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Im Mediengeschäft haben die Trickser immer Saison.

 

Armin Wolf ist verunsichert. Massiv. So tönt es aus dem ORF, von Seiten gut informierter Insider. Aber auch von der sogenannten Interventionsfront.

Kein Wunder, dass der ZIB 2-Anchorman Nerven zeigt. Hat er doch gerade die größte Schlappe seines Lebens hinnehmen müssen. Wobei viele seiner Kritiker sich eine gewisse Häme nicht verkneifen können, dass es wohl sein Gutes hat, wenn einer, der sich alltäglich im Ruhm und Glanz seines gewaltigen Facebook- und Twitter-Trosses sonnt, auch einmal sein Schmalz abbekommt. Und am eigenen Leib erfährt, wie sich Abwatschen in den sozialen Medien anfühlt. Und in Printmedien. Und im TV.

Als ich – nach nur kurzer Überlegung, Rücksprache mit diversen Mediengranden (natürlich auch aus dem ORF) und Informanten – die Entscheidung gefällt hatte, mir nix mehr anzutun und es einfach darauf ankommen zu lassen, entstand in ExtraDienst 3/2017 ein schonungsloses Editorial über das Wolfsrudel und seine Machenschaften. Das hatte vor mir noch keiner gewagt. Über Wolf geschimpft wurde schon immer viel. Aber stets nur hinter vorgehaltener Hand. Zu sehr fürchtete man die Macht des heimlichen ORF-Regenten Armin I.

Ich beruhigte mich mit Folgendem: Wenn der Mucha Verlag in einigen Wochen publizistisch seine Pforten schließt, wenn ich ab dem 1. Juni zur Feier des Tages nix mehr arbeite, dann wären mir Retourkutschen des gefürchteten Wortakrobaten eigentlich wurscht. Ja, selbst Sippenhaftung (z.B. dass Ekaterina bei Wolfs Ehefrau Euke Frank in Woman nicht mehr vorkommt) würden uns nur wenig stören.

Weil dort kommt sie seit Jahren sowieso nicht mehr vor, und wenn, dann nur mit negativen Kommentaren über ihre Ballkleider, deretwegen sie freilich in allen anderen Medien zu den best dressed ladies gezählt wird. Also was soll’s. Die Reaktionen auf meinen Leitartikel fielen dann unerwartet heftig aus. Nachdem Heute und Österreich ausführlich mein Statement wiedergegeben hatten, ging es Schlag auf Schlag. Titelseiten, Fernsehberichte, Studiodiskussionen, Konfrontationen, ja selbst Michael Jeannee schrieb in der Kronen Zeitung zwei seiner gefürchteten „Post von...“.

Auf der oe24.at-Seite kam es dann zum Showdown. Die Community war eingeladen, über pro oder contra Wolf abzustimmen. Und da musste der TV-Star einen wahren Shitstorm über sich ergehen lassen. Trotzdem seine Spezln wie etwa AMS-Chef Johannes Kopf (erstaunlich, wofür sich der Zeit nimmt – vielleicht sollte er seine Kraft besser dafür einsetzen, die Zahl der 337.923 Arbeitslosen hierzulande zu reduzieren) für ihn in die Bresche sprangen, lautete das Endergebnis bei Zigtausenden Mitvotern: 51,1 % auf „arrogant und respektlos“ und damit Daumen unten gegen Wolf, nur 48,9 % stimmten für „hart, aber fair“.

„Wer Kritik von dieser Seite einheimst, der macht fast alles richtig“, posteten und twitterten seine Unterstützer danach sinngemäß. Die Herrschaften haben nur einen kleinen, aber entscheidenden Punkt nicht beachtet: Wenn 51 % der heimischen Politiker sich öffentlich äußern würden, sie wollten Wolfs Interview-Stil abschaffen, er gehe ihnen auf den Keks, seine Fragen seien zu hart/untergriffig und er sei arrogant, dann wäre ich der Erste, der ihm zur Seite stehen würde.

