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Es war wie ein Sommer ohne jegliche Wolke. Auf den Designer-Schreibtischen aus italienischer Produktion stapelten sich die Bewerbungen, in den Büros von Personalisten gaben sich Hoffnungsträger stark gebrauchte Klinken in die Hand. Wer es geschafft hatte, durfte sofort einen Schub Sozialprestige erwarten, begleitet von seinem stattlichen Gehalt und den  Neidgefühlen jener, die draußen bleiben mussten. Vor wenigen Jahren noch galt die Kommunikationsbranche als Zielort für Karrierehoffnungen, als Turbo für den Aufstieg.

Heute präsentiert sich eine gänzlich andere Situation. Der Imagelack zeigt Risse, begleitet von Veränderungen, die gerade jede Industrie erlebt. Somit macht die große Party mit Glamour, Traumjobs und fetten Konten in vielen Kreativschmieden zumindest eine Pause. Die Branche steht in so mancher Hinsicht verstärkt mit dem Rücken zur Wand, nicht zuletzt ausgelöst durch mehr als hartnäckige Recruiting-Probleme. Die einstigen Blue Chips in Sachen Vollbeschäftigung sind mit einer verstörenden Tendenz konfrontiert: Qualifizierte Mitarbeiter gehen zusehends aus. 

Dieses Gespenst des Fachkräftemangels setzt die Chefetagen zunehmend unter Druck. „Agenturen sind schon lange keine Jobmagneten mehr. Früher reizten ein hohes Salär und eine glamouröse Welt. Das ist vorbei. Die Gehälter liegen nicht mehr über dem Durchschnitt, bis zum Glamour kann es lange dauern. „Das Geschäft ist beinhart, vergleichbar mit dem Einstieg in die Anwaltswelt. Dort sind sieben bis zehn Jahre nötig für das Erreichen der gehobenen Einkommensklasse“, betont Georg Unger, Managing Partner des Personalberatungsunternehmens NGS Global.

Für neutrale Beobachter mag jene Schlechtwetterphase überraschend kommen. Die Abwärtsspirale passt so gar nicht zu landläufigen Klischees. Eine erfolgsverwöhnte Branche mit Sogwirkung, eine vermeintliche Plattform für Eigenheime, Luxusurlaube und Selbstverwirklichung – trotzdem machen immer mehr Jobsuchende einen Bogen um jene Arbeitgeber. Über mögliche oder unmögliche Ursachen wird oft spekuliert: Überholte Geschäftsmodelle, gesellschaftliche Entwicklungen, die verschlafen wurden, Radikaldiät bei der Entlohnung oder auch zu geringe Personalpflege nach der Devise: „Es sind doch eh alle froh, bei uns arbeiten zu dürfen.“

Denkende Persönlichkeiten

Von Wegschauen kann aber keine Rede sein, viele Akteure werfen kritische Blicke auf die Rolle der Branche. „Wir haben viel zu wenig für den Nachwuchs getan. An Lehrlinge etwa kann ich mich in keiner Agenturstation erinnern. Doch die schulische oder universitäre Ausbildung war und ist sehr gut. Das Hauptproblem ist ein anderes: Die Branche hat ihren Magnetismus verloren. Was am allgemeinen öffentlichen Bild von Werbung liegt. Aber ebenso daran, dass die sexy Arbeitgeber für Kreative heute eher die Start-ups unserer Welt sind“, sagt Peter Hörlezeder, Managing Partner der Hello Werbeagentur.

Christoph Bösenkopf, Geschäftsführer der Agentur Wirz, ortet zudem einen Strukturwandel: „Durch Digitalisierung, Startup-Boom und neue Formen des Unternehmertums wie EPUs wird es immer schwieriger, junge kreative Talente für die traditionelle Kommunikationsbranche zu gewinnen. Die Arbeit als Angestellter in einer Agentur klassischen Zuschnitts gilt heute nicht mehr als heiß und erstrebenswert. Daran ist unsere Branche selber schuld.“

 

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Bildcredit: Pixabay