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Ein treuer Diener

Ein Interview mit Krone-Chefredakteur Klaus Herrmann eröffnet Ansichten und Einsichten, die ich in der Dichte niemals erwartet hatte.
© Archiv

Auf ihn hätten wir eigentlich als Sieger nicht unbedingt getippt. Zu ruhig, zu bescheiden, zu unaufgeregt kommt er daher. Wiewohl er auf der Kommandobrücke des größten heimischen Medien-Kreuzers waltet, waren wir dann doch sehr überrascht, als Krone-Chefredakteur Klaus Herrmann beim Ranking der Medien-Macher in ED 3-4/2021 ganz oben auf der Treppe landete. Ein Phänomen unserer Branche (das erlebt man als Fachjournalist tagtäglich) ist es, dass die Mächtigen und die Meinungsmacher dann, wenn es gilt, die eigene Arbeit zu kommentieren, extrem zurückhaltend sind. Erstaunlicherweise kommunizieren jene, die tagtäglich in ihren Medien den meisten Wind machen, dann, wenn es um die eigene Position geht, selten bis gar nicht. Was daran liegen mag, dass man die eigenen Handlungen nicht auch noch erklären möchte. Nach dem Motto Ich bin, also handle ich. Rechtfertigung – überflüssig.

Dementsprechend schwierig ist es, gerade mit der Kronen Zeitung zu Interviews mit deren Zampanos zu kommen. Derartige Anfragen enden in der Regel mit einem „Njet“. Und wenn dann ein Gespräch zustande kommt, dann fehlt meist die Substanz. Weil sich die Betroffenen gerne hinter Allgemeinplätzen verstecken. Im Fall vom Klaus Herrmann beschloss ich, den Sieg bei der Chefredakteurs-Wahl als Hebel zu benutzen. Organisierte mir seine Handynummer. Hatte ihn blitzschnell dran. Und war dann bass erstaunt, mit welch gelassener Offenheit, mit welcher Unaufgeregtheit und wie freimütig schon unser erstes Telefonat verlief. Darauf folgte ein persönliches Treffen. Bei dem ich aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Wer mein Interview mit Herrmann ab Seite 30 liest und sich den Aufbau des Gespräches ansieht, der wird verstehen, dass ich mich immer näher an die heiklen Themen herantastet habe. Und mit den offenen Antworten Herrmanns plötzlich auch Punkte angesprochen wurden, die üblicherweise tabu sind.

Solch ein Gespräch ist immer ein Grenzgang. Zum einen, weil man Interviews dieser Art nur dann erhält, wenn man „Spiegelmethode“ verspricht (ich hatte Herrmann zugesichert, ihm das gesamte Interview vor Erscheinen vorzulegen, ihn gegenlesen zu lassen und alle von ihm gewünschten Korrekturen anzubringen, wobei er nur meine Fragen nicht verändern durfte). So bleibt dann oft von einem gegebenen spannenden Interview schlussendlich nur wenig Substanzielles übrig. Nach Übersendung des Rohtextes kam dann die ganz große Überraschung: Wo ich eine „rote Suppe“ erwartet hatte, waren nur einige marginale Änderungen angestrichen. Herrmann blieb bei dem, was er freimütig und offen im Gespräch geäußert hatte. Nicht preisgeben wollte er, wie hoch seine Pension ist. Nun, wer ein bisschen recherchiert, findet das schnell heraus: Sie liegt bei rund 3800 Euro und ist damit fast um die Hälfte fetter als meine. Nicht schlecht. Und: Über welche verschlüsselten Kanäle die bei der Krone kommunizieren, wollte er im Interview detto nicht preisgeben. Freilich habe ich da ein paar Freunde, die Bescheid wissen: Als bestens geschützt gilt Threema, und ich vermeine, das ist auch jene Plattform, auf der sich die beim Kleinformat austauschen.

In einem muss ich beim Krone-Chefredakteur freilich entschuldigen. Doch vorweg noch eines: Ich hatte den Mann völlig falsch eingeschätzt. Als abgehobenen Politruk, als Machtmenschen, als einen im engsten Kreis der heimischen Medienmacht, der auf dem Klavier des Einflusses die Oktaven vierhändig bedient. Doch nichts von alledem trifft auf Herrmann zu: Er überlegt sich seine Antworten ganz genau. Er wägt ab. Er hat seine ganz klaren ethischen Prinzipien. Denen er wohl (s)ein Leben lang treu ist. Und ist einer jener Glücksfälle für einen Eigentümer, auf den hundertprozentig Verlass ist. Christoph Dichand kann sich glücklich schätzen. Ich hatte Herrmann im Vorfeld freilich versprochen, dass es nur ein knappes Statement zur Wahl des Chefredakteurs des Jahres wird. Plötzlich wurde daraus ein Interview. Danach „das große“ Interview im Heft. Dass wir daraus schlussendlich unsere Coverstory machen, war nie ausgemacht. Er möge mir dies bitte vergeben. Ist aber selber schuld, weil er so offen und ehrlich geantwortet hat. Denn dass da Fragen von mir zur Causa Prima Krone gegen Österreich beantwortet werden, dass mir da jemand Rede und Antwort steht zur Penis-Causa, dass die Struktur und Entscheidungsflüsse beim großen Kleinformat völlig unaufgeregt offengelegt werden – darauf hätte ich nicht einmal im Traum gehofft.

