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Von Fehlentscheidungen, ihren fatalen Folgen und offenen Türen.

 

Sorry. Meine Schuld. Schwerer Fehler. Ich kann mich bei Ihnen allen, geschätzte Leser, Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter, nur dafür entschuldigen, dass ich diese gravierende Fehlentscheidung getroffen habe.

Ein Unternehmen, das 1978, also vor genau 40 Jahren, gegründet wurde, seither eine unglaubliche Erfolgsgeschichte hingelegt hat, zur ertragsstärksten Fachzeitschriftengruppe Österreichs geworden ist, so zu beschädigen, wie ich das mit einer folgenschweren Fehlentscheidung im vorigen Jahr geschafft habe, muss man mir erst einmal nachmachen.

Denn es gibt wohl kein schlechteres Marketing, als alle Geschäftsfreunde und -partner auf eine neue Unternehmenslösung und einen neuen Vorstand einzustimmen, den man dann nach drei Monaten wegschicken muss.

Ich werde mich über die Gründe unserer Trennung von Martin Gastinger nicht äußern. Einzig zum Hintergrund: Ich bin davon ausgegangen, dass es die falsche Entscheidung wäre, dieses Unternehmen in die Hände einer Verlagsgruppe zu legen. Gleich, ob das eine nationale oder internationale ist. Dagegen sprechen diverse Argumente: Für große Fachzeitschriften-Häuser waren unsere Zahlen nicht nachvollziehbar. Vorstände in Österreich oder Deutschland haben unsere Bilanzen und die darin aufgeführten Erlös-, Umsatz- und Gewinnzahlen für schlicht gefaket gehalten. Das mag auch schwerfallen, wenn man lesen muss, dass die Mucha Verlag GmbH den Umsatz, den man selber bei größtem Bemühen im Jahr erzielt, in knapp zweieinhalb Monaten aus dem Boden stampft. Für diverse derartige Unternehmen war eine Akquise unseres Verlages schon deshalb unmöglich, weil das all deren Regelwerke im internationalen Geschäft gesprengt hätte. Oder anders formuliert: Wir wären denen zu teuer gekommen. Und österreichische Mediengruppen? Auch keine gute Idee. Wenn ok24 (nein, das gibt’s nicht, ist nur ein Beispiel) uns erwerben würde, dann könnten die das mit noch so vielen Strohmännern kaschieren – irgendwann kommt’s raus. Und dann werden alle Mitbewerber dieser Gruppe schlagartig alle Inserate bei uns stornieren. Womit der schnelle Tod unseres Unternehmens, das immer von seiner Überparteilichkeit, Unabhängigkeit und Alleinstellung gelebt hat, schlagartig eintreten würde. Sohin blieb nur eine logische Lösung für meine Nachfolge: Eine Persönlichkeit zu finden, die das mit Herzblut und demselben Engagement wie ich, mit Managementwissen, Fleiß und medialem Verständnis macht. Ob das funktioniert, weiß man erst dann, wenn man’s ein paar Monate laufen lässt.

Ich habe mittlerweile – weil ich noch immer glaube, dass das die beste Lösung ist – eine andere Nachfolge-Persönlichkeit gefunden.

Mit Gastinger verband mich Bekanntschaft. Mit seinem Nachfolger verbindet mich jahrzehntelange Freundschaft. Was wohl einen Unterschied ausmachen sollte.

Und da man bekanntlich jeden Fehler machen darf, aber denselben möglichst nicht ein zweites Mal, haben wir vereinbart, dass ich bis Ende 2020 operativ an Bord bleiben werde. Um so keinen abrupten, sondern einen gleitenden Übergang zu ermöglichen und nicht erneut Verunsicherung auszulösen.

Eine Verunsicherung, die ich zutiefst bedaure. Schließlich halte ich mir zugute, dass ich 40 Jahre definitiv alles richtig gemacht habe. Zumindest geschäftlich. Wir haben noch niemals einen Flop produziert. Wir haben in keinem einzigen Jahr Verluste geschrieben. Wir haben alljährlich die Gewinne gesteigert, die Performance verbessert. Und dann das...

