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Nach der Wahl ist vor der Wahl. Es brodelt gehörig am Küniglberg.

 

Hinter vorgehaltener Hand hört man, dass im ORF-Zentrum in Arbeitsgruppen am neuen Konzept für ORF 1 gearbeitet werde. Lisa Totzauer, die designierte Channelmanagerin, werkt an Konzepten, wie ORF 1 weniger amerikanisch werden soll. Und statt vieler Stunden Serienware täglich sollen, so wäre der Wunsch, schon bald österreichische Eigenproduktionen zu sehen sein. Auch die Information soll auf ORF 1 weiter ausbaut werden.

Klingt interessant. Aber es ist auch bekannt, dass der ORF in seinen Archiven bereits einiges an produzierter und noch nicht ausgestrahlter österreichischer Serien- und Filmware lagert. Geschätzter Auftrags- bzw. Abspielwert: ca. 60 Mio. Euro. „Wenn das nicht bald mal ausgestrahlt wird, wird niemand mehr die Schauspieler erkennen“, wird intern geunkt. Wenn der ORF die gebunkerte Ware nicht demnächst abspielt, wie will er dann in noch mehr österreichische Produktionen für ORF 1 investieren?

Die entscheidende Frage, die sich die neue Regierung stellen muss: Was will man vom und mit dem ORF?

 

Auf Nachfrage bei den verschiedenen politischen Lagern der Stiftungsräte heißt es aus der schwarzen Ecke: „Kein Kommentar, wir wollen die Gespräche mit dem Koalitionspartner nicht stören.“ Die Protagonisten der blauen Ecke sind da weitaus gesprächiger. So sagt uns Langzeit-Stiftungsrat Norbert Steger: „Ich habe den Entwurf für ein neues ORF-Gesetz schon lange fertig. Die Frage ist derzeit, welche der Punkte in den Verhandlungen akzeptabel sind.“

Die Verkleinerung des Stiftungsrates ist Steger viel zu wenig: „Die Definition des ORF muss überarbeitet werden, denn die derzeitige ist längst überholt. Der ORF sollte nach modernem Aktienrecht geführt werden. Das heißt: Stimmrecht und Haftung für die Geschäftsführung und Direktorium. Es kann nicht sein, dass Stiftungsräte zwar nicht das Recht haben, die Prüfer zu bestimmen, aber für das Ergebnis haften. Für mich heißt ORF neu nicht: statt Rot ein bisschen mehr Blau. Regieren neu heißt für mich auch ORF neu! Und natürlich müssen alle, die dort arbeiten, wissen, dass sie alle Österreicher zu vertreten haben. Es gibt dort viel zu viele, die glauben, sie müssten jeden Tag Politik machen. Die sollen aber Sendungen und Programm machen. Ich habe mich immer gewundert, dass die Sozialisten das zugelassen haben, weil es ihnen eigentlich geschadet hat. Der Seher oder Hörer ist ja nicht so blöd, wie da so manche glauben. Und es kann schon auch sein, dass man zur Objektivierung dessen, was dort stattfindet, neue Chefs braucht.“

Die Regierung wäre gut beraten, hier keine Schnellschüsse zu machen und voreilig Gesetzesnovellen in den ersten 100 Tagen zu beschließen, sondern sich ein bisschen Zeit zu lassen. Denn die wichtigsten Punkte sind:

  1. Was ist und soll der Auftrag des ORF sein? – Der ORF muss auf Augenhöhe mit den privaten Anbietern agieren können.
  2. Wie schaut die Finanzierung für diesen Auftrag aus? – Die Finanzierung darf keine Interessensfrage der Parteien sein, der ORF muss unabhängig agieren.
  3. Wer sitzt in den Aufsichtsgremien? – Hier sollten Experten vertreten sein und keine Genossen.

Anstelle von Teilprivatisierungsfantasien und Zerschlagungsideen sollte man sich in Zeiten, in denen sich Pay TV stark macht, um alle Sportrechte ins Bezahl-Fernsehen zu holen, die Frage stellen: Will man den ORF auf „Bundesland Heute“, News und österreichische Fiktion reduzieren? Sollen frei empfangbarer Wintersport, Olympia, Fußball-Bundesliga usw. von der Bildfläche verschwinden?

Niko Alm, der Mediensprecher der NEOS, meinte vor einem Jahr, als wir über den Verkauf von ATV diskutierten, zu mir: „Am freien Markt ist das eben so. Wer sich nicht selbst finanzieren kann, verschwindet oder wird übernommen.“

Aber im Fall des öffentlich-rechtlichen Rundfunks käme mir diese Haltung zu radikal vor. Denn die Qualität, die man sich von einem öffentlich-rechtlichen Sender wünscht, kostet Geld. Das Programm soll ja auch zukünftig nicht von Werbeeinschaltungen dominiert werden. Oder will irgendjemand wirklich, dass der ORF, so wie ATV, von der Pro7- oder RTL-Gruppe geschluckt wird? Eines muss allen klar sein: Der ORF wird sich niemals, auch nicht durch radikalste Maßnahmen, sein Programm und seine Mitarbeiter selbst finanzieren können. Der ORF wird die Gebühren brauchen. Und er wird auch Rahmenbedingungen brauchen, um im Wettbewerb mit anderen Anbietern am Markt zumindest Chancengleichheit zu haben.

Und es geht noch weiter bergab! Wir wissen, dass die Marktanteile des ORF wahrscheinlich noch weiter nach unten gehen werden. Es ist Fakt, dass die sogenannten österreichischen privaten Sender und deutschen Werbefenster heute schon fast zwei Drittel des TV-Werbebudgets in ihre Taschen stecken und ihre Wertschöpfung und Ausgaben für österreichisches Programm dazu in keinem Verhältnis stehen. Somit sollte man den ORF nicht durch Planspielchen der Parteien weiter schwächen, sondern stärken! Ich wünsche ihnen gute Unterhaltung mit dem neuen ExtraDienst.

 

Ihr Martin Gastinger,

Herausgeber

 

P.S.: Unsere neue Gesellschaft, die MG MedienGruppe, hat die Prognosen bei Weitem übertroffen. Und so ist es umso willkommener, dass ich auf den Erfahrungsschatz und das Know-how von Christian W. Mucha zurückgreifen darf, der sich bereit erklärt hat, als Co-Herausgeber in der MG MedienGruppe zu agieren und uns in der Startphase somit auch operativ zu begleiten.

Erstes Ergebnis seiner freundschaftlichen Zusage ist die Titelgeschichte ab Seite 48, ein Sittenbild der heimischen Society und ihrer Berichterstatter.