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Nach der Aktion weiß nicht nur ich: Kaum einer braucht dich, Emmerich!

 

Mittwoch, 4. Juli 2018, 10:24 Uhr. Die freundliche Chefsekretärin von Morawa-Chef Dr. Emmerich Selch ruft mich rück. Ich sitze gemütlich auf dem Boot, habe den Morgenputz fertig und freue mich darüber, dass sich der Chef der großen heimischen Vertriebsfirma Zeit für mich nimmt. Denn jüngst hat Selch mit seinem angekündigten Rückzug aus dem Geschäft, mit der Auflösung des Tageszeitungs- und Magazinvertriebs von Morawa, unserer Branche wohl den größten Negativ-Schock des gesamten heurigen Jahres verpasst. Darüber sollte man reden.

Ich beginne das Gespräch mit verbindlichen, netten Plattitüden (zur Auflockerung) über die Sonne an der Cote d’Azur, doch Selch schneidet mir brutal das Wort ab, ist – wie immer, wenn ich das Missvergnügen habe, mit ihm reden zu müssen – unfreundlich, direkt und rüde und eröffnet mir, dass er sich in einer Besprechung befindet (?!). Und wieso lässt er mich dann gerade in dem Moment zurückrufen? Denn er hat ja den Zeitpunkt unseres Telefonates gewählt. Damit entlarve ich seine Attacke als bewährte Grantscherben-Methode, den Gesprächspartner möglichst schon im ersten Satz niederzumachen, Zeitdruck auszuüben und sich seinem Gegenüber gleich zu Beginn der Unterredung von seiner schlechtesten Seite zu zeigen.

Mir widerfährt das ja nicht oft, aber gelegentlich erdulde ich es halt, wenn mir ein Anrufer blöd kommt. Und mir zu verstehen gibt, wie sehr ich ihn bei seiner ach so wesentlichen Arbeit störe. Ein "kluger" und "vorausblickender" Schachzug Selchs, insbesondere, weil er ja weiß, dass wir gerade an einer Mega-Coverstory arbeiten, die sich maßgeblich mit der Performance seines Unternehmens auseinandersetzen wird... Ganz besonders gut machen sich solche Sätze, wenn der Angerufene und Abgeschasselte so ganz nebenbei – wie ich seit Jahrzehnten – auch noch zusätzlich zahlender Kunde ist.Derartiges Verhalten steigert den niedrigen Blutdruck, schüttet, wenn man jemanden niedermacht, Sieger-Glücks-Adrenalin durch den Körper und soll angeblich auch die Darmflora anregen.

Also bemühe ich mich, verbindlich auf den Mann zu reagieren, und versuche, ihm doch noch kurz ein paar Fragen zu stellen. Warum er denn nicht daran gegangen ist, die Kunden dazu zu bringen, ihm, Selch, noch ein Eck mehr für seine Vertriebsleistung zu zahlen. Warum er nicht versucht hat, noch ein weiteres Mal bessere Konditionen und vernünftigere Modelle auszuhandeln. So wie zuletzt vor zwei Jahren. Wenn nun, da der Pressegroßvertrieb Salzburg PGV wohl den Löwenanteil des Kuchens übernimmt (und damit in eine fast monopolähnliche Situation kommt) und dort – dem Vernehmen nach – von den Verlegern um ein Eck mehr bezahlt werden könnte als an Morawa. Genau dieselbe Frage, fast wortwörtlich, hatte mir VÖZ-Geschäftsführer Gerald Grünberger für Selch ausgerichtet. Er und sein Neo-Präsident, Kleine Zeitung-Herausgeber Markus Mair, fragten sich so wie viele ihrer Verleger-Kollegen, warum um Gotteshimmelswillen Selch nicht mit ihnen weiterverhandelt hatte.

