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Hitler: Ösis sehen angeblich auch Gutes

Der Standard sorgt dieser Tage mit der Meldung international für Aufregung, dass 42 Prozent der Österreicher der Nazi-Diktatur positive Aspekte abgewinnen. Das hat eine Umfrage des Linzer Market-Instituts ergeben, die der Standard selbst in Auftrag gegeben hat. In der selben Befragung wurde auch abgefragt, ob sich die Österreicher nach einem „starken Mann“ sehnen und wie es im Land um die öffentliche Meinung zum Thema Einparteiensystem bestellt ist. Einen „starken Mann“ wünschen sich demnach 61 Prozent der Umfrageteilnehmer, mit der Herrschaft durch eine einzelne Partei könnten sich immerhin 30 Prozent abfinden. Befragt wurden 502 Österreicher und -Innen ab 16 Jahren.

Vieles scheint darauf hinzuweisen, dass vorgestriges Gedankengut in Österreich nach wie vor weit verbreitet ist. Genau so haben das dann auch internationale Medien, von Sydney bis New York, übernommen und weiterverbreitet. Im Inland ist derweil eine Debatte über die Art der Fragestellung entbrannt. Beim Kurznachrichtendienst Twitter etwa sorgte vor allem die Frage nach den positiven Aspekten der Hitlerzeit für Diskussionen. Den Umfrageteilnehmern war der Satz "Unter Hitler war nicht alles schlecht" vorgelegt worden. Sie mussten sich dann entscheiden, ob das zutreffend ist, oder nicht. Einige Beobachter sehen diese Frage als ungeeignet, um die Einstellung der Österreicher zur Herrschaft Hitlers zu überprüfen.

"Dumme Frage"

"Die Frage 'war alles schlecht' ist ganz unabhängig von den Rahmenbedingungen dumm", zwitscherte etwa ORF-Nachrichtensprecher Armin Wolf als Reaktion auf die Umfrageergebnisse und das Medienecho. Viele weitere Twitter-Promis schlossen sich dieser Meinung an. Am Mittwoch ruderte jetzt auch der Standard zurück. Market Geschäftsführer Beutelmeyer wurde in einem Artikel mit der relativierenden Aussage zitiert, dass eben niemals "alles" schlecht sei. Die Frage, ob ein starker Mann an der Spitze des Staates gewünscht wird, sei zudem im aktuellen politischen Kontext gestellt worden, gleich nach der Kanzler- und der Sonntagsfrage.

Gegenüber ExtraDienst betont Beutelmeyer, dass die gesamte Fragestellung so in Ordnung gewesen sei. "Die Frage zur Hitler-Herrschaft ist nicht suggestiv, es handelt sich um eine Dialogfrage mit zwei klar unterscheidbaren Meinungen", so der Market-Geschäftsführer. Die Interpretation der Ergebnisse sei nicht Aufgabe der Meinungsforscher. Dass gestriges Gedankengut in Österreich noch verbreitet sei, lasse sich aber durchaus aus der Umfrage ableiten. "Mich hat das Ergebnis nachdenklich gestimmt", sagt Beutelmeyer.

Dass die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Alpenrepublik auch 75 Jahre nach dem Anschluss einiges zu wünschen übrig lässt, überrascht wohl kaum jemanden - das haben andere Studien schon früher festgestellt. Dass der Standard mit einer unbedarften Umfrage eine internationale Diskussion provoziert, ist für Beobachter schon eher interessant.

Eines ist klar - Österreich schaden solche Selbst-Anklagen vor allem im Tourismus nachhaltig. Lesen Sie dazu hier einen Kommentar von Faktum-Chefredakteurin Mag. Verena Scheidl.

Auf Bestellung

"Man kann von Medien nicht verlangen, dass sie wissenschaftliche Studien betreiben und finanzieren. Das wäre unrealistisch. Aber die Frage ist, ob man bei einem so sensiblen Thema nicht auf die Umfrage verzichten sollte. Hat’s für die glaubhaft gemachte Aufarbeitung dieses Themas wirklich die Umfrage gebraucht? Man kann die Bereitschaft kritisieren, dass man zu viele Kompromisse gemacht hat – wissend, dass man damit mediales Echo auslöst", sagt Politikwissenschaftler und Medienprofi Peter Filzmaier im ExtraDienst-Interview.

Den Vorwurf der Skandalhascherei lässt der Standard aber nicht gelten. "Das weise ich entschieden zurück. 'Unter Hitler war nicht alles schlecht' ist ein landläufiges Vorurteil, das wir abgefragt haben. Dass man die Fragen anders hätte stellen können, diese Kritik kann ich annehmen", sagt Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid gegenüber dem ExtraDienst.

Schlechter Ruf

"Das internationale Medienecho ist kein Problem, weil Österreich ohnehin das Image einer späten und unzureichenden Vergangenheitsbewältigung mit sich schleppt - und das nicht ganz zu unrecht. Die Umfrage trägt nichts dazu bei, das zu ändern, und zwar völlig unabhängig davon, ob es 42 Prozent sind. Die Diskussion wäre genauso gelaufen, wenn es 25 Prozent der Österreicher gewesen wären, die meinen, es gebe auch gute Aspekte", so Filzmaier.  Gerade bei sensiblen Themen solle man deshalb auf so vereinfachende Fragestellungen verzichten.

Bildcredit: Bundesarchiv, Bild 102-00344A / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA