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Journalisten sollen thematisch spezialisiert sein, aber in ihren medialen ­Kompetenzen vielseitig


Sollen Journalisten eher Generalisten sein oder spezielle fachliche Felder bestellen? Das ist hier die Frage, die sich aber anders stellt als früher: ‚Generalist‘ meint heute nicht mehr den thematisch vielseitig beschlagenen ‚Generaldilettanten‘, sondern polymediale Kompetenzen.

Immer schon war die Frage ‚Generalisten oder Spezialisten?‘ zentral für die Curriculum-Entwicklung. Diese Diskussion ist also weder in der Journalismusforschung noch im Redaktionsalltag neu. Sie erfordert aber wesentliche neue Antworten durch Digitalisierung und World Wide Web.“

So analysiert Andy Kaltenbrunner, Ex-Journalist (profil u. a.) und Leiter des Medienhauses Wien, eine der Grundsatzfragen der journalistischen Arbeit: Braucht es, in leicht satirischer Überspitzung formuliert, eher Fachidioten oder Generaldilettanten? Wie Kaltenbrunner gegenüber ED feststellt, geht es hier um „Averse und Reverse derselben Medaille“.

Der „Journalisten-Report IV“, den Kaltenbrunner zusammen mit dem Klagenfurter Kommunikationswissenschaftler Matthias Karmasin und Daniela Kraus, Journalistin und Geschäftsführerin des fjum_forum journalismus und medien wien, im Facultas Verlag herausgegeben hat und der die österreichischen Medienmanager/innen – ihr Selbstbild, ihre Wünsche, Forderungen, Hoffnungen, Begehrlichkeiten – ins Visier nimmt, geht der Frage „Generalisten oder Spezialisten?“ ebenfalls nach und kommt zu folgendem Ergebnis: „Im Zweifelsfall sind natürlich beide im Newsroom erwünscht – ein interessanter Trend lässt sich zusammenfassend aber ablesen: Mehr Breite wird bei Einsatz und Bedienung der vielen neuen digitalen Recherche- und Distributionskanäle von allen Journalistinnen und Journalisten verlangt, gleichzeitig aber mehr Expertise, also Tiefe, im jeweiligen Ressort gefordert, damit sie ,auf Augenhöhe‘ mit Vertretern und Vertreterinnen von Politik, Wirtschaft, Justiz oder Wissenschaft interagieren. Die Anforderungen der Managements an ihre redaktionellen Mitarbeite­rinnen und Mitarbeiter wachsen: Jour­nalistinnen und Journalisten seien demnach digitale Generalisten und fachliche Spezialisten. Das ist ein schwieriger Spagat.“

Dieser Anspruch, zugleich vielseitigere Darstellungsoptionen wie gewachsene spezifisch fachliche Anforderungen bedienen zu müssen, spiegle sich bereits, sagt der Journalisten-Report im Weiteren, in den Aus- und Weiterbildungsprogrammen wider. „Storytelling über alle Kanäle“, „Data-Mining“ oder „Mobile Reporting werden da etwa angeboten, andererseits aber auch Crashkurse zur schnellen Erlangung von Wissenskompetenz in verschiedenen Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder Justiz.

Polymedial
Das heißt auch, dass der Begriff „Generalist“, der früher eine breit angelegte Wissenskompetenz meinte, eine ­erhebliche Bedeutungsveränderung erfahren hat: „Generalist“ bedeutet heute mehr als alles andere polymediale Kompetenz. Dass eine solche in Hinkunft zum unverzichtbaren handwerklichen Rüstzeug im Journalismus gehören wird, darüber herrscht in der Branche Einigkeit. Differierend wird höchstens das geschätzte Ausmaß ihrer Unabdingbarkeit eingeschätzt. Medienfachmann Matthias Karmasin beurteilt es so: „Bei der Darstellung der Inhalte wird man Leute brauchen, die das sowohl für Online wie auch für Print machen können, unter Umständen aus den besten Beiträgen auch einmal ein Buch gestalten oder auch in der Lage sind, das Ganze für einen Radiobeitrag einzusprechen. Besonders für freie Journalisten wird es wichtig sein, mehrere Darstellungsformen zu beherrschen. Der Freelancer muss, wenn er sich verkaufen will, das große Format beherrschen genauso wie die kurze Online-Geschichte. Unter Umständen mit Video-Datei, genauso wie die Geschichte für den Mantelteil.“

Inhaltlich spezialisiert
Während der Journalist der Zukunft also medial „mehrbeinig“ sein wird, wird er sich bezüglich seiner inhalt­lichen Orientierung auf eine – oder ganz wenige – Kernkompetenz(en) ­kaprizieren müssen. Auch darüber herrscht in Österreich weitgehend Einigkeit. „Ich glaube, dass die inhaltliche Zukunft im Journalismus tendenziell eher den Spezialisten gehören wird“, prognostiziert etwa Manfred Perterer, Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. „Es wird aber nicht mehr genügen, auf einem Gebiet Spezialist zu sein, sondern auf zwei oder dreien. Die Konsumenten wollen in einer unübersichtlich gewordenen Welt Orientierung, Deutung, Erklärung, Kommentierung. Dazu braucht es Fachwissen. Das können nur Spezialisten liefern. More of the same wird nicht mehr gefragt sein.“

Den bloßen Copy-Paste-Journalismus sieht der SN-CR vor dem baldigen Aus, denn auch bei der wachsenden Bedeutung der digitalen Verbreitung würden Unverwechselbarkeit und ­Eigenleistung gefragter sein denn je. „Einen Boom wird Online im regionalen und lokalen Bereich erleben. Das gibt auch eine Chance für die regionalen Qualitätsanbieter.“

