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Fest im Sattel

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz im großen ExtraDienst-Interview.
© ORF/Thomas Ramstorfer

Dr. Alexander Wrabetz ist seit 2006 ORF-Generaldirektor und derzeit in der dritten Amtszeit

Nach dem Ende der türkis-blauen Koalition sitzt ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz fester im Sattel denn je zuvor. Mit ExtraDienst sprach er über das Ibiza-Video, die Rolle des ORF im Wahlkampf und seine aktuellen persönlichen Pläne.

Das Interview führte Christian W. Mucha.

ExtraDienst: Am 13. Mai gaben wir für Johanna Mikl-Leitner das letzte Fest, wo Kanzler und Vizekanzler noch gemeinsam aufgetreten sind. Einige Tage später war die Regierung Geschichte. Da Sie sich dazu noch nie geäußert haben: Wann haben Sie zum ersten Mal vom Ibiza-Video erfahren und was waren Ihre ersten Reaktionen?

Wrabetz: Ich habe erst am Freitag davon gehört, als ich von unseren Redaktionen informiert wurde. Ich habe Ausschnitte davon gesehen, als wir das gespielt haben. Ich kenne aber nur jene sieben Minuten, die auch alle anderen kennen. Das war schon ein Schock… Natürlich habe ich zuerst gefragt: Seid ihr sicher, dass das nicht eine gefakte Geschichte ist? Weil das ja irgendwie unglaublich ist. Aber nachdem es ja offensichtlich echt war…

ED: Wann haben Sie verstanden, dass das echt ist?

Wrabetz: Nachdem ich wusste, dass es von SZ und Spiegel gecheckt worden ist. Und nachdem das Faktum, dass das stattgefunden hat, von HC Strache auch gar nicht bestritten wurde. Da war es klar. Damit stellte sich sofort die Frage: Wie gehen wir jetzt bestmöglich damit um, mit welchen Sendungen gehen wir hinein, wo und wie lange bleiben wir drauf? Und was hat das für Konsequenzen? Das war das Erste, noch bevor man lange darüber nachdenkt, was das für die Republik, für die Politik heißt. In dem Moment, wo man das gesehen hat, hat man gewusst, die Regierung ist am Ende. Matthias Schrom hat in seiner Erstanalyse in der „Zeit im Bild“ an diesem Freitagabend gesagt, dass damit Straches politische Karriere in jedem Fall vorbei ist. Das war klar. Dass die Regierung das auch insgesamt nicht überleben würde, hat sich erst im Lauf des Samstags herausgestellt, als wir unsere legendäre Sendung gemacht haben. Das war auch ein bisschen Rundfunkgeschichte, weil ich im Einvernehmen mit Chefredakteur Schrom sehr früh gesagt habe: Wurscht was ist, wir bleiben da jetzt drauf. Zuerst gab es die Idee, nur eine erste Erklärung zu machen, denn es war ja nicht einmal absehbar, wie es jetzt weitergeht.

ED: War Ihnen klar, dass das auch Ihr Schicksal verändern wird?

Wrabetz: Es ging primär um den ORF, nicht um mich. Aber ja. Denn das war sicher eine spezielle Situation: Der Gesetzesentwurf, der auch meine Amtszeit beenden sollte oder überhaupt den ORF, wie wir ihn kennen, vielleicht beenden hätte sollen, war für den Juni, also drei, vier Wochen später, angekündigt. Strache und sein Mediensprecher haben ja noch in den Wochen davor sehr deutlich gesagt, das Wichtigste an dem Ganzen seien zwei Dinge: Das eine ist die Abschaffung der Gebühren und das zweite ist meine Abschaffung.

ED: Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass das Gesetz in diesem Jahr nicht mehr umgesetzt worden wäre, weil schon von der ÖVP signalisiert wurde, dass man das Gesetz erst im Frühjahr des nächsten Jahres gemacht hätte. Mit dem Sturz war natürlich die gesamte Geschichte sofort vergessen. Und damit könnten Sie sich jetzt eigentlich für eine vierte Amtszeit bewerben. Wie lang geht die dritte noch?

Wrabetz: Bis Ende 2021. Ich konzentriere mich jetzt einmal auf die aktuellen Projekte, das ist das Entscheidende. Wir sind jetzt ungefähr in der Mitte meiner Amtsperiode, und damit haben wir noch knapp zweieinhalb Jahre Zeit, diese Dinge umzusetzen. Denn noch wissen wir nicht, was für eine Regierung kommt und was es dann wieder für Gesetzesideen gibt. Und deshalb stellt sich natürlich die Frage, worauf ich mich jetzt konzentrieren muss. Denn ich glaube, dass eine Zerschlagung des ORF schon hätte gelingen können. Diese Idee gab es ja in der FPÖ schon immer, und sie wurde auch gleich zu Beginn der Koalition vorgebracht. Dann ist es uns aber gelungen, das zu bremsen, indem wir gesagt haben: Man sollte das nicht über Nacht machen, sondern ausführlich diskutieren. Dann hat Minister Blümel eine Enquete gemacht.