So ist mein Ansatz wohl die einzige logische Frage, die man sich, wenn man in seinem Geschäftszweig gescheitert ist, auf diese höfliche Art und Weise schon anhören könnte. Oder? Ich habe ja Selch nicht an den Kopf geworfen: „Eigentlich sind Sie unfähig. Sie haben es nicht hingekriegt, Ihr Geschäftsfeld ordentlich zu bedienen. Sie haben es nicht geschafft, zu marktgerechten – Ihre Kosten abdeckenden – Preisen Ihr Traditions-Geschäft weiter abzuwickeln. Sie schicken gerade ein Traditions-Unternehmen den Bach hinunter. Sie sind gescheitert...“ Wiewohl sich Selch das durchaus verdient hätte, stelle ich ihm nur höflich die Frage, ob es denn nicht möglich gewesen wäre, bei den Kunden noch etwas bessere Konditionen herauszuholen, wenn die mit höchster Wahrscheinlichkeit dem Pressegroßvertrieb künftig zufließen werden.

Doch solche Majestäts-beleidigenden Fragen stellt man einem Selch nicht. Einem Kaliber, das über allerhöchsten Einfluss verfügt. Denn da Wissen Macht ist (und Selch hütet unzählige intime Informationen über die Vierte Kraft im Staat), wenn geheimes Zahlenwerk den Rücken stärkt, dann zählt dieser Typ zu den Mächtigsten hierzulande. Kein Zeitungsmensch legt sich mit so einem an. Denn wenn so einer zu Plaudern anfangen sollte ... Tut er natürlich nicht. Denn da gibt’s selbstredend Vertraulichkeits-Klauseln. (Freilich hält sich nicht jeder auf dieser Welt an dieselben. Man denke etwa an die Domestiken der Queen.) Was passiert eigentlich mit der Remission? Wo landen diese unzähligen Tonnen von Papier? Wie wird Herr Selch mit dem Wissen, das für manche seiner Kunden so extrem unangenehm ist, in Zukunft umgehen? Sie beginnen zu ahnen, warum so einer leicht glauben könnte, sich mit jedem im Geschäft alles leisten zu können. Und erst beim Lesen dieser Zeilen draufkommt, dass er sich bei mir geschnitten hat.Folgerichtig gerät er nach meiner – logischen – Frage (derselben, die Grünberger und Co. auf den Lippen lag) völlig aus der Fassung. Ich hätte keine Ahnung. Ich würde Äpfel und Birnen vergleichen. Wenn jemand keinen Deut hätte, dann solle er keine Artikel über die Branche schreiben. Und – er hätte unserem Redakteur keinerlei Informationen über Kalkulationen, was sich wie rechnet, oder Modelle gegeben. Das hätte ich glatt erfunden. (Die entsprechende protokollgerechte Passage lesen Sie auf Seite 59.)

Da auf einen groben Klotz irgendwann einmal dann ein grober Keil gehört, frage ich Selch, warum er denn so ungehalten und aggressiv am frühen Morgen reagiert, wo ich nichts anderes tue, als meine journalistische Arbeit zu machen und ihm die einfachsten Fragen, die noch dazu logisch sind, zu stellen. Jetzt greift der Mann in die Vollen: „Weil Sie mir auf die Nerven gehen, Herr Mucha.“ Damit ich nicht vergesse, nochmals darauf hinzuweisen: Ich bin sein Kunde. Seit Jahrzehnten. Ich persönlich habe einem Kunden, der mir eine höfliche Sachfrage stellt, noch niemals in meinem Leben gesagt, dass er mir auf die Nerven geht. So etwas verbieten mir sowohl meine gute Erziehung als auch mein Charakter und zu guter Letzt die geschäftliche Vernunft. Doch nicht alles, was in dieser Branche fuhrwerkt, kann auf gute Erziehung oder kaufmännisches Geschick zurückgreifen. Und da Selch gewisse Skrupel offensichtlich über Bord geworfen hat, gebe ich ihm seine morgendlichen Freundlichkeiten mit einigen deutlichen Worten zurück und beende das Gespräch. Beginnen Sie jetzt zu ahnen, woran Morawa gescheitert ist? Natürlich kann man alles auf den Markt schieben. Auf Rückgänge, Konsumentenverhalten, die digitalen Medien, das Ende des Papiers. Nur glaube ich halt, dass ein Gutteil dieser Argumente zur Dolchstoß-Legenden-Bildung missbraucht wird. Und trotz Selchs Aufforderung, als „Uninformierter“ die Finger von dem Thema zu lassen, bringt ExtraDienst mit dem vorliegenden Heft die große Aufarbeitung der Branchen-Götterdämmerung.

