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Nur nicht schwächeln

In unserer zynischen Wettbewerbs-Gesellschaft halten sich nur die Stärksten oben.
© MG Mediengruppe

Christian W. Mucha

Du sollst – das habe ich in all den Jahren gelernt – den Leitartikel immer mit der stärksten Meldung des Monats beginnen. Also will ich mich auch diesmal daran halten. Wenn Dr. Alexander Wrabetz in unserem Ranking der 1145 wichtigsten Kommunikations-Manager nur auf dem fünften Platz landet, dann ist das eigentlich ein Hohn.  Denn der Mann müsste überragend an allererster Stelle landen. Und hinter ihm 100 freie Plätze Raum. Denn dass trotz Regierungswechsel der alte Rotfuchs es mit seiner Cleverness, seiner brillanten Taktik und seiner Wendigkeit geschafft hat, weiter unbeschädigt in Amt und Würden zu bleiben, kann man nur als machiavellistische Meisterleistung bezeichnen. Kein Mensch hätte auf Wrabetz auch nur einen einzigen Cent verwettet. Das ist so, wie wenn in der Champion’s League der Sportclub auf den FC Barcelona trifft. Da setzt du nicht viel auf die Dornbacher. 

Deshalb beginne ich mit den Breaking News am Anfang meines Leitartikels: Wrabetz hat sich nicht nur gehalten, er wird sich auch weiterhin halten. Und das ist fix. Seit wenigen Stunden weiß ich aus erster Hand, dass die ÖVP mit aller Kraft verhindert, dass es irgendeine Änderung beim ORF gibt. Sprich: Kein neues Rundfunkgesetz bis auf Weiteres, kein Fall der Gebühr. Die FPÖ läuft diesbezüglich Sturm und möchte unbedingt alles verändern, scheitert aber am Mehrheitspartner in der Regierung.

Für Wrabetz bedeutet das ruhige Jahre und die alleinige Führungsmacht in seiner Hand. Weiterhin. Warum das so ist, kann nur gemutmaßt werden. Insider meinen, dass der clevere Jung-Kanzler hofft, dass es weiter so aufwärts mit seiner Politik geht. Dass er noch fehlende Prozentpunkte einsacken kann und sich nach der nächsten Wahl ein Partnerwechsel ausgeht. Setzt er bis dahin auf ein Hinhalte-Manöver und schiebt das Thema ORF bis knapp ans Ende der Legislaturperiode, dann weiß man aus Erfahrung, dass sich im letzten Jahr einer Regierung kaum mehr etwas bewegt. Und dann hat Kurz mit einer starken, SPÖ-unterwanderten ORF-Riege und einem weiterhin durchfinanzierten ORF ohne Polit-Eingriff seinen Draht zu den Roten verbessert. Kein angenehmes Szenario für Strache, Hofer, Kickl und Co., die ziemlich satt darauf sind und mit aller Macht versuchen, beim ORF doch noch die Sache zu drehen. Ob denen das gelingt, ist fraglich. 

Die nächsten Zeilen schreibe ich sehr sorgfältig. Mit rechtlicher Unterstützung. Immer wieder werde ich gefragt, warum jener Medien-Manager, der am Wörthersee einen tragischen Motorboot-Unfall verursacht haben soll, sich bedeckt hält und auf dem Schutz seiner Privatsphäre besteht. Obwohl eigentlich eh schon jeder in der Branche weiß, um wen es sich handelt und in einschlägigen Foren – natürlich anonym und nicht klagbar – namentlich auf ihn eingedroschen wird. Sollten Sie nicht wissen, von wem ich spreche, dann empfehle ich Ihnen, in Google den Begriff „Räuberhauptmann“ einzugeben, am besten mit seinem Geburtsdatum 4. April 1790. Dann sind Sie beim Namen des Mannes, um den es hier geht. Bei der Tageszeitung, bei der er seit November werkt (und den Digitalbereich managed), geht der Mann anders mit der Causa um, als das der Rumor verbreitet. Sehr offen sprach er dort in einer Redaktionsversammlung im Dezember darüber, dass er einzig zum Schutz seiner Kinder bisher nicht öffentlich Stellung zu der brisanten Thematik genommen hat. Und wie froh er darüber ist, dass sich alle Medien bisher an das Gesetz gehalten haben. Klar: Würde er selbst an die Öffentlichkeit gehen, so hätten alle Medien einen Freibrief, namentlich darüber zu berichten. Nur das wollte er seiner Familie nicht antun. 