 

Ich hoffe, Sie vergeben mir. Und auch, dass ich den Namen dessen, der auf Gastinger folgt, noch nicht bekannt geben kann. Er wird erst Ende März bei seinem Unternehmen kündigen. Geben wir jetzt schon bekannt, dass er plant, zu uns zu kommen, dann muss er seine Kündigungsfrist voll „absitzen“. So besteht Hoffnung, dass ihn die, wenn die annehmen, dass er in deren Branche bleibt, möglichst bald freistellen. Man will ja nicht, dass Konzernwissen weitergetragen wird...

Ich muss an dieser Stelle Dankeschön sagen. Den 92 % unserer Kunden, die mich mit offenen Armen zurück in der Branche begrüßt haben. Die – obwohl viele den ExtraDienst nicht mehr auf der Rechnung hatten – über Nacht neues Werbegeld für uns aufgestellt haben oder ihre Budgets so umgeschichtet haben, dass für uns wiederum ein dickes Eck vom Käse abfällt, und die sich reinen Herzens darüber gefreut haben, dass ich wieder zurückgekehrt bin.

Das ist sehr berührend.

 

Da fällt dann die Kehrseite der Medaille nicht so stark ins Gewicht. Wenn Sie bekannt geben, dass Sie Ihre Firma verkaufen und dass Sie sich zurückziehen, dann ist das so, als würden Sie eine Einladung zu Ihrem eigenen Begräbnis ausschicken. Man steht hinter einem dicht begrünten Baum, blickt aufs Grab und sieht, wie alle darauf reagieren: Wer ehrlich betroffen ist, wer bei der Trauerrede des Pfarrers ungeniert mit dem Handy hantiert, wer überhaupt zum Begräbnis gekommen ist und wer in dein Grab spuckt. Glauben Sie mir – Sie wollen das nicht wissen.

Insgesamt vier Manager (erstaunlich – es waren nicht mehr) haben mir zu verstehen gegeben (mit diesem hässlichen Grinsen im Gesicht, das sich immer dann breitmacht, wenn jemand der Meinung ist, sein Gegenüber könne sich nicht mehr wehren), dass ich ihnen schon seit Jahren auf die Nerven gehe und dass sie froh seien, dass ich mich jetzt endlich dorthin schleiche, wo der Pfeffer wächst.

Das Faszinosum daran: Alle vier haben sich unverzüglich, nachdem bekannt wurde, dass ich den Rücktritt vom Rücktritt bekannt gebe, unabhängig voneinander bei mir gemeldet und sich mit blumigen Formulierungen von ihren Abschieds-Gehässigkeiten distanziert, eingelenkt und einen Rückzug gemacht.

Was ich für ganz besonders erbärmlich halte. Hätte ich mich so verhalten (was wohl auszuschließen ist, weil Nachtreten definitiv nicht meine Art ist), dann hätte ich Charakter gezeigt und wäre bei meiner abfälligen Meinung über den alten Mucha geblieben.

 

Ich hingegen habe zu Beginn des heurigen Jahres eine ganze Reihe jahrelanger Friktionen und Auseinandersetzungen aufgelöst. Zur großen Überraschung der Betroffenen. Habe mit mehreren Personen, die mich in den letzten Jahren als Gegenspieler/Kritiker/Feind betrachtet haben, Frieden geschlossen. Immer verbunden mit den Worten, dass es ja auch bei meinem Abgang mit einem neuen Manager einen neuen Anfang gegeben hätte. Ohne die Altlasten meiner vergangenen Tätigkeit. Und dass es nach meiner Entscheidung, zurückzukehren, nun an mir läge, diesen Neustart mit einer ausgestreckten Hand meinerseits zu begehen.

Bis auf einen, der versprochen hat, mich irgendwann zurückzurufen (das wohl aber wahrscheinlich nicht tun wird), haben die anderen die ausgestreckte Hand angenommen und sind – unerwarteterweise – auch Teil dieses oder der nächsten Hefte. So, als hätte es niemals etwas gegeben.

