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Das Maß aller Dinge

Für die einen Gebetbuch, für die anderen Teufelszeug, für Dritte Karriere-Tool – doch eines ist in jedem Fall gewiss: Die vorliegende, druckfeuchte Rankinglist der 359 wichtigsten heimischen Promis lässt garantiert keinen kalt.
© Christian Berger

banner extradienst scaled 30. November 2021

Im Waldland Österreich (© Donald Trump) explodieren nicht nur die Bäume: Da brennen auch die Träume. Denn wer hegt nicht im verborgenen Herzenskämmerlein den inbrünstigen Wunschtraum, das zu erleben, was Andy Warhol uns allen versprochen hat: Dass jeder von uns wenigstens einmal im Leben für einen Moment berühmt sein wird. Wobei – es wäre nicht so schlecht, wenn das dann eine längere Zeitspanne überdauern könnte… 

Österreichs Prominenz ist – um das unprätentiös zu formulieren – ein „wilder Haufen“. Eine Mischkulanz aus Künstlern, Sportlern, Unternehmern, Models, Schnorrern, Angebern, Selbstdarstellern, gepuschten Ikonen und Adabeis, die sich stets dann, wenn’s irgendwo Aufmerksamheit zu holen gibt, um die vordersten Plätze drängeln.

Die Riege der Austro-Promis reicht vom „unsterblichen“ Skirennläufer (sein Platz in der Geschichte ist ihm sicher, seit er den Weltmeistertitel mit einem Hundertstel Vorsprung eingeheimst hat) über einen Baumeister, der bevorzugt um das teure Geld  seiner Mieter im Einkaufstempel Hollywood-Stars in Stretchlimousinen zum Opernball karrt, bis zur veroperierten Charity-Lady, die jeden klagt, der auch nur behauptet, ihre Lippen wären aufgespritzt. Wer diese – vermeintlich einem Fellini-Film entsprungene – Partie Revue passieren lässt, dem fällt nur der Satz „Die Gspritzten haben immer Saison“ ein. Von der Rennsport-Legende über den Oscar-Preisträger, Euromilliardäre und Bürgermeisterfrauen ebenso wie zu Star-Figaros, Kindermoden-Bankrotteuren und Ferrari-Liebhabern reicht das breite Spektrum jener, die meistgenannt die heimischen Gazetten bevölkern. 

Warum die betreffenden Personen (darunter übrigens auch eine russischstämmige Juristin und ein 66-jähriger Fachmagazineur) prominent sind, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Wieso jemand bekannt wird, genannt wird, erwähnt wird, warum Spitzentypen, die in ihrem Metier Hervorragendes leisten, Zeit ihres Lebens in erbärmlicher Anonymität dahindümpeln und aufgeblasene Nichtsnutze mit übersteigertem Ego, scharfen Ellenbögen und dem Talent zum Schmeicheln emporkommen, vermag niemand genauer zu analysieren, zu verstehen, zu deuten oder zu planen. Wie also schafft man es in die Liga der außergewöhnlichen Persönlichkeiten? Die Antwort darauf gab mir vor vielen Jahren Albert Fortell. Ein Mann, der in Wahrheit Albert Fortelni heißt. Und als Sohn eines bekannten Wiener Schauspielers in die Fußstapfen seines Vaters trat. Mit wechselndem Erfolg. Fortelni damals zu mir im O-Ton: „Um genannt zu werden, muss man jene verstehen, die über Events, Veranstaltungen, Partys, Charities, Feste und Großereignisse berichten. Die sind doch in Wahrheit arme Hunde. Am Opernball erklärt dir jeder, dass er jetzt tanzen gehen wird. Und eigentlich interessiert das nach dem 6423. Interview keinen mehr. Also: Ein spannender Spruch muss her. Ein kurzer, prickelnder Sager muss vorbereitet sein. Eine spannende Geschichte. Das werden sie bringen. Und wer regelmäßig abliefert, der schafft es, immer wieder genannt zu werden. Und plötzlich ist er prominent.“ Fortelni hatte immer einen Spruch parat. Wohl vorbereitet. Ob er sich im richtigen Moment den Arm brach oder mit einem bekannten Hollywood-Schauspieler rein zufällig zu Oscar-Zeiten eine Auto-Karambolage in Los Angeles hatte – seine Gschichtln waren immer klug vorbereitet und vom Feinsten.  

Adabei, der verwichene Roman Schliesser, war die legendäre Galionsfigur der heimischen Berichterstatter. Der zweitmeistgelesene Kolumnist der Kronen Zeitung, geschlagen nur von Staberl Richard Nimmerrichter, gab das Tempo vor: Wenn Schliesser einen Satz von Franz-Josef Strauß mit deftigen, knapp gesetzten und brutal formulierten Worten wiedergab, dann entwickelte sich daraus flugs ein diplomatischer Eklat zwischen Österreich und Bayern. Der rasende Roman war das Maß aller Dinge. Jene, über die er schrieb, konnten sich wahrhaftig glücklich schätzen. Sanktionen kannte er nur eine: „Wenn mir jemand zuwider ist, dann kommt er bei mir nicht vor. Den ignorier ich. So einfach ist das“, formulierte er sein Credo gegenüber dem Autor dieser Zeilen. 

