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NS-Debatte begleitet Journalismus-Preisverleihung

Diskussion über „Stern“-Gründer Henri Nannen und dessen Vergangenheit im NS-Regime
© Unsplash

Der einstige „Nannen-Preis“ wurde heuer erstmal als „Stern Preis“ verliehen

Der diesjährige Nannen-Preis wurde erstmals unter einem anderen Namen verliehen. Grund dafür ist eine Debatte um die NS-Vergangenheit des früheren „Stern“-Gründers Henri Nannen, nachdem der Journalisten-Preis eigentlich benannt wurde. Mit der Umbenennung in „Stern Preis“ wollte das Verlagshaus Gruner + Jahr und das zum Haus gehörende „Stern“-Magazin die Debatte um Nannen entschärfen und die Preisträger in den Mittelpunkt stellen. Dennoch war der einstige „Stern“-Gründer am Mittwochabend in Hamburg mehrmals Thema.

Henri Nannen arbeitete beim Reichssender München und begann dort seine journalistische Karriere. Während der Olympischen Spiele 1936 war er der Stadionsprecher in Berlin. Zudem wirkte er für die Olympia-Film G.m.b.H. als Sprecher in Leni Riefenstahls zweiteiligem Olympiafilm. Auch während des Zweiten Weltkriegs betrieb Nannen Propaganda im Sinne des Nationalsozialismus – unter anderem für die SS. Er diente der Luftwaffe als Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie. Dabei hatte er eine führende Rolle inne und verantwortete antisemitische und rassistische Flugblätter.

Gregor Peter Schmitz, Vorsitzende der „Stern“-Chefredaktion“ sagte zum Auftakt: „Vielleicht haben wir alle nicht genau hingeschaut. Und manchmal braucht es Anstöße von außen, um genauer hinzuschauen und die gab es.“ In der vergangenen Woche hatte das Verlagshaus die ehemalige Umbenennung bekanntgemacht. Zudem sagte Schmitz, dass es noch keine alternative Preis-Trophäe gebe, diese werde den Preisträgern nachgereicht. Auch bei der Öffentlichkeit war dieses Mal ein deutlich kleinerer Rahmen gewählt worden als bei früheren Veranstaltungen.

Gruner + Jahr kündigten an, man werde ein Gremium berufen, das über die künftige Verwendung des Namens für den Preis und für die Henri-Nannen-Schule beratend tätig werde. Bis Jahresende werde man eine Entscheidung treffen. Auch Nannen-Witwe Eske Nannen sagte vor Tagen, dass ein externer Historiker die Lebensgeschichte wissenschaftlich aufarbeiten soll. Angestoßen hatte die Debatte das Rechercheformat „STRG_F“ des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Diese veröffentlichten in einem Beitrag Details zur Vergangenheit des Ex-„Stern“-Chefredakteurs und Magazininitiators Nannen im Zweiten Weltkrieg.

Der begehrte Journalistenpreis wurde am Abend in mehreren Kategorien verliehen. In der Königdisziplin „Ergon-Erwin-Kisch-Preis“ für die beste Reportage gewannen Timofey Neshitov und Özlem Gezer mit ihrer „Spiegel“-Reportage „Die Hanau-Protokolle“. Am 19. Februar 2020 hatte ein Deutscher im hessischen Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen. Das Journalistenteam sprach mit Angehörigen.

Als „Geschichte des Jahres“ zeichnete die Jury die Berichterstattung des damaligen Ippen-Investigativteams und von „Spiegel“-Kollegen zum Fall des ehemaligen „Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt aus. „Warum Julian Reichelt gehen musste“ von Isabell Hülsen, Juliane Löffler, Anton Rainer, Alexander Kühn, Martin U. Müller, Daniel Drepper, Katrin Langhans und Marcus Engert erschien im „Spiegel“. Bei dem Fall geht es um Machtmissbrauchsvorwürfe gegen den Ex-Chefredakteur von Deutschlands größter Boulevardzeitung, Reichelt musste schließlich den Konzern Axel Springer verlassen. Die Berichterstattung hatte auch deshalb viel Aufmerksamkeit in der Medienbranche erhalten, weil das Ippen-Team seine Recherchen nach Intervention des Ippen-Verlegers nicht in den eigenen Medien erstveröffentlichen konnte und sich dann mit den „Spiegel“-Kollegen zusammentat.

In der Kategorie „Lokal“ gewannen die Journalisten Stella Vespermann, Andreas Neumann und Sebastian Manz mit einem Beitrag über Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Dieser erschien bei Radio Bremen. In der Kategorie „Investigativ“ wurde das Autorenteam John Goetz, Bastian Berbner, Ole Pflüger, Ben Hopkins, Sabine Korbmann, Barbara Biemann, Johanna Leuschen, Kathrin Bronnert, Lukas Augustin, Poul-Erik Heilbuth, Dietmar Schiffermüller, Volker Steinhoff, Stefan Buchen und Gunnar Krupp für den Dokumentarfilm „Slahi und seine Folterer“ über einen Guantanamo-Häftling ausgezeichnet. Er lief in mehreren ARD-Kanälen. Einen Sonderpreis des „Stern“ bekam der bekannte Dokumentarfilmer Stephan Lamby, der per Video zugeschaltet war.

 

APA/ Red.

 

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