein Schreiben dann locker 30 bis 80 Mal.“ Danach kommt ein spezielles Computerprogramm zum Einsatz. Es bereitet einen Text so auf, dass jedes Wort mit jedem Wort und jedes Satzzeichen mit jedem Satzzeichen verglichen werden kann. Das Ergebnis lässt Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen, die der (menschliche) Profiler dann interpretiert. Zuletzt geht es an die Beweisführung, denn die Ergebnisse müssen wasserdicht sein und oft als Beweisstück vor Gericht standhalten. „Richter sind zumeist Laien auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft, deshalb muss das Ergebnis nachvollziehbar sein“, unterstreicht Staniek. „So hat ein Sprachgutachten oft einen Umfang von mehreren hundert Seiten.“ Die Text-Analyse ist ein zeitraubender und aufwendiger Prozess, deshalb sind die Kosten dementsprechend: „Die Arbeit ist eine Wissenschaft, die wissenschaftlichen und juristischen Standards genügen muss. Dafür reicht kein schneller Blick auf die Texte. Wir liefern eine hochgradig spezialisierte Dienstleistung. Jeder Fall ist anders. Es gibt kein Schema F. Das macht jeden Fall aufs Neue spannend, aber die Arbeit nicht automatisierbar.“

Schreibstil, Zeichensetzung oder Wiederholung von Fehlern lassen erste Schlüsse über das Alter eines Schreibers zu. „Besonders relevant sind Abweichungen von der Standardsprache. Das können Fehler sein, aber auch Besonderheiten, die nicht als Fehler gelten. Regionale Eigenheiten, also der Dialekt zum Beispiel“, so Staniek.

Erstaunlich: Als der ExtraDienst der Expertin sieben anonymisierte Textproben prominenter heimischer Journalisten vorlegte, konnte sie die Autoren ohne Zögern aus dem Stand nennen!

Trefferquote: 100%

Das Prozedere: ExtraDienst wählte willkürlich einige Zeilen von Wolfgang Fellner (Österreich), Hans Rauscher (Standard), Martina Salomon (Kurier), Helmut Brandstätter (damals noch beim Kurier), Christian Rainer (Profil) und Christoph „Aurelius“ Dichand (Kronen Zeitung) sowie ExtraDienst-Herausgeber Christian W. Mucha aus. Verräterische Name-Droppings und alles andere, was auf den Autor oder das Medium hätte schließen lassen, wurden geschwärzt. Danach machten sich Patricia Staniek und ihre Partner für das Sprachprofiling, Patrick Rottler und Raimund Drommel vom Institut für forensische Textanalyse, über die Texte der Edelfedern her.

Eines gibt die Powerfrau, deren Hauptdomäne die Analyse von Menschen ist, zu: „Die vorgegebenen Texte habe ich, ehrlich gesagt, mehr spontan, aufgrund meiner persönlichen Leseerfahrung zugeordnet. Vor allen Dingen wählt ein Journalist ja seine Wörter sehr bewusst. In diesen Fällen habe ich mich abgesichert, indem ich verschiedene Artikel von den jeweiligen vermuteten Journalisten verglichen habe“, verrät sie ihre Trefferquote von 100 %.

Das Problem mit Journalistentexten: Es handelt sich nicht um Worte, die spontan in Rage – wie bei einem Droh-SMS – oder kalkuliert verstellt wie bei einem Erpresserschreiben entstanden sind. Das macht die Aufgabe schwieriger. Ein Täter schreibt so, wie es ihm in den Sinn kommt, während Journalistentexte meist überlegt formuliert und redigiert sind. „Die Aufgabenstellung, journalistische Texte zu analysieren, ist natürlich nicht ganz einfach“, erklärt Staniek. „Denn kaum ein Text wird unredigiert gedruckt. Es lesen mehrere Personen drüber und im Zweifelsfall werden die Texte von mehreren Personen in mehreren Schritten bearbeitet und umgeschrieben. Außerdem orientieren sich Journalisten an Vorgaben zur Textsorte. Eine Reportage unterscheidet sich grundsätzlich von einem Kommentar. Das wird sich im Schreibstil niederschlagen. Täter haben aber keine Redaktionen und es gibt keine DIN-Norm für Erpresserbriefe. Das heißt, ein Täter schreibt drauf los. Er will eine Botschaft vermitteln und greift dabei auf seine Sprachkompetenz zurück. Das macht es leichter, individuelle Muster zu erkennen.“