ED: Einer der maßgeblichen Teilnehmer dieser Enquete hat mir wortwörtlich in einem sehr schönen englischen Satz gesagt: „It was an utmost waste of time.“

Wrabetz: Das sehe ich nicht so. Dort hat die versammelte Stakeholder-Gemeinde – Zeitungsherausgeber, internationale Experten, Professoren aller Art, ja sogar Vertreter des Privatfernsehens – gesagt, dass ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk unverzichtbar ist und dass er nicht nur stark sein soll, sondern dass er sich digital entwickeln und möglichst budgetunabhängig finanziert sein soll. Das war das Ergebnis. Daher konnte nicht unmittelbar auf der Enquete aufbauend ein Gesetzesentwurf gefasst werden, denn dann hätte man sagen müssen, man hält sich nicht an das Ergebnis. Insofern waren diese Überlegungsperioden gut, denn sonst wäre das Ibiza-Video nicht dazwischengekommen. Dann wäre vorher schon etwas passiert.

ED: Angeführt wurde die Stakeholder-Gemeinde von Markus Breitenecker, der überall als Ihr Nachfolger gehandelt wurde und sich davon persönlichen Profit erwartet hat, oder? Er hat sich für einen starken ORF eingesetzt, den er dann leiten wollte. Davon haben Sie ja wohl auch gehört, oder?

Wrabetz: Ja natürlich. Aber das hat sehr schön gezeigt, dass er eine Person ist, die zu Widersprüchlichkeiten neigt. Insbesondere dann, wenn es um den ORF geht. Er hat bis jetzt gefühlte 27 verschiedene ORF-Konzepte präsentiert, die sich immer dadurch unterscheiden, ob er sich gerade als Vertreter des Privatfernsehens sieht, als Chef von ProSiebenSat.1 PULS 4 oder als zukünftiger ORF-General. Nun will ich das jetzt im Einzelnen nicht besonders ernst nehmen, aber das ist schon eine kleine österreichische Mediengeschichte. Die Debatten hat er nicht gewonnen, weil so vordergründig sichtbar war, was er eigentlich will und sich daher nicht entscheiden kann: Wenn er den ORF kriegt, kann er ihn nicht ganz zerstören. Aber wenn er ihn nicht kriegt, dann möchte er doch dem ORF was wegnehmen und und und…

ED: Aber dieser Chamäleonismus ist ja keine Mediengeschichte, sondern österreichische Alltagsrealität, Herr Generaldirektor.

Wrabetz: Ok, dann österreichische Medien-Gegenwart. (Verschränkt seine Arme.)

ED: Aber das ist schon ein wesentliches Thema, denn ich glaube, das war eine ganz entscheidende Schnittstelle für Ihr Unternehmen. Und die nächste Frage ist die Kernfrage unseres heutigen Treffens: Warum ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk denn heute überhaupt noch wichtig? Wieviel Prozent Reichweite hatte der ORF, als Sie am 27.10.1998 angetreten sind, als kaufmännischer Direktor? Und wieviel ist es heute?

Wrabetz: Mit 29. Oktober hatten wir folgende Zahlen: 86,2 Prozent oder 6,4 Millionen Österreicher verbringen täglich mindestens 30 Minuten mit zumindest einem ORF-Angebot. Das ist die ORF-Tagesreichweite, Radio, Fernsehen, Online, national, regional, alles zusammen. Die Marktanteile sind von ungefähr 50 Prozent auf gut 30 Prozent zurückgegangen.

ED: Fakt ist – der ORF ist, seit Sie General sind, um die Hälfte geschrumpft.

Wrabetz: Nein, bitte nicht Reichweiten und Marktanteile verwechseln. Die Reichweite, also die Zahl der Österreicher, die täglich ein ORF-Fernsehprogramm aufdrehen, die sind auch etwas zurückgegangen, aber es sind immer noch genau 50 Prozent pro Tag und über 90% in der Woche. Die Marktanteile sind stärker zurückgegangen. Aber damals, als ich begonnen habe, hat es nur den ORF, die öffentlich-rechtlichen deutschen Sender und vier private gegeben. Danach kam eine komplette Marktöffnung. Die tägliche durchschnittliche Nutzung der ORF-Programme ist sehr stabil in den letzten Jahren, ca. eine Stunde pro Kopf, das Angebot an Sendern wächst aber stetig und auch die Gesamtnutzung, also die Zeit, die durchschnittlich pro Tag ferngesehen wird, daher sinkt der Marktanteil. Wichtig – insbesondere für die Gebühren-Legitimation – sind aber die Reichweiten, also wieviele Menschen erreichen wir regelmäßig mit unseren Angeboten. Solange das über 90% sind, erfüllen wir unseren Auftrag. Marktanteile sind ein wichtiges Tool für die Programmplanung, aber für Öffentlichkeit und auch Werbewirtschaft wenig relevant.

Lesen Sie das ganze Interview im neuen ExtraDienst

ED 10 1119 Cover 1 4. Dezember 2021

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