Um das Thema abzuschließen: Nun gibt es auch einige in der Branche, die meinen, das Ganze wäre nichts anderes als ein Planspiel, Ranküne und ein guter Gag mit extremem Aufmerksamkeitswert meinerseits gewesen.

Bitte glauben Sie mir, dass dem nicht so war: Zum einen pflege ich nicht, Spielchen mit Vertragspartnern zu initiieren, zum anderen hätten wir uns, wenn alles ruhig und elegant weitergelaufen wäre, ein Minus von 8 % im heurigen Jahr erspart. Wobei ich daran arbeite, dass diese Zahl kleiner wird. Und wobei ich natürlich volles Verständnis dafür habe, wenn Geschäftspartner mir klar und deutlich mitteilen, dass sie mich von meinem Versprechen, auszusteigen, kooperationsmäßig nicht zu entbinden wünschen. Schön, dass es nur so wenige sind...

 

Leider hat sich auch die journalistische Sorgfalt im Umgang mit mir nach meinem vermeintlichen Rückzug schlagartig gewandelt: So schrieb die Presse – natürlich ohne den geringsten Versuch, mich dazu zu befragen – einfach so ins Blaue hinein, dass ich als Stiftungsrat des ORF auf einem FPÖ-Ticket im Gespräch sei. Von der Presse hat das der Standard übernommen, und von dem wiederum die Kronen Zeitung. Keiner von denen ist auch nur eine Zehntelsekunde auf die Idee gekommen, meine Handynummer zu wählen. Dass ich nicht besonders viel Spaß hatte, das auf dem Weihnachtsurlaub in Bangkok zu lesen, kann man sich lebhaft vorstellen. Dabei ist die Tätigkeit als ORF-Stiftungsrat mit dem Job als Herausgeber und Geschäftsführer einer Medienzeitschrift definitiv nicht kompatibel.

Kann man sich dagegen wehren? Klagen? Sich als unabhängiger, überparteilicher Verleger entrüsten, dass man hier in ein politisches Eck gedrängt wird, obwohl man jedwede Parteilichkeit in den letzten vier Jahrzehnten peinlich vermieden hat? Unser Verlagsanwalt, Dr. Georg Zanger, verneint das: Es sei nicht ehrenrührig, auf dem Ticket einer Partei zu sitzen, die noch dazu Regierungspartei ist und den Vizekanzler stellt. Und nur Ehrenrührigkeit ließe sich einklagen. Also hab ich entschieden, das bleiben zu lassen.

 

Entscheiden wird sich in den nächsten Wochen auch die Zukunft des Österreichischen Rundfunks. An mich ist von mehreren Seiten die Frage herangetragen worden, ob ich da beratend parat stünde. Mache ich gerne. Kostenfrei. Wobei ich dazu eine sehr klare Meinung habe, die freilich nicht vom parteipolitischen Diktat geprägt ist: Zum einen meine ich, dass der ORF ein unverzichtbares und wesentliches Gebilde in der heimischen Medienlandschaft darstellt. Einer Zerschlagung der großen Orgel, wie das angesichts diverser Ankündigungen, Androhungen und Anwürfe zu befürchten steht, würde ich keinesfalls das Wort reden. Auch eine Privatisierung von ORF eins und damit Teilzerschlagung des ORF hielte ich für fatal. Peter Westenthaler sprach das in einer Talkshow jüngst drastisch und klar an: Nur mehr die halben Gebühren, ORF eins aufgelöst, so stellen sich die das vor.

Nun habe ich seit fast vier Jahrzehnten Einblick in die kaufmännische Gestion des Österreichischen Rundfunks. Habe viele Rechnungshofberichte gesehen, geheime Kalkulationen und Modelle, wirtschaftliche Prognosen, die bis ins Jahr 2025 reichen. Selbst bei Normalbetrieb und dem vollen Ausschöpfen aller Gebühren und Werbemöglichkeiten wird es für den ORF in den nächsten Jahren extrem eng. Ich gehe davon aus, dass eine ausgeglichene Bilanz mittelfristig, wenn man sich nicht einiges einfallen lässt, definitiv nicht zu bewerkstelligen ist. Ein Wegfall der halben Gebühren, eines Löwenanteils der Werbeeinnahmen und von ORF eins wäre, davon bin ich überzeugt, mit dem jähen Ende des Österreichischen Rundfunks verbunden. Auch was den Wegfall einer Alleinverantwortung betrifft, habe ich so meine Bedenken. Und die teile ich mit einer Reihe von Spitzenmanagern der Branche.