Zur Erklärung: Das Wort arrogant bedeutet sich etwas anmaßen, sprich – sich einzubilden, das Maß der Dinge zu sein, sprich – etwas exakt zu bemessen, sprich zu urteilen. Sprich zu richten. Doch genau das hat meiner Meinung nach ein guter Journalist zu unterlassen: Wir als Beobachter haben keine Urteile zu fällen, sondern wir haben sachlich zu informieren. Das Urteil fällt dann unser Leser, unser Seher, unser Gast, unser Follower. Ausgenommen davon ist nur der Kommentar. Doch damit erweckt der Schreiber nicht den Anschein, objektiv zu sein, sondern legt ab dem ersten Wort/der ersten Sekunde offen, dass es sich hier um seinen subjektiven Eindruck handelt. Um persönliche Meinung. Die natürlich keinen Anspruch auf die reine Wahrheit erhebt und von der Tendenz der persönlichen Ansicht geprägt ist. Und genau das werfe ich Wolf vor: Dass er tendenziös berichtet und dabei vorgibt, unabhängig zu sein.

Der entscheidende Punkt, den Wolf und Co. nicht sehen, lautet: Nicht 51 % der Politiker haben ihm ein Nasenreiberl gegeben, sondern 51 % der abstimmenden Community, also der Kundschaft des ORF. Das heißt, die Mehrheit der Konsumenten, die sich die ZIB anschauen, die Wolf erreichen will, vor denen er sich breitmacht und seine Wichtigkeit dreimal wöchentlich zelebriert, sind angewidert von dem Schauspiel, das er liefert. Die entsprechende Zahl muss erschreckend sein, ihn reduziert haben und wie ein schwerer Schlag in seinen Unterleib gewirkt haben.

Derartige Erlebnisse lösen bei Menschen mit starkem Ego – was die natürlich niemals zugeben würden – oftmals schwere Krisen aus. Diesbezüglich spreche ich aus leidgeprüfter Erfahrung. Sie können freilich auch kathartisch wirken. Bei mir war das zumindest der Fall. Nach persönlichen Rückschlägen, wo Menschen, auf die ich gebaut habe, mich belogen, hintergangen und verlassen haben, weiß ich, wie sich ein Sturz vom hohen Ross anfühlt. In Sachen Wolf lässt sich das wohl so formulieren: Der Mann hat offenkundig schon so weit abgehoben, dass er sich in der Früh beim Rasieren nicht mehr im Spiegel sieht, weil er mit dem Scheitel längst die Decke seines Badezimmers erreicht hat. Nach dem größten Dämpfer seines Lebens sieht sich Wolf garantiert wieder im Spiegel. So wie ich mich seinerzeit. Und dafür könnte er mir letztendlich, wenn er größer ist als der Schatten, den er so gerne über die Branche wirft, auf ewig dankbar sein.

 

* * *

 

Was sind nun die oftmals angesprochenen Tricks, derer sich jene, die gerne andere heruntermachen, ins Eck stellen, einschüchtern oder so darstellen, wie sie selbst das gerne hätten, bedienen? Nun, zwischen den Nachrichten- und den Society-Journalisten gibt es erstaunliche Parallelen. Da kann ich aus der Schule plaudern. Die Gesellschafts-Berichterstattung ist ein ganz besonders schmutziges Geschäft. Als Ekaterina und ich merkten, dass wir mit steigender Bekanntheit überproportional mehr Zeitschriften verkaufen, dass jeder Fernsehauftritt von uns die Kassa klingeln lässt, fassten wir uns vor einigen Jahren, als das große Zeitungssterben anhob, ein Herz und ließen uns auf „aktive Society-Arbeit“ ein. Zum Wohl unseres Verlages. Vom Opernball bis zum Kostümfest auf dem eigenen Schloss, von der Fernsehserie „Die Muchas kaufen ein Haus in Saint-Tropez“ bis zur Homestory „So leben die Superreichen an der Côte d’Azur“ spannte sich der Bogen irrwitziger Reportagen, die über uns in ungezählten Medien erschienen. Innerhalb von einem Jahr waren wir plötzlich – förmlich aus dem Nichts – prominent. Ich konnte es nicht fassen: Ein Fachmagazineur erhält beim Opernball plötzlich 18 Interview-Anfragen. Die Sache wurde dann erst so richtig groß, als die deutschen Society-Topjournale uns entdeckten. Wenn du mit taff die Mega-Yachten auf der Messe in Monte Carlo vorstellst, auf dem eigenen Boot in Saint-Tropez anlegst und die entsprechenden Beiträge alleine im Internet eine halbe Million Leute anschauen, dann brauchst du dich nicht wundern, wenn du am Strand von Pampelonne mit deinem Namen angesprochen wirst. Wenn bei einem Spaziergang über den Graben fast jeder Entgegenkommende bei deinem Anblick zu tuscheln beginnt.

