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Seit über einem Jahrzehnt bezieht ExtraDienst-Herausgeber Christian W. Mucha klar Stellung gegen Hasspostings. An den Argumenten hat sich nichts geändert. Aus gegebenem Anlass hier ein Interview, vom 5. Jänner 2007, das unser Verleger bei einem Chat zu diesem brisantem Thema dem Standard seinerzeit gab (gekürzte Version).

 

DerStandard: Sind bei Ihnen, auf www.extradienst.at, anonyme Postings erlaubt?

Christian W. Mucha: Wir haben bis dato auf viele Pages (im Gegensatz zu etwa derStandard.at) verzichtet, weil wir Kommentare nur freischalten, wenn die von Redakteuren überprüft werden. Da geht es um viel Geld. Denn schließlich werden Banner nach Zugriffen abgerechnet. Wir überprüfen derzeit gerade, was es uns kosten wird, ein wasserdichtes Kontrollsystem, das verhindert, dass Übles gepostet wird, einzurichten.

DerStandard: Wo endet für Sie Kritik und wo beginnt Hetze?

Christian W. Mucha: Bei der Wahrheit.

Standard-User fragt: Die Zeitungswelt verändert sich. Wohin geht Ihrer Meinung nach die Entwicklung?

Christian W. Mucha: Ich habe heute meinen Chefredakteuren einen Bericht aus dem Spiegel übergeben, wo von dramatischen Entwicklungen in US-Medien berichtet wird. Dort sollen die Tageszeitungen dramatisch verlieren. Es wird also jeder im Zeitungsgeschäft gut daran tun, mit den neuen Medien auf du und du zu sein.

lava lava: Sie genießen doch einen ausgezeichneten Ruf in der Szene. Warum haben Sie Angst, dass irgendwelche dahergelaufenen User diesem schaden können?

Christian W. Mucha: Ich habe keine Angst.

kentucky schreit kicken: Einige Poster auf unserer Page wurden zu Unmutsäußerungen „verleitet“.

Christian W. Mucha: Wenn Sie einen falschen Satz sagen – rechtfertigt das jemanden, zuzuschlagen? Für unwahre oder rechtswidrige Handlungen oder Behauptungen gibt es keine Rechtfertigung. Zwar unterscheidet das Gesetz zwischen Handeln im Affekt und geplantem Vorsatz, es kann mir aber niemand erzählen, dass er Unwahrheiten im Affekt in den Computer tippt...

lava lava: Wenn Sie keine Angst haben – warum klagen Sie dann Standard-Poster?

Christian W. Mucha: Irgendjemand hat gepostet, ich wäre ein Polarisierer. Der mag nicht unrecht haben. Ich sehe meine Aufgabe darin, anzuregen, bisweilen auch zu provozieren. Daraus entsteht Nachdenken, bisweilen lässt sich damit auch so manches verändern. Übrigens: Ich habe nicht geklagt, sondern die Betroffenen (die mich beschimpft haben) mussten mit Klage rechnen. Und damit, dass sie (die) verlieren. Da haben die halt klein beigegeben..

DerStandard: D.h. es ist nicht klar, ob der Tatbestand der Kreditschädigung oder Verleumdung besteht?

Christian W. Mucha: Das Landesgericht für Strafsachen Wien hat dem Standard aufgetragen die Pseudonyme diverser Poster offen zu legen. Ob diese Person letztlich auch strafbare Handlungen begangen haben wird erst im Privatanklageverfahren entschieden. Doch dazu kam es bis dato nicht. Freilich hätte das LGS nicht unserem Antrag stattgegeben, wenn die Postings „harmlos“ gewesen wären.

kalind: Der derzeitige Bundeskanzler hat noch nie geklagt, obwohl die Meinungsäußerungen über seine Person und Partei sicher problematischer sind als die über Sie und ihr Medium. Warum stehen Sie nicht über diesen Forenbeiträgen?

