Skip to content. | Skip to navigation

Margaret Thatcher

Nach dem Tod von Margaret Thatcher mussten englische Medienhäuser teilweise ihre Online-Foren schließen, weil die Kommentare der Nutzer an Pietätlosigkeit nicht zu überbieten waren. Der Umgang mit verstorbenen Politikern ist für die Medien aber seit jeher ein schwieriges Thema. Der Grat zwischen „De mortuis nil nisi bene dicendum“ („Über Verstorbene nur wohlwollend sprechen“) und kritischer Berichterstattung ist offenbar schmäler als man vermuten könnte. ExtraDienst hat in der Branche nachgefragt, wie die Ereignisse nach dem Tod der "Eisernen Lady" eingeordnet werden und wie sich Medien in solchen Fällen verhalten sollten.

 

Christian Ultsch, Die Presse

Die Feiern anlässlich des Todes von Margaret Thatcher zu zeigen ist natürlich nicht geschmacklos, weil es ein Teil der Wirklichkeit ist, aber dass Bilder verbrannt werden - das pietätlos. Genau diese Leute würden sich aufregen, wenn es ideologisch von der anderen Seite käme. 

Wenn ein Demonstrant auf der Straße Fotos verbrennt, dann ist das keine journalistische Kategorie. Ich finde das schrecklich und pietätlos. Das hat mit Journalismus nichts zu tun. Ich bin dafür, über alles zu berichten, was von öffentlichem Interesse ist - totschweigen würde ich das nicht.  Aber wenn man als Journalist hingeht und statt eines Nachrufs einen Jubelartikel verfasst, dann halte ich das für bedenklich. Wie kann man sich freuen über den Tod eines Menschen? Diese Dame ist ja schon seit 2002 von der Bildfläche verschwunden, weil sie krank war. Es sind wohl Scheingefechte, die da im Nachhinein geführt werden. Vielleicht von Personen, die damals nicht zur Geltung kamen.

 

Peter Filzmaier, Politikwissenschaftler

Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist die Grenze zwischen Pietät und kritischer Berichterstattung nach dem Tod von Politikern klar. Solange es einen Sachbezug gibt, steht der kritischen Analyse des Lebenswerks nichts im Weg. Realpolitisch sieht das aber oft anders aus. Früher, vor zehn bis 20 Jahren, gab es die Tendenz, aus Pietät auf kritische Beleuchtung des politischen Schaffens zu verzichten. Heute schlägt das Pendel eher in die andere Richtung aus. Durch mehr Wettbewerb und das schnelle Online-Geschäft werden oft Tabus gebrochen, indem das Privatleben toter Politiker beleuchtet wird, wie etwa im Fall Klestil. Das ist wirklich ein Tabubruch und hat in den Medien nichts zu suchen. Wo kein Sachbezug besteht, sollte die Pietät geachtet werden. Sich sensationslüstern über das Privatleben herzumachen kann auch rechtlich problematisch sein.

 

Florian Klenk, Falter

Die Wahrheit ist immer zumutbar. Aber es kommt auf die Person an. Wenn ein Caritas-Präsident stirbt, wird man nicht seine Eheverfehlungen thematisieren – wenn er welche gehabt hat. Bei einem Politiker sehe ich das schon anders. Ein Politiker ist eine historische Persönlichkeit und natürlich kann ich auch seine politischen Fehler und Schattenseiten thematisieren. Damit kritisiere ich ihn ja nicht als Persönlichkeit, sondern ich kritisiere seine Amtsführung – das muss zulässig sein. Aber man muss in der Darstellung die Würde bewahren. 

Selbstverständlich darf man eine politische Bilanz ziehen und auch politische Entscheidungen eines toten Politikers kritisieren. Man darf deshalb auch eine Bilanz der Politikerin Thatcher ziehen, was sie in GB angerichtet oder geleistet hat. Darf man jetzt über Hitler oder Stalin nichts mehr Böses schreiben, weil sie tot sind? Ein Politiker hat da ganz was anderes auszuhalten als die Großmutter. Wenn man bei der schönen Leich’ von der Oma sitzt, wird man nicht erzählen, was die Oma alles Böses mit uns getan hat, sondern man wird sie in guter Erinnerung behalten. Bei einer Persönlichkeit des öffentlichen Interesses – gerade bei einem Politiker, der eine sehr prononcierte Stellung hat – kann man sich auf so etwas nicht berufen.

Bei Haider gab es nach seinem Tod viele Geschichten bezüglich seines Privatlebens. Da bin ich skeptisch, ob das wirklich Privatleben ist, da kann man lange darüber diskutieren, ob das zulässig war. Es gibt gute Argumente dafür und dagegen. Ich hätte die Geschichte wahrscheinlich so nicht gebracht. Bei Haiders Tod hat sich die österreichische Presselandschaft großteils Richtung Nordkorea orientiert: Personenkult, Mitheulerei – sogar die Kleine Zeitung hat sich dem Kult hingegeben, im ORF ist das Begräbnis live übertragen worden – man hat so getan, als würde der Papst sterben. Das war ein  kollektiver Rausch – der schlimmste Fall eines Führerkults, so wie wir ihn gerade in Venezuela erleben

Bildcredit: Wikipedia, CC-BY-SA-3.0, Margaret Thatcher Foundation