Nehmen wir etwa einen der als Nachfolger von Alex Wrabetz gehandelten Proponenten der Branche: Rainer Nowak, wohlbestallter Presse-Herausgeber. Der Mann ist gerne bei seinem Medienhaus und würde sich hüten, offiziell irgendetwas zu möglichen Avancements zu sagen. Aber Insider wissen, wie er tickt und wie er denkt. Nowaks Weg wird nicht bei der alten Dame enden. Wenn im Frühjahr 2018 Helmut Brandstätters Vertrag als Kurier-Herausgeber ausläuft, dann müssen erst Raiffeisen und Brandy entscheiden, ob’s da eine Verlängerung gibt. Ich tippe eher auf nein. Dann hätte Nowak das offene Scheunentor auf die nächsthöhere Karrierestufe beim Kurier vor Augen. Oder man macht ihn zum ORF-Generaldirektor.

Da freilich soll es eine geteilte Verantwortung geben. Mit mehreren Geschäftsführern (vielleicht wechselt auch Brandstätter hinüber).

 

Nach seinen eigenen Äußerungen scheint es eher unwahrscheinlich, dass Reinhard Scolik zum ORF wechselt und den Bayerischen Rundfunk verlässt. Er sei gekommen, um zu bleiben, erzählte er mir. Und der Kurier schrieb’s dann wenige Tage später, natürlich ohne mein Exklusivinterview zu zitieren. So geht’s halt zu in unserem Geschäft...

Nowak, so sind sich Wissende sicher, würde den ORF-Job freilich niemals machen, ohne Durchgriff auf die redaktionellen Entscheidungen zu haben. So, wie er ihn jetzt hat. Bei einem Arbeitsfrühstück habe ich ihn jüngst wenigstens zu einer Äußerung bewegen können. Wir diskutierten über den Anteil von linken und grünen Journalisten in der heimischen Medienlandschaft. Im ORF. Und bei der Presse. „Vergangenen Donnerstag“, so meinte ich, „habe ich gezählte sieben deutlich links positionierte Beiträge in der bürgerlichen Presse gefunden...“ Darauf Nowak: „Wann war das? Letzten Donnerstag? Nun, ohne mich wären das wohl 19 gewesen...“ Zwar hat er es geschafft, mich zum Lachen zu bringen, das blieb mir aber im Hals stecken. Würde sich ein Burschenschafter beim Falter bewerben? Warum unterwandern Sozialdemokraten und Grüne bürgerliche Zeitungen wie die Presse?

Die Antwort darauf ist einfach: Ich glaube, dass über 80 Prozent der im heimischen Journalismus tätigen verantwortlichen und ausführenden Proponenten, bei denen so etwas wie politische Überzeugung berufsrelevant ist, eher dem linken oder grünen Lager zuordenbar sind. Das liegt in der Natur des Berufes. Das ist nichts Schlechtes. Und das wäre mir auch in keinster Form widerwärtig. Denn – und das gebe ich unumwunden zu – auch in meinem eigenen Unternehmen mag die politische Meinungsverteilung so sein. Obwohl ich das deshalb nie abgefragt habe, weil es niemals ein Kriterium für die Beschäftigung eines Mitarbeiters war. Ich freue mich, wenn Grüne, Rote, Türkise, Blaue und Pinke für uns arbeiten. Worüber ich mich nicht freuen würde, wären Braune oder Linksextreme. Die brauch ich nicht.

Und – jede(r) von denen ist mir willkommen, solang sie ihre Tätigkeit nicht missbräuchlich verwenden, indem sie ihre parteilichen oder parteipolitischen Überzeugungen zum Gegenstand von subkutanem Meinungsjournalismus machen. Und genau das ist das Problem der heimischen Medienlandschaft: Dass im ORF völlig ungeniert subkutan von gewissen Linken und Grünen Meinung und Information vermanscht werden. Und das sind immer dieselben üblichen Verdächtigen. Das Verhalten trifft nicht auf alle zu, aber leider auf allzu viele. Was zwar bestritten wird, aber tagtäglich betrieben wird (und in unserer letzten Titelgeschichte in ED 12/2017 dargestellt wurde).