Und jetzt zur wahrhaftigen Bombe in dieser Causa, die von den Medien völlig falsch dargestellt wurde: Aus Rücksichtnahme auf die Opferfamilie und auch auf seine eigenen Angehörigen wollte er das erstinstanzliche Urteil von zehn Monaten annehmen (!). In den Medien wurde das so dargestellt, als wollte er weiter auf Zeit spielen und „hinhalten“. Stimmt aber nicht. Er hätte gar nicht gegen das Urteil berufen und hatte das auch dem Staatsanwalt signalisiert. Doch nachdem der auf einer Berufung bestanden haben soll, blieb auch dem ehemaligen ORF-Spitzenmanager faktisch keine Wahl. Die Berufungsverhandlung erwartet er nun noch im ersten Halbjahr, berichtet er seinen im Umgang mit dem Thema durchaus positiv überraschten Kollegen. Was lernen wir daraus: Nicht alles, was Menschen öffentlich medial unterstellt  wird, muss auch so stimmen. Glauben Sie mir, liebe Extra-Dienst-Leser, auch ich weiß ein Lied davon zu singen. Ganz besonders, was mein öffentliches Privatleben betrifft…

* * *

Zweiundvierzig Jahre. Eine lange Zeit. Davon 37 Jahre ExtraDienst. Wenn ich auf meiner Bücherwand auf rund zehn Meter gebundene Jahresbände jener Zeitschriften, die ich in all diesen Jahren produziert habe, blicke, dann werde ich wehmütig. Kann es aber auch nicht fassen, dass ich das, was mein Großvater mir geraten hatte, in diesem Leben realisieren konnte. Er meinte: „Das Einzige, was in einem Berufsleben zählt, ist die Qualität der langen Strecke. Jeder Nichtsnutz kann auf schnelle Art Geld verdienen. Aber über einen langen Zeitraum eine gleichbleibende Leistung zu bringen – das ist die Qualität, die Respekt verdient.“ 

Ich habe mich bemüht, seinem Rat zu folgen, und bin stolz darauf, dass in diesen 42 Jahren nur eine einzige Ausgabe einer Zeitschrift nicht erschienen ist. Krankheitsbedingt. 

