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Oder – wie man Kernöl ins Feuer schüttet. Eine kurze Anleitung für Anstand.

 

Selbst die Bild-Zeitung ereiferte sich: Darf ein österreichischer Kanzler ein Medium, das Österreich heißt, mit Inseraten-Bannfluch belegen?

Medikratius meint: Natürlich darf er. Ob das freilich klug ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Vorfall um die „Prinzessinnen-Affäre“ ist nicht der einzige, der dieser Tage heftiges Rauschen im Blätterwald auslöste:

Auch zwei eher verschämt daherkommende, relativ unauffällige Artikel in der Tageszeitung Heute waren vieldiskutiert in der Branche: Darin listeten die Anzeigenverantwortlichen des Gratisblattes feinsäuberlich auf, wo Wolfgang Fellner und seinen Gratis-Postillen im öffentlichen Bereich mehr an Werbegeld zugeflossen war als Heute. Unfair, Sauerei, Wettbewerbsverzerrung. So ungefähr lautete der Tenor.

Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner hingegen beklagte sich immens darüber, dass Kern Auftritte in der 180-Grad-Fellner-Medienlandschaft verweigerte, zeigte sich unerfreut über den Anzeigenstopp (wo es um € 50.000,- ging) und trat Kreide kauend vor die ORF-Kameras, wo er verbreitete, man fahre keine Kampagne gegen den Kanzler, sondern werde ganz betont seriös und ausgewogen berichten.

Soweit die Fakten.

Doch das Resümee, das sich aus derartigen Vorfällen, Beiträgen und Verhaltensmustern ablesen lässt, ist erschreckend: Offenkundig gibt es in unserer Branche kein Comment, keine Verhaltensregeln und keine Standards mehr, was seriös, was erlaubt und was grenzüberschreitend ist.

Fangen wir mit dem Kanzler und seinem Prinzessinnen-Glaskinn an. Er hätte sich besser ein Beispiel an einem seiner Vorgänger nehmen sollen. Martin Huber hatte seinerzeit gleich vier Zeitungen, nämlich den Standard, den Kurier, die Presse und die Salzburger Nachrichten mit Informations- und Anzeigenstopp belegt, weil die „unpässlich“ über ihn berichtet hatten. Den medialen Shitstorm, den die über ihn danach gossen, wird Huber wohl nie vergessen. Doch der ÖBB-Chef korrigierte seinen Fehler schnell. Auf Rat des damaligen ExtraDienst-Chefredakteurs entschuldigte er sich bei den straf-sanktionierten Medien. Und nahm den Boykott zurück.

Kern hat mit seinem Verhalten durchaus den Eindruck erweckt, dass das SPÖ-Werbebudget nichts anderes als das Preisgeld für genehme Berichterstattung ist. Von da bis zum Gunstgewerbe-Journalismus ist es nur mehr ein kleiner Schritt. Ob die Pressefreiheit damit beleidigt wird, wie das ein larmoyanter Kai Diekmann (Ex-Bild) absonderte, ist dann wieder eine andere Sache. Und wohl zu dick aufgetragen. Und wie sieht’s mit den Spielregeln auf der anderen Seite aus?

Medikratius darf in einigen glasklaren Punkten darlegen, wie die vierte Macht im Staat mit ihrer Macht umgehen muss, will sie sich nicht Revolver-Journalismus, Erpressungsmethodik oder Machtmissbrauch vorwerfen lassen.

 

– Guter Journalismus trennt Meinung und Information.

Es ist erbärmlich, dass das überhaupt gesagt werden muss. Aber in all diesen Beiträgen, gleich ob in Heute oder in Österreich, werden Fakten und die Meinung der Verantwortlichen miteinander vermantscht und ergeben eine Mischkulanz, die manipulativ stinkt. Das geht gar nicht!

 

– Anständige Verlagshäuser trennen Anzeigen und Redaktion.