Anzumerken ist, dass es sich bei der Analyse für den ExtraDienst um eine oberflächliche Deutung handelt. Das vollständige und gründliche Zerlegen der Journalisten-Texte hätte Tage gedauert und ein stattliches Honorar gekostet. Zusätzlich können bei einem peniblen Profiling Wesenszüge der Autoren aufgedeckt werden, die in eventuell nicht besonders angenehm sind…

Analysetexte

Wolfgang Fellner:
„Faktisch und direkt“

Die wertende Wortwahl könnte Verdachtsmomente auf die politische Orientierung des Autors aufkommen lassen. Er verwendet eine Vielzahl von optischen Gestaltungsmitteln wie Gedankenstriche, kurze Statements, Anführungszeichen, Doppelpunkte und umgangssprachliche Verkürzungen wie „gibt’s“ statt „gibt es“. Zusätzlich werden Anglizismen verwendet. Was den Autor entlarvt, ist die häufige Verwendung von Zahlen, Daten und Fakten. Der Tonfall ist faktisch und direkt – der Urheber ist Wolfgang Fellner.

 

Hans Rauscher:

„Gestochene Wortwahl“

Der Einstieg in den Text ist professionell mit einem Zitat und einer Referenz auf eine Diagnose von Paul Lendvai als Experten. Das verstärkt die Wirkung. Die Wortwahl ist auffällig gestochen, die Sprache intellektuell und bildhaft. Gleichzeitig hat der Autor kein Problem mit einer stilniederen Doppelung und Umgangssprachlichkeit. Hinzu kommen polemische Formulierungen und Parallelismus als Stilmittel. Anführungszeichen werden nicht nur bei Zitaten verwendet, sondern auch zur Ironisierung („nur“). Anglizismen, die wörtliche Wiederholung einer Textpassage als Zwischenüberschrift und eine Frage am Textende lassen auf Hans Rauscher schließen.

 

Martina Salomon:

„Tendenziell weiblicher
Schreibstil“

Der Einstieg in den Text mit einer Frage inklusive deren Beantwortung lässt tendenziell auf eine Autorin schließen. Anmerkungen zur eigenen Bewertung und Zusatzinfos werden in runde Klammern gesetzt. Entgegen der Stilregel, dass einstellige Zahlen ausgeschrieben werden, bevorzugt die Verfasserin die in sich stimmige Schreibweise in Ziffern („7 auf 19 Prozent“). Die Zwischenüberschrift ist eine Handlungsaufforderung, die sich nur angedeutet im Text wiederfindet. Eine Eigenheit ist die Schreibweise der Einheit Kilogramm als „kg“, „Prozent“ wird ausgeschrieben. Es werden Kurzformen wie „bio“ statt biologisch verwendet. Leicht abwertende Formulierungen wie „Öko-Bewegte“ oder „Pilz-Truppe“ dienen vermutlich als „Lese-Cather-Funktion“, denn der Grundtenor des Textes steht diesen Gruppen nicht negativ gegenüber. Adverben und Adjektive transportieren die eigene Wertung. Statt „prozentuell“ wird „prozentual“ eingesetzt, das eher in Deutschland und der Schweiz geläufig ist. Der Text ist weitgehend sachlich, dennoch mit Wertungen gespickt, was auf Martina Salomon deutet.

Lesen Sie die ganze Story im neuen ExtraDienst

ED 8 19 Cover HiRes OK 8. Dezember 2021

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