Noch dazu ist mein persönliches Verhältnis zur Kronen Zeitung und deren Herausgeber nicht ganz so unkompliziert, wie man meinen möchte: Da ich Christoph Dichand seit dessen jungen Jahren persönlich kenne, hat sich seinerzeit ein durchaus offener Gedankenaustausch zwischen uns entwickelt. Hans Dichand, der mich sehr schätzte, arrangierte Treffen zwischen uns und bat mich, mein Branchenwissen an seinen Sohn weiterzugeben. Was ich natürlich naturgemäß vor einigen Jahrzehnten mit großer Freude ausgeführt habe. Doch als der Senior in die Jahre kam, erschütterten diverse Personal-Streitereien die Kronen Zeitung. Hans Dichand trennte sich von maßgeblichen Mitarbeitern, die ihn jahrzehntelang begleitet hatten. Was ich im ExtraDienst in der mir zueigenen, völlig angstfreien Art in einem durchaus deftigen Leitartikel kommentierte. Der nicht gerade schmeichelhaft für Dichand senior ausfiel. Klar, dass der Junior das nicht goutierte. Und da er (das werfe ich ihm nicht vor, ich bin genauso gestrickt) ein elefantisches Gedächtnis hat, ist unser Verhältnis seit damals deutlich unterkühlt. Dazu vielleicht noch eine kleine Erklärung zum besseren Verständnis: Wenn ganz besonders mächtige Manager in die Jahre kommen, das habe ich Dutzende Male miterlebt, dann versuchen sie verzweifelt, an der Macht festzuhalten. Doch das rächt sich, wenn man sich nicht rechtzeitig zurückzieht und „über die Zeit hinaus“ an der Macht festhält. Ein gutes Beispiel dafür war seinerzeit wohl der langjährige Industriellen-Präsident Ing. Rudolf Sallinger, der – schwer krank – auf die Bühne beim Hoteliervereinigungstreffen gehievt wurde und dort Steuererhöhungen für die Hotellerie das Wort redete. Was von den Teilnehmern mit blankem Entsetzen aufgenommen wurde.

Ich hatte Dichands Entscheidungen der späten Jahre, mit vielen langjährigen Wegbegleitern zu brechen, als Fehlentscheidung interpretiert. Was freilich der Bedeutung des alten Herrn als einen der drei wichtigsten Medien-Manager des Jahrhunderts neben Hugo Portisch und Gerd Bacher durchaus keinen Abbruch tat.

Wer nun all diese Hintergründe erfährt und schlussfolgert, der versteht meine Verwunderung, dass dieses spannende Interview in solch einer Form entstehen konnte. Und bei alledem, was man über Herrmann sagen kann, gilt eines ganz besonders: Er ist ein treuer Diener seines Herrn. Und würde niemals etwas tun, was nicht abgestimmt und im Sinne des Krone-Eigentümers/Herausgebers erfolgt. So gesehen ist dieses Gespräch für mich auch ein Symbol für die Kraft von Christoph Dichand, Transparenz, klare Antworten und die Erläuterung von Zusammenhängen, was sein – redaktionell von ihm allein gesteuertes – Unternehmen betrifft, zuzulassen. Chapeau, Herr Doktor Dichand!

Was also wird vermutlich nach Erscheinen dieser außergewöhnlichen Story passieren: Die Inhalte dieses Interviews werden von den anderen Medien übernommen. Manche mögen sagen, gekupfert, gestohlen und geklaut. Natürlich ohne Zitierung, wie ich das schon so oft etwa beim Standard erlebt habe. Deshalb in aller Klarheit: Jeder kann daraus die Passagen zitieren, die er gerne übernehmen möchte. Freilich nur mit der Quellenangabe „wie in Christian W. Muchas ExtraDienst berichtet wird“. Wer glaubt, sich das ersparen zu können, den werden wir unverzüglich rechtlich zur Rechenschaft ziehen. Denn irgendwie habe ich es nach so vielen Jahren harter Arbeit satt, dass manche in der Branche glauben, wir wären ein Informations-Selbstbedienungs-Laden, und vermeinen, dass die üblichen Regeln in diesem Geschäft für sie nicht gelten. Freilich – wir vom ExtraDienst zitieren brav (und gerne auch die Konkurrenz), wenn wir von denen etwas übernehmen. Wie sich’s gehört.

Sohin hoffe ich auf das Fairplay der Branche, lade Sie, geschätzte LeserInnen, ein, sich das Interview mit Klaus Herrmann genüsslich anzusehen und vor allem zwischen den Zeilen zu lesen. Über die Brisanz des von ihm Gesagten brauchen wir wohl nicht zu diskutieren. Wenn da etwa ein Krone-Chefredakteur absondert, dass er nicht wirklich daran glaubt, dass die Causa Fellner die Marktverhältnisse in der Branche verändert wird. So gesehen – ein durchaus spannender ExtraDienst, der vom Ranking der 500 wichtigsten Marketing-Chefs gekrönt wird. Den Siegern, Manuela Bruck von der Post und Gerhard Gucher von der Vamed, gratuliere ich von ganzem Herzen. Sie haben es sich wahrhaftig verdient. Ganz besonders nach dem scheußlichen Corona-Jahr. Und – wie eng es im Markt zugeht, sieht man an der rekordverdächtigen Zahl der Mehrfachplatzierungen auf den begehrten vorderen Plätzen. Schlussendlich: Ein weiteres durchaus erfreuliches Zeichen ist es, dass so viele Frauen so stark präsent sind. Und dass sie in einer Dichte reüssieren, die es in kaum einer anderen Branche in dieser Form gibt.

Viel Vergnügen mit dem wünscht

Ihnen Ihr Christian W. Mucha

Herausgeber

P.S.: Ab Seite 92 lesen Sie ein wundervolles Portrait über Dr. Leodegar Pruschak. Ihn küren wir hiermit zum Marketing-Manager des Jahrzehnts und zeichnen ihn damit für sein Lebenswerk aus.

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