Alleine in den letzten Tagen sind mir eine ganze Reihe derartiger Beiträge aufgefallen: Ein ausführlicher Bericht über einen deutschen Künstler, den hierzulande kein Mensch kennt. Aber die Inhalte seiner Kunst werden zu Polit-Aussagen umfunktioniert und können den Tendenz-Minuten im ORF zugerechnet werden. Ein neues Buch wird vorgestellt. Mit jubelnden Worten wird die Kernaussage wiedergegeben. Die richtet sich drastisch gegen das bürgerliche Lager. Die italienische Wahlberichterstattung. Eine Keule gegen die österreichische Regierung. Und so geht das dahin. Tag für Tag. Es ist ein fein gewobener dünner Film, der schön gleichmäßig verteilt wird. Und der jemandem, der die Untertöne nicht so gut hört, der die feinen Hacker und Schnitte ignoriert, daran vorbeigleitet und sich halt davon berieseln lässt, verborgen bleibt. Nur ganz besonders aufmerksame Seher, Hörer, Beobachter erkennen die Absicht. Und sind täglich verstimmt.

Vor allem darüber, dass das Management derartige Schwächen zeigt. In den letzten Tagen wurde darüber diskutiert, ob es Alex Wrabetz war, der – auf Wunsch des Kanzlers – Peter Pilz von der großen Gesprächsrunde ausschloss. Natürlich ist es nicht beweisbar, ob Kanzler Kern „das nicht wollte“. Faktum ist, dass der ORF-General Alleinherrscher des Unternehmens ist. Dass ein Federstrich von ihm genügt, und Dinge passieren. Oder auch nicht. Und dass Wrabetz, über den man zynisch sagt „er behält, was er verspricht“, unheimlich geschickt im Lavieren, sich Durchschlängeln, sich Arrangieren, sich Mehrheiten Sichern, im Beschwichtigen, Beruhigen und Antichambrieren ist. Ein wahrhaft machiavellistischer Charakter, für den Diplomatie Stilmittel ist und der Bereitschaftslosigkeit für Kompromisse so clever in die Leere seiner Versprechungen füllt, dass die meisten dort volle Gläser sehen, wo kein einziger Tropfen für sie drin ist.

Mit seiner direkten Attacke auf die FPÖ (wohl wissend, dass ihn die Blauen mehr im Amt gehalten haben als die Türkisen, die ihn am liebsten unverzüglich loswerden wollten) hat Wrabetz nun einen, wie ich meine, entscheidenden Schritt gesetzt: Er bricht gerade Brücken ab. Und das ist ein weitreichender, sehr erstaunlicher Zug von einem, der im Schachspiel der eigenen Machterhaltung immer um etliche Züge vorausgedacht hat.

Was Wrabetz da macht, verstehe ich so: Er weiß, dass es dem Ende zugeht. Im Stiftungsrat haben seine Kontrahenten die Mehrheit. Zu oft hat er nicht gehalten, was man sich von ihm versprochen hat. Und hat jetzt sein Schicksal vor Augen. Das beschrieb Wiens Bürgermeister Dr. Michael Häupl sinngemäß wie folgt: Er meinte: „Wenn mein Rücktritt als Bürgermeister bekannt wird, dann bringt mir der Amtsdiener nicht einmal mehr einen Kaffee...“

Wrabetz ist angezählt. Seine Tage sind gezählt. Das weiß er. Seinem Charaktertypus folgend, will er jetzt nach drei unvorstellbaren Amtsperioden möglichst auch noch einen guten Abgang hinlegen. Eine Schlussveranstaltung. Und wenn Musiker zur letzten Tournee anheben, dann ahnt man, das sie noch das eine oder andere Mal auf der Bühne stehen werden. Wichtig ist nur, dass die Vorstellung ausverkauft ist. Ich weiß (siehe oben) ganz genau, wie dieses Spiel funktioniert.