Aus-geliefert fragt prominente Meinungsmacher, zeigt das Dilemma, bringt eine Übersicht über Logistik und Vertriebssystematik in anderen europäischen Ländern, zeigt Wege aus der Krise, präsentiert neue Modelle, bringt Kommentare, Hintergründe und Analysen. Auf insgesamt 18 Seiten. Die interessantesten davon: der Bericht einer Studie mit 4500 Antworten von mehr als 170 deutschen Verlagsrepräsentaten der Plattform United Kiosk auf Seite 78 und eine Analyse der dräuenden Branchen-Bedrohung, wonach den Vertriebs-Profis keine Atempause dank der Disgitalisierung gegönnt ist. Wer klug ist, wird künftig neue Vertriebswege suchen. Und versuchen, wie und wo auch immer, in die Nähe seiner potenziellen Abnehmer zu kommen. Das kann einerseits über die stärkere Nutzung schon existierender Vertriebspartner wie Lesezirkel oder Auslieferungsfirmen erfolgen. Andererseits, indem man Handelsorganisationen überzeugt, Printprodukte am Point of Sale zu platzieren. Ob im Elektrohandel, in Boutiquen oder in Baumärkten – überall, wo das eigene Produkt sichtbar wird, kann man gegen schrumpfende Auflagen ankämpfen. Und überall dort, wo Menschenströme sich bewegen, bei Events und Konzerten, auf Bahnhöfen oder Flughäfen, kann sich das haptische Produkt bemerkbar machen. Kleines Beispiel: Seit wir ausverhandelt haben, dass unser Magazin elite auf Airports, in Lounges und Abflughallen aufgelegt werden darf, haben wir vertriebsmäßig Quantensprünge gemacht.

Bei alldem sollte nicht unausgesprochen bleiben, dass die Schutzbehauptung „Aber bei den Abonnements sind wir stärker denn je“ von so manchem vertriebsgeschwächten Verlagshaus als Feigenblatt missbraucht wird. Denn Abos haben einen kleinen, aber entscheidenden Vorteil: Die verwaltet man selber. Sie sind nicht öffentlich überprüfbar. Und man braucht auch keine Vertraulichkeits-Verpflichtungen mit Selchs & Co. zu schließen (es sei denn, man hat dem die Abo-Verwaltung auch übergeben, dann steigt dessen Macht nochmals höher – siehe oben).Ein weiteres Feld, das immer interessanter werden könnte, sind Partnerschaften mit Online-Shopping-Plattformen. Wobei ich neben dem Online-Abonnement oder dem Web-Kiosk die Nutzung großer Cyber-Vertriebs-Giganten meine. So hat Amazon in Spanien die Lieferung von Tageszeitungen getestet. Kunden des Services „Prime Now“ in Madrid durften sich ab einer Bestellung von 19,95 Euro über El Pais und Cinco Días freuen. Als kostenfreie Beigabe. Durchaus ein spannender Ansatz.Sie sehen also, ich höre nicht auf Sie, Herr Dr. Selch. Und jetzt, wo Ihre Hausmacht weg ist, werden das viele andere auch so halten. Was Ihnen redlich vergönnt sei. Schönen Sommer allen anderen wünscht Ihr

Ihr

Christian W. Mucha

(Herausgeber)

an.