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Das russische Fernsehen ist viel mehr als Propaganda für Putin. Der Großteil der Sendezeit ist im TV des Riesenreichs der leichten Muse gewidmet. Einige der besten russischen TV-Formate hat ED unter die Lupe genommen.

 

Es ist unbekanntes Terrain, dem hierzulande viele Vorurteile entgegenschlagen. Propagandainstrument, kritiklos, und noch einiges mehr. Tatsächlich widmen die drei nationalen russischen Sender Vladimir Putin und seiner Partie täglich eine Stunde Sendezeit. Mit durchaus wohlwollendem Einschlag. Bleiben allerdings noch 23 Stunden Sendezeit für leichte und auch schwerere TV-Kost. Die Bandbreite ist dabei fast so groß wie das Land selbst. So sind die russischen Zuseher ebenso vertraut mit den internationalen Erfolgsformaten wie „The Voice“, „Millionenshow“ oder „Vermisst“. Daneben entwickeln die TV-Macher zahlreiche Formate speziell für ihren TV-Markt. Manches erinnert entfernt an jene skurrilen asiatischen TV-Shows, die mitunter auch ins deutschsprachige TV überschwappen. Anderes klingt ganz einfach exotisch. Publikumsrenner sind sie allemal. Nicht zuletzt gehen die Reichweiten durch die Decke, weil es keine TV-Gebühren im Riesenreich gibt. Als Sahnehäubchen werden die meist von schönen Moderatorinnen geleiteten Shows mit slawischem Temperament garniert. Prügeleien in TV-Shows in Russland sind keine Seltenheit. Es sind Szenen wie aus einer anderen Fernsehwelt. Dabei kloppen sich Politiker, Ehefrauen, Moderatoren oder Models publikumswirksam zur besten Sendezeit, bis das Blut fließt. Ob Fake oder nicht, darüber machen sich die Russen kaum Gedanken. Was zählt, ist die Unterhaltung.

 

Hellseher-Shows sind der Renner

Auch bei den in Russland allseits beliebten Hellseher-Shows lässt sich nicht immer mit Bestimmtheit sagen, ob dort alles mit rechten Dingen zugeht. Für die Russen ist das jedoch genauso egal wie Doping bei Spitzenathleten. Der „Kampf der Hellseher“ des Fernsehsenders TNT geht bereits in die 17. Staffel. Die Moderatoren sind dabei nicht nur nettes Beiwerk, sondern selbst vom Fach und auch dazu aufgerufen, durch ihre Expertise Hellseher-Betrügereien aufzudecken. Zu Beginn einer Staffel finden sich immer Dutzende Hellseher vor einer schwarzen Wand zusammen. Sie sollen alleine durch ihre außersinnlichen Wahrnehmungen dem Geheimnis auf die Spur kommen, was sich hinter der Wand abspielt. Dort kann sich etwa eine tanzende Ballerina verstecken oder auch so etwas Banales wie ein Mann, der ein Hot Dog isst. Tatsächlich gibt es immer wieder „Auserwählte“, die das Rätsel lösen.

In jeder Folge sind die Kandidaten schließlich gefordert, drei Aufgaben zu lösen. Eine immer wiederkehrende Aufgabe zeigt die selbsternannten Hellseher bei dem Versuch, mit verbundenen Augen eine Person zu beschreiben, die sich mit ihnen im gleichen Raum befindet. Dabei kommt es oft zu starken Diskrepanzen zwischen dem tatsächlichen Erscheinungsbild und der außersinnlichen Wahrnehmung. So wird eine junge und sehr attraktive Schauspielerin von den Hellsehern folgendermaßen beschrieben: „Er ist ein 50-jähriger Mann mit einem Bart.“ Ein anderer wiederum glaubt, ein kleines Kind vor sich zu haben. Die Schuld an den Fehlleistungen schieben die Hellseher in der Regel ihren Mitstreitern zu, die sie in ihrer Konzentration mental blockieren würden. Ob die Ausreden nutzen, zeigt sich am Ende jeder Show, wenn mit einem weißen und einem schwarzen Kuvert der beste und der schlechteste Hellseher bekanntgegeben werden.

Die Sache mit den Hellsehern lässt sich zudem auch sehr schön variieren. So treten in einer beliebten russischen Show im TV-Sender NTW allwöchentlich „Hellseher gegen Polizisten“ zum Verbrechensaufklärungswettkampf gegeneinander an. Jede Woche müssen die beiden Teams bereits abgeschlossene Kriminalfälle lösen. Am Ende jeder Sendung beurteilen Verwandte oder Bekannte der Opfer, wie nahe die jeweiligen Teams der richtigen Lösung gekommen sind. Ein Mitglied der Verlierermannschaft muss dann das Team verlassen. Eine Staffel endet erst dann, wenn in einem der Teams alle Personen ausgeschieden sind. Zu Beginn jeder Folge werden die Teams über die Fakten eines Verbrechens informiert. Wahrsager und Polizisten sind dazu aufgefordert, den Mord so genau wie möglich zu rekonstruieren. Während die Polizisten auf konventionelle Methoden der Verbrechensaufklärung (Gutachten der Gerichtsmedizin, Polizeiarchive und die Befragung der Nachbarschaft) zurückgreifen, versuchen die Hellseher, den Kriminalfall mit Pendeln, Karten und anderen Hilfsmitteln zu lösen. Übrigens: Die erste Staffel gewannen die Polizisten. Aber die Hellseher sinnen in der bereits laufenden zweiten Staffel auf Revanche.

 

Geheimnis statt Geld

Doch nicht nur die paranormalen Kräfte, sondern auch die profanen und banalen Geheimnisse des realen Lebens bringen Quote. Seit 2016 glänzt NTW mit einem entsprechenden neuen Format: In der Sendung „Geheimnis oder Million“ stellt eine Moderatorin einer bekannten russischen Persönlichkeit 20 ganz persönliche Fragen aus verschiedenen Teilgebieten ihres Lebens, die per Zufallssystem auf einer großen Leinwand ausgewählt werden. Für jede richtig beantwortete Frage erhält der Promi Geld. Bekannte und Freunde aus der Vergangenheit erscheinen per Video oder kommen live in die Sendung und bestätigen die Richtigkeit der Antworten. Der Höhepunkt folgt zum Schluss: Dem Star wird ein geschlossenes Kuvert überreicht. Darin verbirgt sich ein strenggehütetes Geheimnis aus seinem Leben. Will dieser das Geheimnis für sich behalten, übergibt er das Kuvert samt Inhalt den Flammen. Ist er jedoch bereit, das Geheimnis zu lüften, kassiert er eine Million Rubel (ca. 165.000 Euro). Bei bislang 20 Folgen dieser Sendung haben es 19 Kandidaten vorgezogen, lieber auf die Million zu verzichten.

 

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Autor: Christian Sec

Bildcredit: Adobe Stock