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Mächtige haben Grund, freie Medien zu fürchten und Journalisten zum Schweigen zu bringen

 

Am 2. Oktober 2018 verschwindet Jamal Khashoggi. Er geht ins Konsulat seines Landes in Istanbul. Er will heiraten und braucht noch ein paar amtliche Bestätigungen. Dann ist er weg. Seine Verlobte wartet. Vergeblich. 

Erst nach und nach sickert blutig heraus, was mit Khashoggi geschehen ist. Er kam zu Tode. Wie? Dazu werden immer neue Versionen verbreitet. Mal soll sich der Journalist mit Agenten geprügelt haben. Im Streit sollen sie ihn ge- bzw. erschlagen haben. Dann wieder soll er erst gefoltert, schließlich erwürgt worden sein. Um Spuren zu verwischen, sollte ein Double in Khashoggis Anzug den türkischen Geheimdienst auf eine falsche Spur locken. Im Diplomatengepäck sollen die Killer schließlich die zerstückelte Leiche aus dem Konsulat geschafft haben. Eine maßgebliche Rolle in diesem blutigen Agententhriller soll ein gewisser Saud al-Qahtani gespielt haben. Er soll auch den Mordbefehl erteilt haben: „Bringt mir den Kopf dieses Hundes!“ Al-Qahtani, ein Vertrauter des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, kurz MbS genannt, soll ganz und gar auf eigene Verantwortung gehandelt haben.

Khashoggi lebte im Exil, weil er in letzter Zeit zum Spielball rivalisierender Gruppen im saudischen Königshaus geworden war. Er stand dabei sicher auf der falschen Seite. Jedenfalls wird er als glühender Verfechter der Presse- und Meinungsfreiheit beschrieben. Und solche Menschen haben es im absolutistisch geführten Saudi-Arabien nicht gerade leicht. Man denke nur an den Blogger Raif Badawi, der für seinen islamkritischen Blog wegen Gotteslästerung zu 1000 Peitschenhieben verurteilt  wurde. Badawi hofft in Haft, dass ihm wenigstens diese erspart bleiben. Inschallah!

 

Tödliche Bilanz

In den vergangenen zwölf Jahren sind nach UN-Angaben weltweit fast 1.110 Journalisten und Journalistinnen wegen ihrer Arbeit getötet worden. Von den zwischen 2006 und Ende 2017 registrierten Fällen wurde nur jede zehnte Tat aufgeklärt, teilte die UN-Kulturorganisation Unesco anlässlich des Internationalen Tags gegen die Straflosigkeit für Verbrechen an Journalisten mit. Nach Angaben der Organisation Press Emblem Campaign (PEC) gab es seit Beginn der Zählung 2007 sogar 1232 Todesopfer. 

Die zehn gefährlichsten Länder für Journalisten sind Syrien, der Irak, Pakistan, Mexiko und Somalia sowie Brasilien, die Philippinen, Indien, Afghanistan und Honduras. Wobei 2017 mehr getötete Journalisten in Ländern ohne bewaffnete Konflikte (55 Prozent) als in Krisengebieten registriert wurden, wie die Unesco mitteilte. 

 

Gefahrenzone Mittelamerika

Der Drogenkrieg, der in Mexiko nicht nur zwischen Kriminellen und Behörden, sondern auch unter konkurrierenden Mafiaorganisationen tobt, hat seit 2006 an die 200.000 Menschenleben gefordert. Die Stadt Ciudad Juárez an der mexikanischen Grenze zu den USA gilt als gefährlichstes Pflaster der Welt. Dort zählt man zehn und mehr Morde pro Tag. Damit hat sich diese Stadt den unrühmlichen Namen „Epizentrum des Schmerzes“ erworben. 

Wer hier als Polizeireporter arbeitet, läuft Gefahr, sehr schnell eine Kugel abzubekommen. Und bei der Gewalt und Gesetzlosigkeit, die in Mexiko herrschen, wundert es auch niemanden, dass 97,1 Prozent der Morde an Journalisten nicht aufgeklärt werden.

