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Rudis Ratlosigkeiten

Stell dir vor, du könntest Corona besiegen. Aber keiner hört zu. Aus politischer Räson.
© Archiv

Gibt es eine Steigerung von verrückt? Was unser Verlagshaus angeht und das, was wir nach 46 Jahren 2020 erlebt haben, hätte ich diese Frage mit einem eindeutigen Nein beantwortet. Obwohl sich’s natürlich – grammatisch gesehen – durchaus steigern lässt.
Seit dem 10. Februar 2020 weiß ich – es gibt eine Steigerung von verrückt. Noch dazu eine gewaltige.
Nach dem letzten Jahr, in dem wir mit einem Portfolio, das nicht gerade Corona-geeignet ist, mit der größten Reisefachzeitschrift von Österreich auf dem Buckel, schlussendlich mit einem erstaunlich guten Schlussergebnis (nur 6,9 Prozent verloren) uns über die vermaledeite Pandemie gerettet haben, zog ich im November die Notbremse.
Zeitschriften tragen das Wort „Zeit“ im Titel. Und wenn du beizeiten eines verlierst, nämlich die Chance, zu planen, dann wird das Managen schier unmöglich.

Unsere Mitarbeiter haben wir – nach bestem Wissen und Gewissen – durch das letzte Jahr bis zur Jahreswende mitgetragen. Danach eine Atempause eingelegt. Im Februar wollte ich dann ausloten, ob da noch etwas geht. Und dann passierte etwas schier Unglaubliches: Wer – so wie ich – seinen Lebenstraum erfüllt hat, seine Berufung zum Job machen durfte und noch dazu mit dem Glück gesegnet war, dass die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, einen ganzen Lebenszyklus lang funktionierte, der darf sich durchaus glücklich schätzen.
Wenn man fast ein halbes Jahrzehnt lang – unbeschadet von Krisen und Naturgewalten, in Frieden sicher, stetig und kontinuierlich seine Arbeit machen kann, dann bedeutet das pure Erfüllung.
Dabei ist mir schon 2008 (beim großen Einschnitt in der Medienbranche) klar geworden, dass sich das Fachzeitschriftenmachen in herkömmlichem Sinn seinem Ablaufdatum nähert.
Mehrere Anläufe meinerseits (altersbedingt, krankheitsbedingt, faulheitsbedingt), mich dieser Aufgabe zu entledigen, gingen erbärmlich schief. Ich überstand eine schwere Krankheit, eine Fehlentscheidung, was meinen Nachfolger betrifft, und selbst das Corona-Jahr steckten wir weg, als wäre da nichts gewesen.
Gleichzeitig realisierte ich, dass die Arbeit für mich ein Jungbrunnen ist. Dass ich ohne die selbst gestellte Aufgabe, ohne 16-Stunden-Tage, ohne Recherche, Kommunikation und Akquisition, wie man auf gut Wienerisch sagt, „wie eine böhmische Leinwand eingehe“.
In den insgesamt viereinhalb Monaten, in denen ich es mir vor einigen Jahren leistete, nichts zu tun, bin ich um etliche Jahre gealtert. Und kaum hatte ich mich wieder in den normalen Arbeits-Wahnsinn gestürzt, erholten sich die kleinen grauen Zellen blitzschnell, blühte ich wieder auf.
Beim genauen Nachdenken habe ich um die Jahreswende realisiert, dass ich eines garantiert nicht möchte: Dass irgendjemand, der sich in einigen Jahren an mich erinnert und mich auf Wikipedia googelt, dort den Text findet: „Christian W. Mucha, 1954-2024“. (Das ist jetzt keine selffulfilling prophecy, wann ich abdanke, sondern ein willkürlicher Termin – wer weiß schon, wie viele Tage ihm noch gegeben sind.) „Hat 2021 coronakrisenbedingt seinen Verlag geschlossen.“
Also habe ich die maßgeblichen Proponenten unserer Branche durchgerufen. Und ihnen von meinem Traum erzählt. Dass wir an den Iden des März 2021 eine Zeitschrift herausbringen wollen, in der die gesamte Branche zusammen-steht. In der wir alle gemeinsam ein „Ätsch“ in Richtung Corona ausrufen. In der wir – wenn Sie so wollen und mir den rüden Vergleich verzeihen – dieser grauslichen Pandemie einen gemeinschaftlich hochgehobenen riesengroßen Mittelfinger entgegenstrecken.