„Die Welt ist so schwierig und komplex geworden, dass man einfach eine gewisse Expertise haben muss, um sie erklären zu können“, meint wie Perterer auch Matthias Karmasin. „Durch die steigende Komplexität der Welt wird auch die Wichtigkeit für Journalisten steigen, sich gut auszukennen.“

Einzig Andy Kaltenbrunner relativiert leicht – ohne allerdings einen Trend zum Spezialistentum zu leugnen: „In unseren empirischen Studien sehen wir eben tatsächlich beide Bewegungen: Höhere Akademikerraten bei den Berufseinsteigern stehen einerseits für breiteres Grundlagenwissen im Journalismus, etwa bei FH-Absolventen – und andererseits regis­trieren wir unter jungen Journalisten mehr Fachwissen durch einschlägige Studienabschlüsse in Wirtschaft, Politikwissenschaft, Kulturstudien etc.“

Allgemeinbildung ade?
Hat damit die gute alte Allgemeinbildung als – real freilich sowieso sehr selten geleistetes – Ideal ausgedient? „Dass der Allgemeindilettant noch funktionieren kann, das glaube ich nicht, denn die Dinge werden immer schwieriger, vernetzter, globaler“, legt sich Matthias Karmasin fest. „Es ist ja schon ganz schwierig, auch nur eine Sache gut zu beherrschen. Es ist schwierig genug, sich in der Politik gut auszukennen, und selbst da kann man noch differenzieren: Innenpolitik, Außenpoltik, EU-Politik.“

Nun wird trotz aller Tendenzen Richtung Spezialisierung die Kompetenz von Fachjournalisten in regelmäßigen Abständen in Zweifel gezogen: Vor allem die „Wirtschaftler“ bekamen da in den letzten Jahren gehörig ihr Fett ab. „Dem Wirtschaftsjournalismus tropft die Butter vom Kopf“, konstatierte etwa Claus Reitan, ehemaliger Chefredakteur der Tiroler Tageszeitung, Wolfgang Fellners Österreich sowie der Wochenzeitung Die Furche, bei einer an den Vortrag der renommierten deutschen Kommuni­kationswissenschaftlerin Susanne Fengler anschließenden Diskussionsveranstaltung zum Thema „Journalisten im Twitter-Gewitter“ im Theatersaal der Akademie der Wissenschaften.

Zum anderen herrscht weithin in Redaktionen ungebremster Trend zu Personaleinsparungen, der doch eigentlich thematisch vielseitig beschlagenen Journalisten entgegenkommen müsste. In Manfred Perterer hat man zwar mit diesem Thema den falschen Ansprechpartner erwischt, weil dieser alsgleich energisch protestiert: „Personaleinsparungen bei den Journalisten sind im Haus Salzburger Nachrichten ein Fremdwort. Wir investieren in die ­Qualität unserer Medien, und das ist untrennbar mit einem Investment in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbunden.“ Aber wie Perterer selbst anfügt: „In anderen Häusern sind Personaleinsparungen leider an der Tagesordnung.“

Anforderungen
Doch das bedeutet nicht notwendigerweise eine Hochkonjunktur der Allrounder. Denn „in jedem Dorf einen Hund zu haben“ wird zeitgemäßen Anforderungen schon lange nicht mehr gerecht, postuliert Matthias Karmasin: „Vorauszusetzen, dass jemand, der sich in der Politik gut auskennt, gleich auch den Sport gut mitmachen kann – weil Sport ja auch mit Politik zu tun haben kann, wie sich bei Olympiaden und anderen Großereignissen zeigt –, also ich glaube nicht, dass das funktioniert. Genauso wenig kann ich mir vorstellen, dass jemand aus der Wirtschaft auch gut Reise macht oder gut Chronik macht. Darüber hinaus braucht man, um an gute Geschichten zu kommen, auch gute Kontakte. Und an den Journalisten, der gute Kontakte überallhin hat, von Politik über Wirtschaft und Sport bis Reise: auch an den – die eierlegende Wollmilchsau gewissermaßen – glaube ich nicht.“

Man möge sich nur einmal vor Augen halten, erklärt Karmasin, welche Relevanz Fach- und Spezialmagazine in den letzten 20 Jahren gewonnen hätten. Ebenso wie die Spartensender im Fernsehen. „Es gibt natürlich auch Leute, die alles schreiben können. Die Chronik war früher das Ressort, wo man quer durch den Gemüsegarten gearbeitet hat. Die Chronik war klassisch ein Ressort, wo man gesagt hat, da musst du alles können. Und das ist noch immer – gerade in Tageszeitungen – ein wichtiges Ressort. Im Branchendurchschnitt aber ist das Spezialistentum wichtiger. Dass man im Journalismus eine gewisse Grundbildung braucht, um den Beruf gut ausüben zu können – das stimmt auf jeden Fall. Etwas Ahnung muss man als Journalist schon haben, was in der Welt vorgeht. Ich nehme nicht an, dass jemand, der Experte für Fußball ist, keine Ahnung hat, was in der Innenpolitik vorgeht – das unterstelle ich niemandem. Ich meine nur: Man hat ein Kerngebiet, da bin ich besonders gut – aber das schließt ja um Himmels willen nicht aus, dass ich nicht hin und wieder etwas anderes mache. Und ja, irgendwann wird der Sportchef in Sotschi notgedrungen über Meinungsfreiheit in Russland schreiben müssen. Ich will ja um Himmels willen nicht postulieren, dass man mit Scheuklappen durch die Welt rennen soll!“

Autor: Bruno Jaschke

Bildcredit: iStockphoto