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Ich pack das nicht

Beim jüngsten EU-Gipfel handelt es sich wohl um keine Spitze, sondern eher um den absoluten Tiefpunkt.
© MG MedienGruppe

Wenn ich sehe, dass die Regierung damit wirbt, dass 60 Prozent der über 80-jährigen geimpft sind, dann ist das das größte Armutszeugnis, das man einem Land nur ausstellen kann. Denn dies bedeutet nicht weniger, als dass 40 Prozent der über 80-jährigen noch immer nicht geimpft sind. Eine Schande. Wie kläglich wir hier versagt haben, ist kaum nachvollziehbar. Und – ein maßgeblicher Funktionär des Kanzlers hat mir jüngst offen mitgeteilt, dass die Kommunikation zwischen dem Bundeskanzler und dem Gesundheitsminister gegen Null gedriftet ist. D. h., dass in der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten der Kanzler und der Gesundheitsminister nicht mehr miteinander reden. Ich pack das nicht.

Wie sehr ich persönlich den Herrschaften auf die Nerven gehe mit den 21.000 Menschen, die mit uns auf Impfreise gehen wollen, ist daran zu ermessen, dass ich mittlerweile – nach einer einschlägigen Aktion des Wirtschaftsministeriums, samt Verständigung der Stadt Wien – vom Magistrat mehrfach angezeigt und verhört wurde.

Wegen nicht berechtigter Ausübung des Reisebürogewerbes. Ich weiß zwar bis dato nicht, wie man ein Gewerbe ausüben kann, wenn es keine Flugdaten, keine Buchungsmöglichkeiten, keine Destinationen und keine Preise gibt. Immerhin – der Strafrahmen bewegt sich für einen Ersttäter (und ich bin unbescholten) bei maximal 5.000 Euro. Das werde ich also überleben.

Dass aber die Herrschaften Kontrolleure vom Marktamt und von der MA 59 nicht zur Kenntnis nehmen wollten, dass der Verantwortliche für die Impfreisen-Seite die MG MedienGruppe ist und unsere entsprechenden Aktivitäten, da es sich dabei um ein redaktionelles Recherche-Tool handelt, unter das Redaktionsgeheimnis fallen, ist der zweite große Skandal. Denn ich wurde auch wegen Nichtbekanntgabe der Geschäftsunterlagen von Impfreisen.at ein weiteres Mal angezeigt. D. h., dass den Herrschaften auch das Medienrecht völlig powidl ist. Und, dass der journalistische Schutz, den ich bei Recherchen gerne in diesem Land genießen möchte, dann, wenn’s dem Staat, den Ministerien oder dem Land und den Mächtigen zuwider ist, weil ich sie erbarmungslos aufblattel, ihre Unfähigkeit, völlig wurscht ist.

Zur zweiten Causa: wer sich darüber wundert, dass in Österreich gepackelt wird: nun das hat bei uns jahrzehntelange Tradition. Schon der legändere Qualtinger sang in „Der Papa wird’s schon richten“ von irgendeinem Job bei der Atomkommission um 13.000 Schlei… Es wurde hierzulande schon immer geschoben.

Freilich wurde das Seinerzeit alles hinter vorgehaltener Hand gemacht. Es wurde gemauschelt. Dokumente, Aufzeichnungen, Nachvollziehbares? Das alles gab es nie.

In Zeiten der Digitalisierung kannst Du heute all diese Dinge nachvollziehen. Und dann fallen sie den handelnden Personen, die nichts anderes machen als das, was Generationen von Politikern traditionell, strategisch und standardmäßig abzogen, auf den Kopf.

Ich mache jetzt eine heftige Prophezeiung. Alle jene Spuren, die wir heute digital hinterlassen, werden uns in den nächsten Jahren brutal zwicken. Lassen Sie mich das an einem drastischen Beispiel erklären:

Alles was Seinerzeit völlig in Ordnung war, was akzeptiert wurde, was gesellschaftsfähig war, worüber sich niemand aufgeregt hat, ist – durch den Zug der Zeit, durch Aufklärung, Menschlichkeit und dem Wandel zum humanen Agieren – nachjustiert worden. Man denke nur an MeToo. Kein Mensch hat sich darüber aufgeregt, wenn vor 25 Jahren in Hollywood eine Schauspielerin begrapscht wurde. Das war „Part of the game“ Heute gehst du dafür in den Knast. Zurecht

Keiner hat sich darüber aufgeregt, wenn ein Kind eine „g’sunde Watschen“ gekriegt hat. Heute ist Kindesmisshandlung – Gott sei Dank – zu einem substantiellen Übergriff geworden, Eltern, Erzieher, Lehrer und Pädagogen werden zur Verantwortung gezogen.

Sie schauen Pornofilme? Dann viel Spaß in der Zukunft. Ich bin überzeugt, dass Sie in einigen Jahren, wenn die Aufzeichnungen, was Sie für Schrecklichkeiten über Google gesucht haben, Ihnen auf den Kopf fallen. Und Sie dafür vor Gericht kommen. Weil Sie sich dahingehend vergangen haben, dass Sie mit Ihren Aktivitäten das üble Geschäft der Pornoindustrie gefördert haben. Sie glauben, dass wird nicht passieren? Aus unserer Redaktion tönt „Das wären dann viele“. Ich glaube es wären fast alle. Aber – deshalb, weil fast alle etwas Falsches tun, und das nachgewiesen werden kann, sollen die davonkommen? Weil viele Übergriffe gegen Frauen (das war damals üblich und das weibliche Geschlecht war das eindeutig Untergeordnete) gesetzt haben, sollen Sie in Zukunft nicht bestraft werden? Nur weil eine gewaltige Mehrheit in Nazi-Deutschland antisemitisch agiert hat, sollten die davonkommen? Nun, viele sind davongekommen. Ich empfehle nur eines als Sukkurs dieser durchaus grenzwertigen Überlegungen: Achten Sie darauf, welche Spuren Sie hinterlassen. Und wo. Und rechnen Sie damit: Es wird aufkommen. Alles ist gespeichert. Big-brother is watching you. Und – Sie werden eine Rechnung für Ihr tun erhalten…

 

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