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Wenn das Leben so auf und ab geht wie meines, dann wird dir keine Sekunde fad

 

Zwei bis drei Seiten Leitartikel. Und das seit Jahrzehnten. Und offenkundig liest’s jeder. Irgendwie ist das schon sehr schräg, was ich hier mit dem ExtraDienst aufführe. 

Unterschiedliche Persönlichkeiten legen die Themata ihrer Editorials auch unterschiedlich an: Die einen beschränken sich auf Inhaltsangaben, loben Autoren, Fotografen und Aufdeck-Journalisten, andere wiederum nutzen die prominente Platzierung ihrer Geleit-Worte für flammende Appelle, und die Egomanen unter den Verlegern verfassen narzisstische Beiträge, in denen sie sich selber – garniert mit Selfies – abfeiern.

Ich habe mich für eine Kombination aus Hintergrund-Informationen (gute Verleger wissen immer dreimal so viel wie das, was sie dann letztlich veröffentlichen – man muss sich ja nicht mit jedem exzessiv anlegen, aber der Leser spürt das geballte Wissen zwischen den Zeilen), persönlich Erlebtem, einem Sammelsurium von Skurrilitäten frei nach Telemax und einigen Highlights aus meinem Leben entschieden. Wer wie ich auf über sechs Meter Bände mit in 42 Jahren gesammelten Zeitschriften an seiner Bücherwand im Büro blicken kann, der hat damit natürlich auch ein Tagebuch zur Verfügung. Mit allen Erinnerungen, allen Erlebnissen, allen Skurrilitäten, die einem da widerfahren sind. 

Wenn in jener entscheidenden Minute, wo man vor seinen Richter tritt und Rechenschaft über sein Leben ablegen muss, die Frage gestellt wird: „Hast du gelebt?“, dann kann ich die reinen Herzens mit einem kräftigen Ja beantworten. Da haben sich so unglaubliche Dinge abgespielt, da habe ich faszinierende Menschen treffen dürfen, unglaubliche Geschichten enthüllen können – fad war mir nie. 

In den letzten Jahren freilich ist etwas passiert, womit ich nicht gerechnet hatte: Leider hat mich vor rund zweieinhalb Jahren eine sehr unangenehme Krankheit ereilt. Nun habe ich zwar das Herz auf der Zunge und bin ein begnadeter Märchen-Erzähler (im Wiener Volksmund nennt man einen Typen wie mich einen Gschichtl-Drucker), mit meiner Erkrankung wollte ich aber niemanden belasten. Also habe ich’s für mich behalten. Freilich erbärmlich gelitten. 

Ohne Sie jetzt mit meiner Anamnese belasten zu wollen: Die Verabschiedung der Bauchspeicheldrüse, bis zu 20 Mal Durchfall am Tag und der Verlust von 22 Kilo Gewicht alleine im letzten Jahr haben mir ordentlich zugesetzt. Und – mir war klar, dass es so nicht weitergehen kann. Denn wer 20 Mal am Tag bis zu zehn Minuten auf der Toilette verbringt, der kann nicht mehr reisen, nicht mehr fliegen, keine Besprechungen mehr machen, ist im gesellschaftlichen Leben extrem gehandicapt. 

Also beschloss ich, zu verkaufen. Nolens volens. Wer weiß, wie sehr ich in meiner Arbeit aufgehe, der ahnt, wie schwer mir das gefallen ist. Als der Käufer sich nicht gerade als Idealbesetzung entpuppte (um es äußerst vorsichtig zu formulieren), habe ich mir den Verlag zurückgeholt und trotz Krankheit saniert. 

Dann, im Februar dieses Jahres, das Glückstreffen: Der Lebensberater Christian Aumüller lief mir über den Weg. Empfohlen von meinem Physiotherapeuten. Aumüller hat mich in vier Monaten wieder zusammengeflickt. Und das, was Ärzte, Ambulatorien, Allergiestationen, Unverträglichkeits-Checks nicht kurieren konnten, hat Aumüller geregelt: Seit Anfang Juni habe ich wieder eine geregelte Verdauung, drei Kilo zugenommen und meine Lebensfreude zurückgewonnen.

Also beschloss ich, den Verlag weiterzuführen. Denn gesund macht das alles wieder Spaß, und da ich sonst „gut beieinander“ bin, hoffe ich, schon noch eine Dekade drauflegen zu können. Schließlich ist mein Vater bereits 86 und noch immer gut drauf. Und wer sich mit Medizin auskennt, der weiß: Es liegt alles nur an den Genen.

Nur hatte ich da leider ein kleines Problem eingefangen: Denn nach dem Flop des ersten Verkaufs hatte ich einen zweiten Käufer an der Angel. Thomas A. Schmid, Vorstandsvorsitzender von Hyundai Europa, Chef über 200.000 Mitarbeiter, hatte im März bei seinem Konzern gekündigt und mit mir vereinbart, dass er ab Oktober den Verlag übernimmt. Als ich Schmid im August frug, ob er sich vorstellen könne, das Unternehmen langfristig mit mir gemeinsam zu führen, winkte er ab: „Du bist ein Alphatier. Zwei wie wir – das wird à la longue nicht funktionieren...“ Wie recht er doch hat. Nur, wenn ich bei jemandem im Wort bin – das weiß jeder, der mich kennt –, dann halte ich das auch zu. Ganz gleich, um welchen Preis. 

Da rückte Schmid mit folgendem überraschendem Statement heraus: Er habe mehrere Angebote aus der Automobilbranche, habe mir aber nichts davon sagen wollen, weil er Handschlagqualität habe und sein Wort nicht brechen wollte. Wir brachen beide in Gelächter aus. Also bleibt Thomas A. Schmid unser Vorstand in der Mucha Privatstiftung, wird mir als einer meiner besten Freunde in der übergeordneten Gesellschaft freundschaftlich zur Seite stehen, und ich kann – einerseits ohne Reue, andererseits ohne schlechtes Gewissen – meinen Betrieb die nächsten Jahre alleine weiterführen. Eine tolle Lösung. Auch die Mitarbeiter haben sich sehr darüber gefreut, wir haben mit der Stammmannschaft langfristige neue Verträge gemacht.

Dieses Heft ist also, wenn Sie so wollen, meine Comeback-Ausgabe. Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass mich nicht wieder irgend etwas Ekliges krankheitsmäßig erwischt. Aber so lange mir nichts Derartiges passiert, werde ich wohl leidenschaftlich an Bord bleiben. Und sollte Ihnen jemand erzählen, dass die nächste Ausgabe unsere letzte ist – bitte glauben Sie dem nicht ... 

Ihr Christian W. Mucha

(Herausgeber)

 

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