Die letzten zweieinhalb Jahre waren freilich einigermaßen hart. Wer mein Schicksal verfolgt hat, der wird wissen, dass ich mit einer schweren Krankheit kämpfen musste, aus der ich – dank der Behandlung des Naturheilers Christian Aumüller – im letzten Sommer völlig gesund wieder hervorgegangen bin. Doch in dieser Zeit habe ich zum ersten Mal so etwas gezeigt wie Schwäche. In unserer „Leistungs-Gesellschaft“ geht’s zu wie in der Savanne. Sagt man. Nur wer stark genug ist, im Rudel mitzulaufen, wird nicht von den Hyänen gefressen, die hinterherlaufen und nur darauf warten, dass einer lahmt. Ich hatte das nie geglaubt. Mit Treue, Partnerschaft, Respekt gerechnet und damit, dass man es sich auch leisten kann, Schwäche zu zeigen. Heute weiß ich: Davon ist keine Rede. Schon wenige Wochen, nachdem ich – was mittlerweile revidiert und Schnee von gestern ist – angekündigt hatte, meinen Verlag zu verkaufen, saß ich bei der ORF-Programmpräsentation, wo ich immer einen Ehrenplatz im Parkett unter den Mächtigen des Landes hatte, plötzlich oben am Rang bei den Hinterbänklern. Einzig Martin Biedermann, die ORF-Marketing-Kanone, erbarmte sich meiner und brachte mich persönlich zu einem freien Platz im Parkett. Müßig zu erwähnen, dass mein Nachfolger, der den Verlag übernommen hatte, in einer der vordersten Reihen platziert wurde. Mehr, glaube ich, bedarf es nicht an Beweisen, um aufzuzeigen, wie schnell du in diesem Geschäft vom Fenster weg bist. Im wahrsten Sinne des Wortes. In der Zeit, in der ich mich zurückgezogen hatte (immerhin sechs Monate), erhielt ich plötzlich keine Einladungen mehr. Viele Kunden strichen unserem Nachfolge-Unternehmen die Budgets. Alles verlief nach demselben Strickmuster: Der Mucha ist waidwund. Der zieht sich zurück. Mit dem brauchen wir nicht mehr zu rechnen. Den streichen wir von unserer Liste. Sein Nachfolger hat eh nicht das Format. Der kann ihm sowieso nicht das Wasser reichen. Den lassen wir erst gar nicht an den Futtertrog. 

In solchen Zeiten lernst du, wer deine wahrhaftigen Freunde sind. 

Ich habe meine Lektion gelernt. Und verstanden, dass die Weisheit von Oscar Wilde (1854-1900), wonach in unserer Gesellschaft nur die Jugend, die Schönheit und die Stärke zählen, auch heute, im 21. Jahrhundert, so gilt wie damals, als er sein „Bildnis des Dorian Gray“ schrieb. 

Die, die mich und ExtraDienst abgeschrieben hatten, haben freilich im letzten Jahr eine herbe Überraschung erlebt: Weil wir wieder zurück sind. Und stärker als je zuvor. Mit dem vorliegenden Heft zu Beginn unseres 38. Jahrgangs bringen wir die stärkste Ausgabe, die je im Mucha Verlag/der MG MedienGruppe erschienen ist, auf den Markt. Mit 406 Seiten, einer 40-seitigen Titelgeschichte, mit 1145 Managern, die wir bewerten. Und dem umsatzstärksten Heft, das wir jemals produziert haben. 

Wer sich das Drama der jüngsten Media Analysen und der neuesten ÖAK ansieht, wo fast alle deutlich an Terrain verlieren, der kann ermessen, was solch ein Muskelspiel von unserem Verlagshaus in dieser Branche bedeutet. 

Und da wir im vorigen Jahr schon diverse Top-Ausgaben präsentiert haben und da denen, die mich über Nacht links liegen ließen, auch schon im vorigen Jahr nachhaltig aufgefallen ist, dass da plötzlich wieder starke Zeitschriften in der MG MedienGruppe erscheinen, können wir auch wirtschaftlich auf ein hervorragendes Jahr 2018 zurückblicken. Und ganz leise erzähle ich das: Es war vom Bilanzergebnis das beste Jahr unserer Verlagsgeschichte aller Zeiten.

Wie geht es nun weiter? Zum einen haben wir aufgrund der Jahresaufträge 2019, mit denen wir nun bereits weit fortgeschritten sind, die Gewissheit, dass dieses Jahr uns wieder auf 100 Prozent jener Flughöhe zurückführen wird, auf der der Mucha Verlag im Jahr 2016 unterwegs war. Was natürlich bedeutet, dass wir unser Team wieder aufstocken mussten. Denn als ich meinen Verlag verkauft hatte, war ich der Meinung, dass mein Nachfolger ein kleines Verlagsunternehmen leichter führen könnte als den doch relativ großen Mucha Verlag. Deshalb haben wir die Zahl der Hefte reduziert, den Mitarbeiterstab auf fast ein Viertel gekürzt, drei Viertel von unserer Bürofläche abgegeben.