Also hätte er, so unterstelle ich das nun einmal, gerne einen Märtyrer-Abgang. Als bleibendes Denkmal in der All-Stars-Halle der heimischen Medien-Zampanos. Doch auf dem Monument picken ziemlich viele Vogelpatzer.

Und – Wrabetz hat seinen Nachfolgern einen furchtbaren Bärendienst erwiesen: Mit der nachgewiesenen Unfähigkeit, Ausritte wie jenen im Vorfeld der Tirol-Wahl, wo Zustimmung des FPÖ-Spitzenkandidaten zu Nazi-Gedankengut durch hinterfotzigen Schnitt vorgetäuscht wurde, hat er die Wut seiner politischen Gegner immens angefacht. Denn nochmals: Es ist kein Manko, dass über 80 Prozent (meine Schätzung, die freilich nicht beweisbar ist) der ORF-Mitarbeiter ihr politisches Dogma haben. Das Problem liegt nur darin, dass der an der Spitze nicht stark genug ist, dafür zu sorgen, dass sie diese ihre politischen Grundansichten für sich behalten, anstatt sie in ihre Arbeit einfließen lassen. Subkutan. Manipulativ.

Guter Journalismus trennt Meinung und Information. Guter Journalismus braucht nicht jene Oktaven auf dem Klavier der Berichterstattung, wo mit kaum hörbaren Tönen eine hinterfotzig manipulierte Melodie gespielt wird. Immer und überall. Auf allen Ebenen, im höchsten Bereich.

Mein Verlag ist klein. Bei mir passiert das nicht. Weil die wissen, dass ich ihre politischen Ansichten respektiere, dass ich aber nicht zulasse, dass sie manipulativ zwischen den Zeilen eingesetzt werden.

Wir stehen vor einer historischen Chance – oder der brutalen Zerschlagung des ORF. Vor der Möglichkeit, ein mehrköpfiges Vorstandsgremium in den ORF zu entsenden. Das aus derartig starken Persönlichkeiten besteht, dass die politisch manipulative Ausritte in die eine oder andere Richtung hintanhalten. Und das schaffen, was wir alle gerne hätten: Einen von der Parteipolitik möglichst unabhängigen, ausgewogen berichtenden, starken Österreichischen Rundfunk, der ausfinanziert ist, der politisch nicht erpressbar ist, der nicht der Packelei ausgesetzt ist, der nicht von ZiB-minutenzählenden öffentlichkeitsgeilen Politikern zum Schacher-Instrument gemacht wird, der uns eine österreichische Identität von unabhängigem Journalismus im Sinne des Rundfunkgesetzes erhält. Mit all seinen bisherigen Programmen. Mit Managern, denen so viel Kompetenz gegeben wird, dass sie auch Sanktionen setzen können, wenn die Polit-Wölfe ihre Zähne blecken. Ach ja, damit ich nicht vergesse, zu erwähnen: Der Schuft, der den Tirol-Beitrag verbrochen hat, fuhrwerkt dort noch immer. Bei mir wäre er in der Sekunde rausgeflogen...

Aber vielleicht irre ich mich ja, und Wrabetz macht die Amtsperiode noch fertig. Und die Steuerzahler müssen nicht die 1,4 Millionen blechen, mit denen man ihn nach Hause schicken muss.

So gesehen verstehe ich das Votum der „Kommunikator“-Jury, ihn erneut zur Nummer eins in Österreich zu machen, als Ansporn: Sich darauf zu besinnen, dass er nicht in erster Linie Sozialdemokrat, sondern Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks ist. Und dort jene in die Schranken zu weisen, die versuchen – ob mit dem Holzhammer, mit dem Untergriff oder mit dem feinen, dünnen Geflecht – Meinung zu machen. Sie dorthin zu bringen, wo guter Journalismus anfängt: Auf seriöse, unabhängige und objektive Berichterstattung. Das wünscht sich für alle ORF-Mitarbeiter nicht nur Ihr

 

Christian W. Mucha

Herausgeber