Nicht viel besser sieht es in Honduras aus: Dort wurde 2010 der prominente TV-Journalist Luis Arturo Mondragón von zwei Unbekannten mit vier Schüssen niedergestreckt,  als er das Gebäude seines Senders Canal 19 in Santa Clara de Danli, rund 150 km östlich der Hauptstadt Tegucigalpa, verließ. Über die Täter weiß man nicht viel, wie die Zeit berichtet: „Der Rest ist in Honduras mittlerweile traurige Routine: Auf einer Pressekonferenz nennt Leonel Sauceda vom Sicherheitsministerium die Fakten: ‚Sein Körper wies vier Einschusslöcher auf.‘ Mehr wissen die Ermittlungsbehörden nicht.“ 

Etwas mehr Glück hatte die Fernsehjournalistin Karol Cabrera: Sie wurde, ebenfalls im Jahr 2010, von einem Killerkommando überfallen. In der Schießerei starb ihre erst 16 Jahre alte schwangere Tochter, sie selbst überlebte und konnte sich nach Kanada in Sicherheit bringen. 

In Kolumbien wurde der Radiojournalist Norvey Dmaz per Nackenschuss regelrecht hingerichtet. Ist er bei seinen Recherchen über Polizistenmorde an Bettlern jemandem zu nahe getreten? Oder war es eine heiße Geschichte über die Geldwäsche von Drogengeldern in der Touristikindustrie?

 

Ungeklärte Mordserie an Journalisten in Indien

2015 stufte „Reporter ohne Grenzen“ Indien als das sechsttödlichste Land für Journalisten ein. Neun Reporter kamen damals dort ums Leben, 2016 zählte die internationale Journalisten-Föderation fünf ermordete Journalisten. 

Die meisten Opfer sind freie, unabhängige Journalisten in Kleinstädten. Der Mord an Jagendra Singh im Sommer 2015 war besonders brutal: Er wurde in seinem eigenen Haus angezündet – vermutlich von Polizisten.

Am 19. September 2017 wurde der Fernsehreporter Shantanu Bhowmik im Bundesstaat Tripura zu Tode geprügelt, als er über Zusammenstöße zwischen Polizisten und Vertretern der indigenen Bevölkerung berichtete. Nur wenig später wurden der Journalist KJ Singh und seine 92 Jahre alte Mutter ermordet in ihrem Haus im Punjab aufgefunden. Und am 21. November desselben Jahres wurde der Journalist Sudip Datta Bhaumik in Tripura erschossen – mutmaßlich vom Personenschützer eines ranghohen Polizisten. Nach dem Mord an Gauri Lankesh im September 2017 posteten zahlreiche Unterstützer rechtsradikaler Gruppen, dass sie eine Kommunistin gewesen sei und den Tod verdient habe. 

Bei diesem Klima wundert es niemanden, dass die von der nationalistischen Hindupartei gebildete Regierung von Premierminister Narendra Modi tatenlos zuschaut. Nach Angaben des Komitees zum Schutz von Journalisten ist in den vergangenen zehn Jahren in Indien kein einziger Mord an Journalisten aufgeklärt worden.

 

Pakistan: Terror und Geheimdienste

Pakistans Geheimdienst ISI hatte noch nie den Ruf, zimperlich zu sein. Folter, systematische Einschüchterung von Kritikern und dubiose Kontakte etlicher Offiziere zu Terrororganisationen gehören seit Jahrzehnten zu den Vorwürfen von Menschenrechtlern innerhalb und außerhalb des Landes. 

Saleem Shahzad schrieb über eine Unterwanderung der pakistanischen Marine durch Dschihadisten. Vor allem berichtete er, dass der Angriff eines Terrorkommandos auf eine pakistanische Marine-Basis nur möglich gewesen sei, weil die Angreifer Insider-Wissen hatten. Er behauptete, die pakistanische Marine sei beträchtlich von al-Qaida unterwandert. Im Mai 2011 wurde er von einem Fernsehsender zu einer Talk-Show eingeladen. Im Studio ist er nie angekommen. Vielmehr wurde seine Leiche in einem Kanal nahe der Stadt Jhelum gefunden, etwa hundert Kilometer von seiner Heimatstadt Islamabad entfernt. Sein Körper wies Folterspuren auf.

 

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Bildcredit: Pixabay