Das ist die eine Seite. Die fühlt sich unerwartet und witzig an. Schmeichler schmeißen sich an dich heran, du erhältst Tausende neue Facebook-Freunde und immer den besten Tisch im Restaurant. Die Kehrseite ist freilich erbärmlich. Die sogenannten Society-Redakteure und die Macher der Quotenprogramme haben nicht den geringsten Genierer, wenn’s darum geht, ihre Luxus-Beiträge im Regieraum unter Ausschluss der Wahrheit zusammenzuschustern. Als wir mit taff einen elendslangen Beitrag an der Côte d’Azur drehten, prasselten die Fragen der Redakteurin nur so über uns herein. Geplant war ein Beitrag, wo wir die sogenannten Reichen auf die Schaufel nehmen wollten. Uns amüsieren wollten über die überzogenen Preise in den Shops in Saint-Tropez, die grell geschminkten, aufgebrezelten It-Girls, die in den Häfen von Monaco, Cannes und Saint-Tropez vor den Yachten auf und ab stolzieren und inständig darauf hoffen, dass sie irgendeinem Superreichen auffallen und der sie auf sein Schinakel einlädt, und das kranke Spiel mit Marken und Machtsymbolen. Heraus kam dann eine ganz andere Geschichte. Ich hatte der Redakteurin auf die Frage, wofür man um alles in der Welt denn eine Yacht brauche, folgende, wie ich meine durchaus witzige und wahrhaftige Antwort gegeben: Wenn ein Unternehmer eine Filiale in Andritz, eine in Stadl-Paura und eine in Bratislava unterhält, dann kann er sich selber einreden: „Um da schnell hinzukommen, brauche ich einen Helikopter.“

Wenn ein Fabrikant ein Werk in Utrecht, eines in Manchester, eines in Ravenna und eines in Bukarest hat, dann mag er sich einreden: „Ich brauche einen Firmenjet.“ Nur für eines trifft dieser Satz „Ich brauche...“ niemals zu: Wer sich eine Yacht kauft, der braucht sie nicht. Eine Yacht ... das ist nichts Anderes als kalter, nackter, sinnloser, purer Luxus. Wenn Sie die Begriffe „Saint-Tropez“, „Mucha“ und „taff“ eingeben, dann können Sie sich den entsprechenden Beitrag gerne anschauen. Er beginnt mit den Worten: „Das ist das Leben der Muchas in Saint-Tropez ... purer, kalter, blanker, sinnloser Luxus.“

Ein Dreckskerl, wer Beiträge so schneidet, wer sinnverändernd, hinterfotzig und bösartig Menschen, die ihm vertrauen, einen anständigen Beitrag zu produzieren, missbraucht, ausnützt, vorführt, aufblattelt und falsch zitiert. Der mag zwar als Quoten-Nutte gut taugen, hat jedoch meiner Meinung nach jedes Recht auf journalistischen Anspruch seines Machwerkes auf alle Zeiten verwirkt. Dass Menschen, die mit mir nicht klarkommen, die mich eintunken wollen, die mich schlechtmachen wollen, jedes Mittel zur Verunglimpfung recht ist, habe ich schon vor Jahrzehnten leidgeprüft erfahren. Wolfgang Höllrigl, hochdekorierter Lokalchef, schrieb seinerzeit im Auftrag des verwichenen Kurt Falk ein doppelseitiges Portrait über mich. Ein Racheakt, weil der ExtraDienst geschrieben hatte, Falks Medium sei „so schlecht, dass es in Österreich Erfolg haben muss...“ Auch mein Satz: „Mit Täglich alles versucht Kurt Falk, den Intelligenzquotienten der Österreicher auf die höchste Zahl, die sich auf dem Rücken eines Fußballers befindet, zu reduzieren“, dürfte dort nicht ungeteilte Freude ausgelöst haben. Also durfte ich über mich lesen, dass ich zum Saufen neige. Für jemanden, der nie Bier trinkt und nur ganz selten ein kleines Schluckerl Wein probiert, ein ordentlicher Tiefschlag. „Warum haben Sie das nicht geklagt?“, werden Sie nun fragen. Nun, weil Höllrigl eine dieser ausgefuchsten Krätzen ist, die ganz genau wissen, wie man einer Geschichte eine Tendenz gibt und wie man das so formuliert, dass es halt nicht klagsfähig ist. Sein Schlüsselsatz über mich lautete: „So einer, steht zu befürchten, gießt sich auch privat einen zuviel hinter die Binde, damit sich auch dort alles um ihn dreht.“ Danach haben sie mich alle gefragt, was ich denn gegen meine Alkoholkrankheit tue und ob sie mir nicht helfen könnten? Es gäbe da fabelhafte Entzugskliniken.