Seinerzeit, als Oskar Bronner den Trend groß machte und der noch über 250 Seiten dick war, wussten die Mitarbeiter der Redaktion überhaupt nicht, welche Inserate für das Heft geplant waren. Weshalb es schon einmal vorkommen konnte, dass die Film-Firma Eumig eine doppelseitige Anzeige platzierte und deren Vorstand im selben Heft „abgewatscht“ wurde – unter dem Titel „Der Abstieg des Hauses Eumig“. Aber der Leser war glücklich über die mediale Trennung. Und schätzte das Magazin. Heute behaupten alle, sie hätten Anzeigen und Redaktion getrennt. In Wahrheit ressortiert die Anzeigenabteilung direkt in den Chefetagen und schafft den Redakteuren, was sie zu schreiben haben. Eine Schande.

 

– Der Kunde entscheidet.

Wenn ein Anzeigenvertreter früher einmal ausschwärmte, den Kunden Palmers anrief und die Werbeleiterin des Strumpffabrikanten anging mit den Worten „Ich bin vom Anzeiger. Wieso schalten Sie in der Krone und der Kleinen Zeitung so viele Inserate, und bei uns ist keines vorgesehen?“, dann hatte er diesen Kunden für alle Zeiten verbrannt. Denn die Werbeleiterin antwortete ihm mit fein gesetzten Worten wie folgt: „Lieber Herr XX, ich freue mich, dass Sie die Medien der Branche so genau verfolgen. Aber wenn Sie nicht böse sind: Das ist mein Werbegeld, das ich hier verteile. Und es geht Sie einen feuchten Kehricht an, was wir mit unserem Budget machen. Und wenn wir hundert Prozent in das ‚Badener Schulterblatt‘ buttern, dann haben Sie noch immer nicht das geringste Recht, uns unter Druck zu setzten, ‚ausgewogen‘ zu werben. Denn nochmals klar gesagt – das ist unser Geld. Und nicht Ihres.“ Danach konnte sich der Keiler eingraben, und die Werbeleiterin war für ihn nie mehr erreichbar.

Profis der Zunft verwenden deshalb dieses Argument nie! Weil es ja auch dumm ist, dem Kunden Vorwürfe dafür zu machen, wie und wo er sein Geld einsetzt. Oder glauben Sie, dass Kritik an der Marketingstrategie eines Unternehmens geschäftsbelebend für den ist, der die Kritik ausspricht?

 

– Und im öffentlichen Bereich?

Zugegeben, im öffentlichen Bereich sieht es ein wenig anders aus. Wenn es in Ministerien ein krasses Missverhältnis gibt und einzelne Medien ganz besonders bevorzugt werden, dann kann Medikratius die Verärgerung der handelnden Personen verstehen. Doch dann das Medium und eine Veröffentlichung als Waffe zu verwenden, die mit glattem, blankem, scharfem Stahl den Auftraggebern ins Fleisch fährt, ist auch wiederum der falsche Weg. Denn die werden darob stinksauer sein und sich bei künftigen Aufträgen daran erinnern.

Karl Kraus schrieb zeit seines publizistischen Daseins gegen den unsäglichen Erpressungs-Verleger Imre Békessy an. Der setzte die Leute unter Druck, verfasste erfundene Pamphlete über Prominente, legte ihnen dieselben vor und ließ sie für das Nicht-Erscheinen bezahlen. Eine köstliche Anekdote zeigt, wie Békessy arbeitete:

Eines Abends kam die Zugehfrau ins Büro und fand dort Békessy an der Schreibmaschine schreibend. „Warum sind Sie so spät noch im Comptoir, Herr Békessy?“, frug sie. „Na was glauben Sie, wer all die Geschichten schreibt, die dann nie erscheinen“, konterte er.

Die Békessys sind nach wie vor unter uns. Ein kleines Stück Békessy schlummert in so manchem Verleger dieses Landes.

Die sollten das unterdrücken. Und sich an die legendären Worte von Karl Kraus an die Adresse von Békessy erinnern: „Werft ihn hinaus, den Schuft.“

 

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