Sohin vergeben Sie mir, wenn ich es als sportlichen Ehrgeiz empfunden habe, das Jahr 2021 durchzudrücken. Mit Ihnen allen gemeinsam. Das Erstaunliche: Allen hat dieser Denkansatz verdammt gut gefallen. Kaum ein langjähriger Geschäftspartner, der meine Meinung nicht teilt. Und der nicht mitmacht.
Deshalb erfüllt es mich mit immenser Freude und Stolz, dass ich – im Namen von uns allen, die wir da in dieses Geschäft unser Herzblut, unser Engagement und unsere Courage investieren – ein Heft mit 374 Seiten präsentieren darf.
Dafür danke ich Ihnen allen. Von Herzen.
Aber, ich schlage vor, Sie halten es so wie ich: Schluss machen, aussteigen, zusperren, den Kopf einziehen, den Nacken beugen, einknicken, die Patschen strecken, aufgeben – das sind für mich keine Optionen. Und für Sie garantiert auch nicht.
Mein verwichener Vater, der alte Mucha, pflegte zu sagen: „Aufgeben tut man nur einen Brief.“ Deswegen erlaube ich mir, dann zuzudrehen, wenn ich das will. Und nicht, wenn das vermaledeite Corona uns das vorschreibt…
Gestatten Sie mir an dieser Stelle, einige Bemerkungen zur aktuellen wirtschaftspolitischen Situation zu machen: Mir ist vollkommen klar, dass viele unter Ihnen ziemlich schockiert darüber waren, dass es einem alten Zeitungsverleger einfällt, so etwas Schräges wie „Impfreisen“ zu erfinden.
Damit hier keine falschen Eindrücke entstehen, möchte ich Ihnen zu diesem Thema, das medial durch die Decke gegangen ist und zu einer nachhaltigen Meinungs-Spaltung derer, die darüber diskutiert haben, geführt hat, eine knappe Erklärung geben. Und Ihnen meine Motive dafür darlegen: Ich habe im Herbst des vorigen Jahres, um den Oktober herum, mich in Ruhe hingesetzt und nachgedacht. Und mir überlegt, wie denn die Zukunft aussehen könnte. Zu diesem Zeitpunkt habe ich eine ganze Reihe von Erkenntnissen gewonnen, die – bis auf einen einzigen, völlig unerwarteten Punkt – samt und sonders Realität wurden: Zum einen war mir klar – und das ist der Kernpunkt all meiner Überlegungen –, dass die einzige Chance für uns alle, die Pandemie zu besiegen, darin liegt, uns impfen zu lassen. Im Herbst des vorigen Jahres war die Zahl der Impfzögerer, -zauderer und -verweigerer noch so hoch, dass man davon ausgehen musste, dass wir die notwendige Durchimpfungsrate von rund 70 Prozent nie erreichen kön-nen. Was im Klartext Folgendes bedeutet hätte: Ein ewiges Weiterwurschteln mit einem Lockdown nach dem anderen, mit Masken, mit einem Niedergang der Wirtschaft ewig in weiterwährendem, noch nie dagewesenem Maß.
Mir war vollkommen klar, dass, wenn das Impfen durchgeführt wird, sich eine gewaltige Kluft in der Gesellschaft öffnen wird: Auf der einen Seite die Geimpften, die auf der sicheren Seite sind. Die sich bewegen können. Die wie-der ihre Freiheit gewinnen. Die Privilegien sonder Zahl haben. Und auf der anderen Seite die Parias. Die, die sich nicht impfen lassen wollen. Die zu Hause versauern müssen. Die jede Menge Nachteile in Kauf nehmen müssen.
Also wollte ich einen Anreiz für das Impfen schaffen. Meine Überlegungen gipfelten darin, dass ich – über befreundete, einflussreiche Kommunikatoren – der Regierung vorgeschlagen habe, einen Impfbutton zu unterstützen. Daraus entstand dann meine Aktion „impfmitmensch.at“. Jene, die sich impfen lassen, sollten dieses deutlich erkennbare Symbol, ein Risiko einzugehen, um den Mitmenschen zu helfen, auf der Brust tragen. Dazu wollten wir eine App entwickeln, das Ganze mit einem QR-Code versehen und – und das war eine ziemlich einmalige Draufgabe – die Unternehmen einladen, jene, die sich impfen lassen, zu belohnen. Sei es, dass die am Airport in eine Fast Lane kommen, dass sie schneller abgefertigt werden oder dass sie, wenn diese App auf jeden Bezahlschranken aufgesetzt werden kann, Rabatte und Nachlässe bekommen. Dass man zum Beispiel bei Skidata, wo diese App aufgesetzt wer-den kann, einen Rabatt für eine Skiwoche als Geimpfter bekommt. Oder beim Airport neben der Fastlane um einen Sonderpreis Zutritt zur Businessclass-Lounge erhält.