Mein damaliger Anwalt las den Text und schüttelte den Kopf. „Sehr clever“, meinte er. „Er sagt ja nicht, dass Sie Alkoholiker seien, Herr Mucha. Er schreibt, es steht zu befürchten, dass Sie zu viel saufen. Österreich ist ein Alkohol produzierendes Land. Natürlich steht es für jeden hierzulande zu befürchten, dass er einen über den Durst trinkt. Das bedeutet aber jetzt nicht, dass er Ihnen unterstellt, dauernd eingetrankelt zu sein. Dass Sie ein selbstherrliches, narzisstisches Arschloch sind, signalisiert er damit auch. Aber so subtil, dass das nicht klagbar ist. Von rechtlichen Schritten rate ich demzufolge ab.“

Und dann sitzt du da und fragst dich: Wie kann einer, der dich nicht kennt, einfach so den Stab über dich brechen? Der ist doch Berichter, und kein Richter. Und weiß der nicht, dass das Wichtigste in seinem Leben als Journalist die beiden Buchstaben B und E sein sollten? Also habe ich Höllrigl angerufen. Und der meinte, einer, der mich gut kennen würde, Gerd Leitgeb (leider beim Bergsteigen tödlich verunglückt, einer, der mich wahrhaftig sehr gut kannte) hätte ihm geflüstert, ich sei ein Kotzbrocken. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte mir Leitgeb sein Ehrenwort darauf gegeben, dass das angebliche Gespräch mit Höllrigl niemals stattgefunden hat.

Sei’s drum ... Wer, so wie ich, austeilt, muss auch lernen, einzustecken. Und irgendwann ist man dann als medienaffiner Mensch so stark, dass man sich sogar dann in die Höhle des Löwen wagt, wenn Zoff vorhersehbar ist. Vielleicht treibt Ekaterina und mich ja ein gewisser masochistischer Übermut ins eine oder andere mediale Schauerkabinett, nur aus dem Spaß am Risiko heraus, wie wir uns denn, selbst wenn da unglaubliche Fallstricke lauern, in extremis schlagen werden. Schon mehrmals waren wir ins berühmte „Nachtcafé“ eingeladen worden. Die im Südwestrundfunk erscheinende legendäre Talkshow erreicht ein Millionenpublikum und ist im gesamten deutschsprachigen Raum immens beliebt. Da Ekaterina und ich mittlerweile (siehe taff) alle Reportagen, wo es um Yachten, Millionäre, Schlösser und Rolls-Royces geht, wie der Teufel das Weihwasser meiden, sagten wir denen diverse Male ab.

Bei der Sendung am 13. Jänner 2017„Was im Leben wirklich zählt“ spielten wir dann mit. Nach unserer Bestätigung zur Teilnahme tauchten die ersten beunruhigenden Fragen im Vorgespräch auf. „Sie sind das, was man einen Selfmade-Millionär nennt ... Was bedeutet Luxus für Sie? Bedeutet Reichtum automatisch auch ein glückliches Leben? Sie besitzen ein Schloss, eine Yacht, diverse Häuser. Was genießen Sie dabei am meisten? Wofür geben Sie gerne Geld aus?“ Ich hatte mir vorgenommen, über das Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ von Rilke zu sprechen. Über das gemeinsame Überwinden einer schweren Erkrankung, wo die Liebe heilt, und über die magische Kraft des Reisens, die Liebe zum Menschen, die einem die Türen, die Herzen und damit in der Folge auch so manche werbliche Brieftasche öffnet, auch wenn man es gar nicht darauf angelegt hat. Auf dem Hinflug gab ich dann meinen Tipp ab: „Die werden uns in eine Runde setzen mit einem Aussteiger, einer Behinderten, einem Todkranken und einem Priester.“ Und Michael Steinbrecher, der legendäre Moderator, wird uns als Antithese zu wahrhaftigen Werten, als dumm-oberflächliche Show-off-Millionäre vorführen.