Und ich wollte nicht nach einem langen Berufsleben, in dem ich viele Arbeitsplätze geschaffen habe, mit meinem Rückzug all das wieder vaporisieren. Weshalb ich mich für die scheidenden Mitarbeiter umgeschaut habe. Und heute sehr stolz darauf bin, dass keiner von denen in die Arbeitslosigkeit gefallen ist. Es sei denn, er wollte von mir (ist in zwei Fällen so passiert) gar keinen Job vermittelt haben, weil er sich reif für ein Sabbatical oder ein Timeout fühlte.

Viele Herausgeber, Chefredakteure und Verlagsmanager haben Mitarbeiter von mir übernommen. Und versichern mir immer wieder, wie toll ausgebildet jene Mitarbeiter sind, die aus dem Mucha Verlag zu ihnen gekommen sind. Jetzt, wo wir wieder erstarkt und gewachsen sind, kann ich  natürlich die Betreffenden nicht anrufen und sagen: Sorry, gebt mir die euch überlassenen Mitarbeiter zurück, denn jetzt sind wir wieder gewachsen. 

Aus diesem Grund haben wir ein völlig neues Team zusammengestellt. Voll Stolz und Freude darf ich Ihnen nun die neue Führungsmannschaft unserer Verlagsgruppe präsentieren: In der Geschäftsleitung agieren Dominik Unger, unser langjähriger Verlagschef, meine Frau Ekaterina Mucha, die das Controlling verantwortet, und ich. Die Herausgeberschaft liegt in meinen Händen. In der Chefredaktion führt Ekaterina Mucha Elite, Clemens Nechansky, der vom MedienManager kommt, den ExtraDienst, Mag. Karin Martin, die langjährige verantwortliche Schlussredakteurin bei Medizin Medien Austria war, FaktuM und FM und Keywan Rezaei, der in der Chefredaktion der oe24-Gruppe maßgeblich zum Aufbau des Online-Geschäfts beigetragen hat, die Online-Redaktion. 

Mit unseren drei verantwortlichen Redakteuren Matthias Häusler, Thomas Langer und Dominik Köhler verfügen wir sohin über ein schlagkräftiges Team, das sich einer Vielzahl weiterer und langjähriger Mitarbeiter für Reportagen, Storys und Recherchen bedienen kann.

* * *

Bis auf ganz wenige sind plötzlich all jene, die mir direkt oder indirekt zu verstehen gaben, dass sie uns von ihrer Liste der wichtigen Partner gestrichen haben, wieder zurückgerudert. Plötzlich erhalten wir wieder jede Einladung, über Nacht bin ich plötzlich wieder wer, plötzlich hat sich der Wind gedreht. Und jene, die ich meine, wissen ganz genau, dass ich sie meine, wenn sie diesen Leitartikel lesen.

Ich habe viel gelernt in diesen schwierigen letzten zweieinhalb Jahren. Meine Naivität und meinen Glauben habe ich in so manchem Punkt abgelegt. Freilich möchte ich an dieser Stelle auch all jenen ein Dankeschön sagen, die zu der Zeit, als ich mir erlaubt habe, durch die Fügung des Schicksals Schwäche zu zeigen, an meiner Seite gestanden sind, treu zu uns gehalten haben und uns nicht abgeschrieben haben. Verbunden mit dem Versprechen, dass ich diesen Job und diese Aufgabe, die mir seit so vielen Jahren so viel Spaß machen, die nächsten Jahre, wenn mir der Herrgott weiterhin gute Gesundheit schenkt, gerne vergnüglich weitermachen werde. 

Freilich mit einem klaren Blick. Und mit dem Wissen, dass ich manche Zusammenhänge durchschaut habe, die ich so niemals erwartet hätte. 

Ihnen allen, die an der Lektüre von ExtraDienst Spaß haben und uns seit Jahrzehnten begleiten und uns die Treue halten: 

Dankeschön. We are still going strong.

Herzlichst Ihr

Christian W. Mucha

Herausgeber

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