Die Regierung hat diese Idee von mir mit Grandezza abgeschmettert. Die Erklärung dafür wurde uns offiziell so nie gegeben. Sie ist aber nachvollziehbar, verständlich und – trotzdem in meinen Augen erbärmlich. Die Signale, die man meinen Herolden übermittelte, waren: Es wird keine Bevorzugungen geben von jenen, die geimpft sind, oder eine Benachteiligung für jene, die sich nicht impfen lassen. Denn wer sich politisch mit dieser großen Zielgruppe anlegt, der verliert Wähler. Dem Kanzler und seiner Entourage war zu diesem Zeitpunkt klar (die Herrschaften ticken noch immer so), dass die Mehrheit flugs perdu ist, wenn man eine allgemeine Impfpflicht einführt. Wobei ich das für das Klügste gehalten hätte. Und – eine Bevorzugung jener, die sich impfen lassen, wäre nicht vorgesehn.
Noch im Oktober wusste ich, dass es ganz anders kommen wird. Und – ich prophezeite, dass zum Beispiel große Touristik-Unternehmen mit viel Trara herausposaunen würden, dass niemand, der sich nicht impfen lassen würde, Nachteile in Kauf nehmen muss. Irgendwie habe ich’s auf den Punkt getroffen: Noch im November verkündete der Vorstandsdirektor des größten deutschen Reiseveranstalters, TUI, großmundig, dass man als Ungeimpfter keine Buchungs-Nachteile haben werde. Von wegen. Schon passiert. Mittlerweile haben sich meine Prophezeiungen zur Gänze erfüllt. Die Kluft ist längst da. Die Vorteile für die Geimpften bereist jetzt deutlich erkennbar. Die Nachteile für die Ungeimpften werden schmerzlich sein. Und: Jennifer Gates hat genau jenen Button der Welt präsentiert, den ich im Oktober 2020 vorgestellt habe. Im Februar 2021.
Doch nun zu dem Punkt, den ich völlig falsch eingeschätzt hatte: Ich dachte mir, dass wir großzügig und vorausblickend Impfstoff einkaufen werden. Wie mittlerweile bekannt ist, hat die Regierung rund 200 Millionen Euro eingespart. Eine „tolle“ Ersparnis, wenn man weiß, dass in Deutschland ein Tag Lockdown rund acht Milliarden kostet. Und wenn man das auf Österreich herunterrechnet, wo der Tourismus einen weit höheren volkswirtschaftlichen Wertanteil hat als in Deutschland, dann muss man davon ausgehen, dass ein Tag Lockdown uns rund eine Milliarde kostet. Also 100 Tage 100 Milliarden. Im Vergleich zu den 200 Millionen, die „klug, sorgfältig und sparsam handelnde Beamte“ (was für ein Hohn) der Republik erspart haben, das schlechteste Geschäft aller Zeiten.
Mit diesem Bauchfleck der Regierung und insbesondere des erbärmlich agierenden Gesundheitsministeriums war meine Page impfmitmensch.at, die im Jänner bereits online war, Geschichte. Denn du brauchst nicht für die Impfbereitschaft zu werben, wenn‘s zu wenig davon gibt. Und wenn die politisch Verantwortlichen es in ihrer Unfähigkeit verabsäumt haben, zeitgerecht die notwendigen Mengen zu ordern.
Aus der Enttäuschung über das Versäumnis der EU und über die Unfähigkeit unseres Gesundheitsministeriums und seiner Beamten entstand dann die zweite Idee. Für Impfreisen. In einem Telefongespräch mit Bundesminister Rudolf Anschober erläuterte ich dem, warum ich die Impfreisen erfunden habe: Kennen Sie den Witz mit dem Geisterfahrer? Zur Erinnerung: Ein Mann fährt mit dem Auto und hört die Durchsage „Achtung, auf der A2 kommt Ihnen ein Geisterfahrer bei Kilometer 147 entgegen.“ Und er ruft: „Was heißt einer? Das sind Hunderte…“ Im Klartext: Er selbst ist der vermaledeite Geisterfahrer.
