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Armin Wolf: Wollte sich gegenüber Putin aufpudeln

 

Der ORF-Anchorman hat sich am Trittbrett der Moskau-Korrespondentin Carola Schneider wichtig machen dürfen. Und versucht, just den russischen Präsidenten aufzuplatteln. Doch das ging ordentlich in die Hose.

 

Keiner redet über Carola Schneider. Und das ist schade. Denn die Leiterin des Moskauer Korrespondentenbüros des ORF hat etwas ganz Außerordentliches zusammengebracht: Ein Interview mit Wladimir Putin, einem der längstdienenden mächtigsten Politiker dieser Welt.

Der russische Präsident, der seit seiner DDR-Zeit hervorragend Deutsch spricht, ist ein unglaublich ausgefuchster Argumentierer. Wer im kalten Russland ganz nach oben kommt und sich ein Vierteljahrhundert dort beweist, der ist kein Idiot. Der hat was drauf. Denn Macht, Erfolg oder große Karrieren sind, wie die Weisen wissen, niemals Zufallsprodukte. Man wird also nicht aus Fortune russischer Präsident. So einem sollte man mit Respekt begegnen. Auch als „Anchorman“ und „Spitzenjournalist“.

Nicht so Armin Wolf, den man auf den wortgewandten St. Petersburger losließ. Schon im Vorfeld bejubelte sich der von so vielen kritisierte Selbstdarsteller in der Sonne dieses Coups. Dabei gebührt das Lob Carola Schneider. Siehe oben.

Das Interview verlief dann genau so, wie man sich das von einem Wolf erwarten konnte. Was Kreml-Sprecher Dimitri Peskov am Tag danach der APA gegenüber bestätigte: „Wir haben natürlich denjenigen gekannt, der das Interview führen wird.“

Doch zurück zu Wolf. Dem ZIB-Star standen für seinen Interviewstil drei Möglichkeiten offen:

Entweder er konnte es so anlegen wie ZDF-heute-Journalist Claus Kleber. Der durfte vor sechs Jahren den damaligen iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad exklusiv befragen. Und akzeptierte dessen haarsträubende Aussagen, etwa zum Holocaust, widersprach kaum, weil er sich anbiederte. Wofür er stark kritisiert wurde. Für Wolf nicht einmal eine theoretische Möglichkeit.

Oder Wolf konnte das machen, was üblicherweise Sinn und Zweck von Interviews sein sollte. Vorausgesetzt, man will wahrhaftig Neues in Erfahrung bringen: Mit Höflichkeit und Respekt sein Gegenüber (das mit seiner Zusage zum Gespräch ja deutlich signalisierte hatte, inhaltlich starke Botschaften transportieren zu wollen) dazu zu bringen, außergewöhnliches Neues von sich zu geben.

Oder Wolf konnte sich wichtig machen. Und sich aufpudeln. Und sich mit seiner zähnefletschenden, stets unterbrechenden, dem Gegenüber immer ins Wort fallenden Art in Szene setzen. Dass Wolf glaubte, einem Putin die Courage abkaufen zu können, mag erstaunen. Jene, die ihn richtig einschätzen, überrascht der typische Wolf damit definitiv nicht. Der Wolf, der viele nervt. Der sich arrogiert zu glauben, selbst einen russischen Präsidenten ausbremsen zu können.

Wolf wählte also – erwartungsgemäß – die dritte Variante. Also jene Version, mit der man sich selbst ins große Licht rückt. Mit der man den Scheinwerfer auf den großen Wolf richtet. Mit der man sich wichtig macht. Er nutzte die große Chance seines Lebens für einen echten Scoop nicht, pfiff darauf, starke Informationen einzuheimsen, denn die erhielt er solchermaßen vom leicht verstört reagierenden Putin dank seines Behaviours natürlich nicht mehr, sondern Wolf setzte sich selbst in Szene. Ein leicht durchschaubarer und erbärmlicher Charakterzug.

Putin quittierte dieses Verhalten erwartungsgemäß. Der NLP-geschulte, aus dem KGB kommende Welt-Spitzenverhandler führte Wolf förmlich vor. Verarschte ihn, veräppelte ihn, lehrmeisterte ihn. Machte ihm klar, dass er ihm nicht dauernd ins Wort fallen sollte. Was Wolf ein dutzend Mal (!) zelebrierte. Der russische Präsident frug ihn, ob er definitiv an Antworten interessiert sei oder nur Fragen stellen wolle? Und trieb die Chose auf die Spitze, als er Wolf auf seinen möglichen Rücktritt angesprochen den Ball zurückspielte „Wie hätten Sie es denn gerne?“. Das brachte den verdutzten ORF Anchorman komplett aus der Fassung. Wolf stammelte, das tue nichts zur Sache, weil er begriffen hatte, was da passiert war. Er war – wie peinlich – auf der großen, russischen Schaufel gelandet.

Davor und danach tat Wolf alles, um zu zeigen, wie mutig er ist.

Wer sich daran erinnert, dass uns seinerzeit ein bekannter österreichischer Spitzen-Unternehmer verriet, dass man eine zertrümmerte Kniescheibe um ein paar tausend Dollar in Moskau bestellen kann, der könnte Wolfs Aufritte nicht nur als Mut, sondern auch als Aberwitz oder Irrwitz deuten...

Fakt ist jedenfalls: Der Präsident war ordentlich verärgert. Falls es jemandem nicht aufgefallen sein sollte – seine Körpersprache verriet es eindeutig.

Weshalb der Herr aller Reussen medientechnisch so schlecht beraten ist, verstehe ich nicht ganz. Denn üblicherweise raten Experten dazu, die untere Körperhälfte zu verdecken. Doch Putin und Wolf saßen völlig frei an einem kleinen Tischchen auf Stühlen einander gegenüber. Nun weiß jeder Anfänger in Sachen Körpersprache, dass besonders die Beine und die Füße ein beredtes Zeugnis vom emotionalen Zustand der betrachteten Person geben.