Doch konnten in der Schliesser-Prassl-Ära (Franz Prassl war sein Konterpart beim Kurier, und die beiden hassten einander redlich) noch allerlei Deftigkeiten verbreitet werden, hat sich der Wind gedreht: Heute gehen die Uhren anders als seinerzeit. Da läuft alles politisch korrekt ab. Da wird mit der Goldwaage abgewogen. Und wehe, man hält sich nicht an die Regeln. Wenn bei der Wahl zur Miss Earth keine Masken getragen werden, dann bekommen die Society-Journalisten Schaum vor dem Mund. Wenn Friedrich Schiller gefragt wird, ob er sich mit einem Kontrahenten versöhnen würde, und der Spruch entschlüpft ihm: „Sicher. Ich würde mich ja auch mit Adolf Hitler versöhnen“, dann springt selbst die eigene Ehefrau Jeannine symbolische fünf Meter hoch. Und distanziert sich vom eigenen Göttergatten. Und der Ausrutscher verbreitet sich lawinös.

Sohin zählen heute Political Correctness, soziales Engagement und Bekanntheit. Obgenannte Jeannine kriegt schon öfter mal ihr Kleeblatt (gleichzeitige Berichterstattung in allen vier wichtigen Tagesmedien, Kurier, Krone, Heute und Österreich), wenn sie für die Kinder in Moldawien unterwegs ist. Damit machst du die großen Punkte. Dazu kommt, dass mit Facebook, Instagram, TikTok, YouTube und Co. jedermann sein eigenes Medium hat. Sohin ist alles viel breiter aufgestellt als früher. Wer heute zum Who ist Who zählen möchte, der muss vielfältig sein: In den sozialen Netzwerken punkten, täglich spannende Berichte, gute Fotos und starke Videos posten. Und sich dann noch zu allem Überdruss mit einer Spezies herumschlagen, die noch vor Jahren als Grippe-Erkrankung galt:  mit den Influencern. 

Das neue Biedermeier

Das Jahr 2020 ist wohl das schrägste Jahr, das die meisten von uns je durchmessen haben. Da geriet alles aus den Fugen: Lockdown, Homeoffice, Maskenpflicht, Angstzustände. So viele Scheidungen wie nie zuvor. Die Pfeiler, auf denen unser aller Leben aufgebaut waren, zerbröselten binnen Tagen. Plötzlich war alles anders. Auch die heimische Society-Szene wurde schwer getroffen. Wo keine Partys, keine Veranstaltungen, keine Menschenansammlungen mehr erlaubt sind, hört das gesellschaftliche Leben auf. Wenn das neue Biedermeier mit voller Wucht uns alle in die heimischen Domizile zurücktreibt, wenn Balkonien zum einzigen Urlaubsort wird, wenn Fashion, Glamour, Abendroben und Selbstdarstellung über Nacht nicht mehr funktionieren, dann tun sich auch die Gesellschafts-Redakteurinnen schwer. 

Also war es naheliegend, angesichts des seinerzeitigen Erfolgsmodells von Fortell, den Society-Reportern dieser Tage das zu geben, was sie am schmerzlichsten vermissen: eine spannende Story. Eine, in der es menschelt. Eine, die bewegt und aufwühlt.  Die sich jeder gerne anschaut. 

Obwohl so viele hierzulande mit erhobenen Händen und mit kokettem Augenaufschlag behaupten, dass sie sich für die Gesellschaft, die Society, Gossip, Klatsch, Fama und Nachrede überhaupt nicht interessieren – jeder liest so etwas. Es sollte eine Geschichte sein, die ohne Almabtrieb, Fußball-Ländermatch und ohne Fürstenhochzeit detto imstande ist, die Gemüter zu erhitzen.

Von da bis zu unserer Idee, eine Rankinglist unserer heimischen Society zu erstellen, war es nur ein kleiner Schritt. Vorab galt es die Frage zu klären, wen man denn hier bewerten sollte. Langes Rätselraten in der ExtraDienst-Redaktion. Bis wir die alles entscheidende Idee hatten: Gemeinsam durchforsteten wir die Namenslisten von einem Dutzend heimischer Promi-Fotografen. Dort sind tausende Persönlichkeiten alphabetisch aufgeführt. Von einer Longlist weg, die rund 2000 Namen umfasste, reduzierten wir in der Redaktion  danach immer weiter, bis wir auf eine Shortlist von rund 350 Persönlichkeiten kamen. 

Politiker klammerten wir aus. Gar nicht auszudenken, was für ein Elaborat hier verbreitet würde, wären ein HC Strache, der zu schöne, zu reiche und zu berühmte Karlheinz Grasser, Birgit Hebein im Pool, Mittelfinger-Streckerin Sigrid Maurer oder ein ampeltragender Gesundheitsminister in dieser Liste aufgeführt. Aber auch Stefan Petzner, Werner Fassabend und Andrea Kdolsky fielen ebenso dem Rotstift zum Opfer wie die allseits geschätzte und umtriebige niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner. Die alle haben wir uns und Ihnen, geschätzte Leser, diesmal erspart. 

Von Christian W. Mucha

Die vollständige Ranking-List mit allen Bewertungen finden Sie hier ab Seite 60.

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