Mein Denkansatz lautete wie folgt: Wenn sich da tausend Leute in einigen Wochen unverbindlich voranmelden, um mit uns auf Impfreise zu gehen, und bereit sind, dafür zwischen 3000 und 20.000 Euro zu bezahlen, dann könnte doch der eine oder andere Impfzögerer auf die Idee kommen, dass er falsch gewickelt ist. Und nicht die anderen. Denn schließlich ist die einzige Alternative zum Impfen, Corona auszufassen. Und daran sterben bekanntlich vier von tausend Leuten. Und seit den Mutationen ist diese Zahl drastisch gestiegen.
Ich durfte sohin Minister Anschober mitteilen, dass meine Impfreisen ein maßgeblicher Beitrag dazu sind, die Zahl der Impfgegner zu verringern. Und die, die da nicht mitmachen wollen, zum Nachdenken zu bringen. Kein Nebeneffekt. Der Hauptgrund, warum ich diese Sache erfunden habe.
Anschober wischte die Causa vom Tisch, konzidierte mir aber, dass es ein Umdenken in der Bevölkerung gebe. Und dass das wohl unter anderem auch auf meine – medienwirksame – Aktion zurückzuführen sei. Und meinte vollmundig: „Ende März, lieber Herr Mucha, können Sie Ihre Impfreisen vergessen. Denn dann gibt es genug Impfstoff in Österreich.“ Ich habe Anschober mit Johann Wolfgang von Goethe repliziert. Und gemeint: „Die Botschaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube.“
Die Realität hat den Gesundheitsminister mittlerweile eingeholt. So, wie der derzeitige Stand der Dinge ist, werden unsere Impfreisen auch noch im April immens gefragt sein. Denn mittlerweile haben sich 20.500 Menschen (in Worten: zwanzigtausendfünfhundert) auf der Plattform unverbindlich vorangemeldet. Tausende wären sogar bereit, russischen, chinesischen oder kubanischen Impfstoff zu erwerben. Nur, um ihre Freiheit wieder zu gewinnen.
Wohlgemerkt: Ich spreche da nicht vom April 2021, sondern 2022.
Der nächste Schritt, der jetzt auf uns zukommt, ist mir auch schon klar: Anschober und seine hilflosen Mitstreiter werden auch den grünen Impfpass verpfuschen.
Das Faszinosum daran: Ich kenne einen Unternehmer in Deutschland, der diesen Impfpass fixfertig hat. Der Mann erhält nicht einmal die Möglichkeit, das zu offerieren. Das Gesundheitsministerium wird auch diese Causa verpfuschen.
In solchen Momenten sitzt du da und verkrampfst dich. Und denkst dir – wie armselig laufen die Dinge in diesem Land. So bleibt denn eine einzige Sicherheit: Dass wir uns weiter grfretten müssen, dass die Planbarkeit weg ist. Und dass das Einzige, was fix ist, in der Unfähigkeit unserer Politik zu finden ist, die Zukunft garantiert nicht oder nicht vernünftig zu bewältigen. Lassen Sie mich das an einem letzten Punkt erläutern:
Ich bin ein großer Befürworter davon, die Gastronomie wieder zu öffnen. Die Argumente dafür sind knapp, logisch und einleuchtend. Sie werden freilich kaum kommuniziert. Wir haben durch die Lockdowns das gesamte kommunikative Geschehen in den privaten Bereich verschoben. Im häuslichen Bereich schert sich keiner um Masken, um Tests, um Abstand, um Hygiene. Dort treffen sich die Menschen. Und übertragen fröhlich im Schutz der Privatsphäre das Virus weiter, wo die Regierung weder eingreifen kann noch will noch darf.
Wäre die Gastronomie geöffnet, dann würde beim Speisen, beim Treffen und beim Kommunizieren alles in einem geordneten, den Corona-Regeln folgenden Rahmen ablaufen. Was bedeutet, dass die Zahl der Infektionen bei einer Öffnung der Gastronomie deutlich geringer wäre als jetzt, wo alles in den privaten Bereich verschoben wurde. Nur leider denken die in der Regierung und vor allem im Gesundheitsministerium nicht so. Und damit heißt es weiter für die Gastronomie: Warten auf Godot.
Das Traurige daran: Wer das Stück kennt, weiß, der Typ kommt bis zum Schlussvorhang nicht. Aber eines bleibt uns allen: Das Zusammenhaltsgefühl in der Kommunikationsbranche, das in diesem Heft signalhaft zusammengeführt wurde. Dass ich das verantworten darf, erfüllt mich mit großer Freude und mit Stolz. Bitte bleiben Sie gesund.

Herzlichst Ihr

Christian W. Mucha
Herausgeber

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