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Schnell – schneller – am schnellsten: Im digitalen Zeitalter hat sich die Geschwindigkeit, mit der sich Nachrichten verbreiten, drastisch erhöht. Innerhalb von Minuten flimmern die Sensationsbilder auf unseren Smartphones. Und die Medien springen sofort darauf auf. In den meisten Fällen. Dann berichten sie in den ersten Tagen und Wochen nach Ausbruch einer Krise kontinuierlich und umfassend, und die Katastrophe steht im Fokus der Öffentlichkeit. 

Die steigende Boulevardisierung führt außerdem zu einer Verrohung der Sprache und zum verstärkten Einsatz von Extremformulierungen. Jeder vermeintlich berichtenswerter Vorfall wird zur Orgien-Schlagzeile hochstilisiert. Die Medien machen aus der Realität ihre eigene Wirklichkeit. Die schlimmstmögliche Wendung eines Geschehens ist ihnen gerade gut genug. Am Beispiel des Vulkanausbruchs in Island wurde tagelang darüber fantasiert, was es bedeuten könnte, wenn die Vulkanasche monatelang über Europa hängen bliebe. Theorien wurden aufgestellt, Szenarien konstruiert und Krisenpläne geschaffen.  

Oft wird aus einem Hagelgewitter der Brutalo-Sommer mit Killerorkan. Oder aus einer Promi-Scheidung das Exzess-Prügel-Ehedrama von Angelina Jolie. Die Schweinegrippe war letztlich auch nur eine Grippe, die Pandemie hat nie stattgefunden, der Impfstoff verrottet und die Pharma-Industrie hat ihr Geschäft gemacht.

Dieses Symptom führt aber in der Folge automatisch zu einer Mehrfachnutzung der Medien. Das Publikum will mehr erfahren. Es hat „Blut geleckt“. Zum Beispiel auch, was aus Jan Ullrich wurde, der nach seiner Tour de Force aus Sex, Drogen und Gewalt in die Entzugsklinik ging.

Solch ausufernde Berichterstattung hat die Bild-Zeitung schon in den 80er-Jahren vorexerziert, als sie im Serienjournalismus über einzelne Prominente hergezogen ist. Danach ebben derartige Serien-Berichte in der Regel sehr schnell ab. Es sei denn, Jan Ullrich lädt drei Prostituierte in sein Hotelzimmer und wird von ihnen bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt oder Angelina Jolie wird lesbisch.

Gleich verhält es sich mit Unglücksfällen. Das Bergwerksunglück von Lassing bewegte wochenlang die Medien, der Brückeneinsturz von Genua sieben Tage lang, die Höhlenkinder in Thailand wurden zu Helden und Hurrikan Florence ist derzeit in aller Munde. Wie lange ist fraglich, denn schnell gerät die Causa vermutlich auch diesmal ins Vergessen. 

„Grundsätzlich ist es so, dass die Aufmerksamkeit für ein Thema begrenzt ist, weil das Publikum immer neue Geschichten haben will“, erklärt Jörg Matthes, Universitätsprofessor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften.

 

Normverstoß und Nähe

Doch was macht eine Story zum Medienschwerpunkt? „Es gibt eine Reihe von Faktoren, die wichtig sind, um zu verstehen, wann etwas dauerhafte Aufmerksamkeit bekommt. Ein ganz wichtiges Kriterium ist der Normverstoß“, so Matthes. Wenn also etwas passiert, was nicht sein soll. Das trifft auf politische Krisen genauso zu wie auf Naturkatastrophen oder Promi-Dramen. 

Ein weiterer Nachrichtenfaktor ist die kulturelle Nähe: Krisen in Ländern, die unserer Kultur ähnlich sind, bekommen mehr Medienaufmerksamkeit. „Ein Erdbeben in einem asiatischen Land wird meist weniger beachtet als ein Erdbeben in Griechenland. Unabhängig von der Opferzahl.“ Außer natürlich, es ist die Jahrhundertkatastrophe wie in Fukushima. Der Reaktorunfall beherrschte wochenlang die Titelseiten, Websites und Nachrichtensendungen weltweit. Er wurde zu einem wahren „Schlüsselereignis“ für die Mediengesellschaft, da es nahezu sämtliche Kriterien für höchsten Nachrichtenwert erfüllte: Überraschung, emotionale Visualisierung und bildmächtige Dramatik, Schaden, Konflikt, Negativität, Relevanz sowie Reichweite. Dies sind nicht nur für Journalisten, sondern auch für das Publikum relevante Kriterien, nach denen die Bedeutsamkeit einer Nachricht bemessen wird.

 

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Bildcredit: pixabay