Christian W. Mucha: Ich glaube Sie verstehen nicht ganz, dass es hier nicht um mich persönlich, sondern um ein System geht. Dieses System halte ich für untragbar. Es ist feig, camoufliert und unter dem Deckmantel der Anonymität Unwahrheiten zu verbreiten. Mir sind auch Pseudonyme ein Gräuel, wie sie etwa in der „Krone“ gang und gäbe sind. Wem etwas nicht passt, der soll das mit geöffnetem Visier sagen oder schreiben. So habe ich es jedenfalls zeitlebens gehalten. Persönlich sind mir kritische Forenbeiträge durchaus recht. Da entsteht viel an verwertbarer Kritik und damit wird man besser...

nachfragefragtnach: Sie haben geschrieben, dass sich andere Zeitungsmacher telefonisch bei Ihnen bedankt haben, dass endlich jemand gewagt hat, die etat.at Poster in die Schranken zu weisen. Danke, dass sie uns so ernst nehmen. Aber sind wir wirklich so wichtig...

Christian W. Mucha: Verleger und Journalisten agieren in Elfenbeintürmen und wüssten nichts lieber, als wie der letzte Bericht „angekommen“ ist. Ein Schauspieler hat es gut: der steht auf der Bühne und erntet Applaus. Oder er wird ausgepfiffen. Das heißt, auf der Bühne weiß man sofort, wie es gelaufen ist. Leserbriefe sind so eine Sache... Taxifahrer sind nicht repräsentativ... Und jetzt gibt es Poster, die blitzschnell analysieren, wie etwas angekommen ist. Das ist ein blendendes Regulativ. Und das wird ernst genommen.

nachfragefragtnach: Gab es auch negative Reaktionen aus der PR und Journalismuswelt zu Ihrer Vorgangsweise?

Christian W. Mucha: Lesen Sie „etat.at“?

Rafaela: Erfüllt Sie das Urteil, dass die Namen der Poster bekanntgegeben werden müssen, persönlich mit Genugtuung?

Christian W. Mucha: Es ist gut zu wissen, dass man jenen, die Diffamierendes verbreiten, beikommen kann. Daraus entsteht mehr Vorsicht derer, die posten und daraus entsteht wiederum eine bessere Diskussions-Kultur. All dies ist begrüßenswert.

besson: Haben Sie eine Erklärung, warum Fachmedien z.B. in Deutschland stärker den Eindruck vermitteln, ihre Beiträge sind von Inserenten unbeeinflußt, als in Österreich?

Christian W. Mucha: Sie sind doch garantiert nicht so naiv, dass Sie glauben, dass es irgendein Land auf dieser Welt gäbe, wo Beiträge nicht von der Werbewirtschaft direkt oder indirekt beeinflusst werden. Medien leben schließlich von Werbung. Warum soll das in Österreich anders sein?

nachfragefragtnach: Haben Sie schon mal anonym gepostet?

Christian W. Mucha: Sind Sie schon einmal fremd gegangen?

 

Wie Sie, geschätzte ExtraDienst-Leser dem entnehmen können, hat sich an Muchas Einstellung nichts geändert. An den gesetzlichen Rahmenbedingungen sehr wohl. Denn Der Standard hat zeitweilig seine Poster sogar damit verteidigt, dass er sie unter das Redaktionsgeheimnis gestellt hat. Und sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, Verbreiter von gehässigen Äußerungen, die im Alltagsleben rechtlich ganz klar zu ahnden wären, bekannt zu geben. Daraus entstand die Situation, dass das Internet zum rechtsfreien Raum wird. Das dort Gehässigkeiten verbreitet werden können, Menschen diskreditiert werden können, Ehrenrühriges geäußert werden kann, was im realen Leben für die Verbreitung derartig bösartiger Äußerungen mit empfindlichen Kosten verbunden wäre. Und das sollte sich ändern.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass der ExtraDienst vor Jahren eine Aktion startete, wo wir Werbeagenturen und Auftraggeber baten, jene Medien, wo anonyme Hasspostings gefördert werden, nicht mit Werbeaufträgen zu belegen, initiiert hat. Dies ist auf breite Resonanz gestoßen. Dutzende Agenturchefs haben damals eine Erklärung unterfertigt, dass Sie mit Ihren Werbeaufträgen die Trolle und Netztäter einerseits und jene Medien, die denen eine Plattform geben, andererseits nicht mit ihrem guten Werbegeld unterstützen wollen. Es wäre durchaus zu überlegen, diese Initiative neu aufleben zu lassen.

Bildcredit: Pixabay