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In memoriam Dr. Hugo Portisch

Ein Kommentar von Christian W. Mucha
© APA/HERBERT PFARRHOFER

Heute ist ein trauriger Tag für den österreichischen Journalismus. Einer der drei bedeutendsten Medienmenschen des Landes ist nicht mehr: Durch den Tod von Dr. Hugo Portisch verliert dieses Land den Erklärer der Nation, einen brillanten Nachdenker und Analysierer und einen großen Mahner.

Für mich war Hugo Portisch Zeit meines Lebens die Inkarnation von einer Kultgestalt. Ein Mann, der täglich vorexerzierte, wie brillanter Journalismus funktioniert. Seine messerscharfen Analysen, seine unglaubliche Informiertheit, sein Wissen um Zusammenhänge und sein komplexes Wissen um weltpolitischen Fragen machten mich, schon nach dem ersten Betrag, den ich von ihm gesehen hatte, zu seinem absoluten Fan.

Und wie mir ging es Millionen Österreichern.

Über sein Leben und sein Wirken zu schreiben – dafür sind andere wohl berufener.

Erlauben Sie mir einige persönliche Sätze: Zu seinem 80er bat ich ihn um ein Interview. Üblicherweise bin ich nicht besonders unsicher doch diesmal war ich zögerlich…
„Ob er das wohl macht?“

Doch der Mann war alles andere als kompliziert gestrickt. Lud mich zu sich in den 3. Bezirk ein. Ich konnte mein Glück kaum fassen und dachte mir, dass ich da wohl ein besonderes Geschenk mitbringen müsste.

Nun muss ich erklären, dass ich einer sehr schrägen Familie entstamme. Es tut mir leid, ich kann nichts dafür. Unter meinen Vorfahren gibt es einen Verbrecher (die näheren Details wurden als Familiengeheimnis stets sorgfältig verborgen, aber ich weiß, einer von denen war im Zuchthaus. Ziemlich lang. Für einen Raub).

Dann gab’s den Kreis um meinen Großvater, der als konvertierter Jude, das Naziregime einigermaßen überstand.
Jedenfalls besser als viele meiner Familienangehörigen aus dieser Linie, die im KZ umkamen. Und in einer anderen Linie gab es eine Reihe überzeugter Nationalsozialisten. Sogar einen „Funktionär“ und meine Lieblingstante, die ich freilich post mortem nicht mit der Enthüllung ihres Namens belasten möchte.

Und nach dem Krieg war es so, dass alle, die mit Adolf Hitler sympathisiert hatten, alles, was an diese Zeit erinnerte, verbrannten, vernichteten und verschwinden ließen. Nicht so meine gute Tante. In ihrem Erbe fanden sich eine ganze Reihe außergewöhnlicher Devotionalien.

Unter anderem zwei Bakelitschachteln mit hunderten Kärtchen, ähnlich den Fußballer-Sammelkarten, in denen es „um mein Leben an der Seite unseres geliebten Führers A.H.“ ging.

Ich habe diese schräge Bildersammlung mit Texten – aus zeitgeschichtlichem Interesse – dann auch nicht entsorgt, sondern in irgendeinem Kasten verräumt. Das wäre doch was für Portisch, so dachte ich mir. Den wird das interessieren. Weil da waren hunderte Fotos dabei, von denen ich ziemlich sicher war, dass sie ziemlich einmalig sind. Denn – wie gesagt – all das war (um keine Spuren zu hinterlassen) wohl längst entsorgt worden.

Mit dem Besuch bei Portisch verbinde ich eine der wunderbarsten Erinnerungen meines Lebens. Fast eineinhalb Stunden seine Lebensrückblende von ihm hören zu dürfen, von diesem brillanten Mann persönlich lernen zu dürfen – das war wohl eine der Sternstunden meines journalistischen Lebens.

Am Schluss ging’s dann natürlich um zwei unvermeidliche Themen: Zum einen um Portischs Schwammerl-Leidenschaft (die ich mit ihm teilte) und wo wir uns vergnüglich über das Thema „woran erkenne ich den Knollenblätterpilz am einfachsten“, „ist ein Bowist giftig“ und „wie werden die besten Schnitzel aus einem Parasol zubereitet“ unterhielten.

Und dann überreichte ich ihm die Bakelitschachteln mit den Fotos.
Portisch war sofort gefesselt und hängte eine ungeplante Viertelstunde an unseren Termin an. Besonders spannend war, als wir uns gemeinsam Fotos vom Wiener Heldenplatz anschauten, die bei Hitlers großer Rede gemacht wurden. Aber nicht Leni-Riefenstahl-Blickwinkel, sonder von Kamerapositionen, die bis dato noch nicht publiziert worden waren. Wie er an diese Sache heranging, wie er sofort schlussfolgerte, welches Wissen er da offenbarte – das war schon immens beeindruckend.

Ich glaube (da werden jetzt vielleicht manche protestieren), dass drei Männer die Mediengeschichte der letzten Jahrzehnte in außergewöhnlichem Maß geprägt haben: Gerd Bacher, Hans Dichand und – Hugo Portisch.
Bacher war ein Machtmensch. Dichand kokettierte mit der Macht. Portisch brauchte die Macht nicht. Denn er wusste, dass er auf die Macht seiner Worte, seines Wissen und seine Klugheit vertrauen konnte.

Und das macht ihn unersetzbar.

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