Armin Wolf signalisierte das, was er immer tut. Eine komplett verbaute Körperhaltung. In sich geschlossen und verkrampft. Den Kopf im Imponiergehabe angehoben. Das Kinn gereckt. Der Rücken zu stark gebeugt. Die Beine überschlagen, um die Weichteile zu schützen. Gelegentlich – bei seinen Vorstößen – reckte er hahnmäßig seinen Kopf nach vorne.

Mit den Antworten Putins war er, wie man an seinem Zögern und seinen versetzten Reaktionen erkannte, meist unzufrieden.

Was hatte er sich erwartet? Dass der russische Präsident sich just bei Wolf dafür entschuldigen werde, dass er am Flugzeugabschuss in der Ukraine Schuld trage?

Putin seinerseits spielte alle Trümpfe aus, die einer mit dieser Erfahrung am Verhandlungstisch nur haben kann. Es war irgendwie wie das Schachspiel zwischen dem Weltmeister der Großmeister und einem Figurenschieber aus der zweiten Landesliga Ost. Der Präsident führte unseren hochgelobten Anchorman so vor, dass meine Frau und ich beim Zusehen Mitleid empfanden. Und watschte Wolf nach allen Regeln der Kunst ab.

Geärgert hat er sich über dessen Fragen dennoch. Das zeigten seine Fußbewegungen. Denn in Russland – das ist so Usus – zeigt man, dass man mit beiden Beinen fest am Boden steht. Überschlägt die Beine also nicht wie die Fürstin von Monaco, sondern hat sie leicht geöffnet fest auf dem Boden verankert.

Mit den Füßen wippte der Präsident dann blitzableitermäßig – und je dreister es Wolf bei seiner Selbstdarstellungsorgie trieb, desto hektischer wurden die Fußbewegungen. Während der gesamte Oberkörper völlig ruhig blieb, das Gesicht fröhlich lächelte, die Mimik den stets notwendigen Ausdruck zeigte – von Verachtung über Verächtlichmachung bis zum „Das ist eigentlich lächerlich, was Sie da mit mir probieren“.

Armin Wolf hat sich selbst einen Bärendienst erwiesen. Seine Spezln, Hawara und Follower finden ihn wie immer großartig. Aber wer genau hinschaut und weiß, was journalistisch Sache ist, der versteht, dass sich der ORF Anchorman nur für die zweitbeste Möglichkeit entschieden hat. Für die, wo er selbst glaubt, in gutem Licht dazustehen. Hätte er das Interview anders, verbindlicher, höflicher, respektvoller angelegt, hätte er wohl sein Gesicht auch nicht verloren. Hätte aber weit dichtere Antworten mit viel mehr Substanz erhalten. Und vielleicht dann eine inhaltliche Weltsensation zusammengebracht. So blieb das dünne Statement, dass die Ukraine definitiv nicht zurückgegeben wird (jedes andere Statement wäre ja wohl überraschend gewesen) und das übliche kreml-mauern, das die im Osten alle, im dialektischen Materialismus hervorragend bewandert, mit These, Antithese und Synthese brillant beherrschen.

Am Schluss packte Wolf dann die unnötigste und degoutanteste Frage aus, die einem einfallen kann. Wenn ihm das wirklich selbst eingefallen ist – na servas. Wenn ihm das einer seiner Berater beim ORF geflüstert hat – lieber Alexander Wrabetz, bitte schick den nach Sibirien. Denn den russische Präsidenten zu fragen, warum es viele Oben-Ohne-Fotos von ihm gibt, ist so ungefähr das krankste, was man sich im Journalismus bei einem Polit-Interview vorstellen kann. Was hatte sich Wolf dabei gedacht? Dass Putin beim Baden, Sporteln oder beim Ringen eine russische Lederjacke anzieht? Hatte das homophobe Hintergründe? Oder glaubte er, ein witziges Element einzubringen in der Django-Tradition, die er ja so gut drauf hat. Überlegt man sich, wenn man Wolf heißt, eigentlich vorher, welche Antwort man zu erwarten hat, wenn man solch eine Frage stellt? Putin konterte ihn brillant aus mit der impulsiven Antwort, er sei ja Gott sei Dank nicht ganz sondern nur halb nackt abgebildet.

Dass all das 898.000 Zuseher sahen, war dann schlussendlich ein unglaublicher Erfolg für den ORF. Und von Wolfs – wieder einmal – unterirdischem Auftreten abgesehen, hat der ORF damit knapp vor Beginn der Medien-Enquete ein unglaublich starkes Zeichen gesetzt: Dass der Sender unverzichtbar ist in der österreichischen Medienlandschaft. Denn ein Herr Breitenecker von Puls4 kriegt definitiv kein Putin-Interview. Und auch mit den ATV-Wuzzis wird der russische Präsident sich nicht hinsetzen. Wenn wir also eine österreichische Identität im Kommunikationsgeschäft weiterhin haben wollen, dann sind wir alle angehalten, dem ORF seine Stärke und seine Möglichkeiten nicht zu nehmen. Denn sonst kräht kein Hahn mehr nach dem kleinen Österreich im internationalen Media-Biz.

Der tapfere Wolf hat sich bei seinen Geißlein jedenfalls wieder einmal wichtigmachen dürfen. Und kann sich gut fühlen. Witzig und spannend war es ja, das Ganze anzusehen. Sonst hätten ja nicht 30% Marktanteil einen internationalen Politik-Beitrag geadelt...

Christian W. Mucha

Bildcredit: Adobe Stock