Doch ich hatte mich getäuscht. Ein wenig. Der Priester, den ich an meiner Seite erwartet hatte, entpuppte sich mit Kornelia Kreidler als Nonne und Äbtissin. Der Aussteiger Wolf Küper war da und präsentierte sein Buch „Eine Million Minuten“, das er – wie rührend – seiner Tochter gewidmet hatte. Derentwegen er einen gut bezahlten Job an den Nagel hängte. Die körperbehinderte Dame entpuppte sich – mir gegenüber sitzend – als querschnittgelähmte Fallschirmspringerin (Susanne Böhme, detto mit einem tollen Bestseller: „Steh auf und flieg!“). Und natürlich war auch der Krebskranke da: Der sympathische deutsche Spitzenpolitiker (jeder kennt den bei unseren Nachbarn) Wolfgang Bosbach, der dieser Tage seine Ämter niederlegt. Und dann ging’s ans Schneiden. Und von dem, was ich da geplant hatte zu erzählen, blieben nur Bruchstücke über. Mein österreichischer Schmäh, Michael Steinbrecher mit seinem Professorentitel lustig anzusteigen (das bringt Sympathiepunkte) fiel ebenso der Schere zum Opfer wie diverse Schlüsselsätze, nach denen man realisiert, dass hier ein nachdenklicher, die Dinge genau abwägender, empathischer Mensch sitzt und kein oberflächlicher Rolls-Royce-Fahrer.

Dass wir trotzdem ganz gut weggekommen sind, verdanken wir einem einzigen: unserem Humor.

Und nach diesem kleinen Exkurs in die Niederungen bösartiger Planspiele inszenierter Darstellungen, vorsätzlicher Falschzitate und gemeiner juristischer Formulierfinten kann sich jeder vorstellen, welche Chancen man hat, wenn man zu einem bestens präparierten Armin Wolf ins Studio kommt. Und damit schließt sich der Kreis. Viele entscheidende Sendungen werden aufgezeichnet. Der richtige Schnitt da, das rechte Zusammenschneiden dort, die passende Kameraeinstellung möglichst von der hässlicheren Gesichtshälfte – jeder Volontär beim ORF weiß nach drei Monaten, was man da machen kann. Medien-Unerfahrene kriegen ein Platzerl, das tiefer eingestellt ist (da kann der Moderator auf sie runterschauen und sie dominieren), das schärfere Licht fährt ihnen ins Gesicht und seine Heiligkeit, der Anchorman, wird mit dem Weichzeichner geschönt. Jeder Techniker weiß, wie farbenfroh die Palette dieser Möglichkeiten ist. Überlegen Sie einmal, wieviel Minuspunkte es bringt, wenn auf den Tonreglern die Stimme des Sprechenden nur leicht verzerrt wird. Da wird aus einem charismatischen Stimmwunder eine krächzende Ente. So einfach geht das. Besonders praktisch für den parteiischen Redakteur ist das Wissen um diese Möglichkeiten bei politischen Wahl-Konfrontationen. Da fällt er dem Kandidaten, der ihm stinkt, so oft ins Wort und verstümmelt seine Argumente so, dass er zum Stotterer wird. Wer’s nicht glaubt, dass das geht: Ich habe das jüngst auf oe24 mit einem Kontrahenten vorexerziert. An die Adresse all jener, die sich sowas nicht vorstellen können. Den entsprechenden Beitrag können Sie auf www.extradienst.at gerne analysieren.

Und dann erst die Körpersprache. Was kann man nicht alles, wenn man NLP-geschult ist, mit seinem Gesprächspartner aufführen. Mit den eigenen Schultern. Mit dem aggressiven Spiel der Hände. Mit dem Zurücklehnen, was Widerwillen, Abscheu und körperliche Distanz signalisiert. Mit dem Strecken des Halses in Imponiergehabe. Mit dem Hochhalten der eigenen Hände (die des Armutschkerls von Gast ruhen auf dem Tischerl, und damit ist er schon zum wehrlosen Opfer degradiert, während der gewiefte Reporter seine Hände anhebt und seinem Gegenüber damit symbolisch in die Goschen haut). Damit kann man verzerren, verunsichern, verwischen, verniedlichen, verharmlosen, verunglimpfen – je nach Belieben. Nur ganz wenige Persönlichkeiten haben geschickte Moderatoren in ihre Schranken verwiesen wie etwa Bruno Kreisky mit seinem legendären Satz: „ Lernen Sie Geschichte, Herr Redakteur!“

Womit wir beim wichtigsten Punkt wären: der Frage- und Formulierkunst. Jeder im Mediengeschäft weiß, dass viele unserer heimischen Spitzenpolitiker in Sachen Eloquenz nicht einmal mit deutschen Fußballern mithalten können. Wenn ich einen soignierten Typen sehe, der in einem Satz zwei Fallfehler macht und vor lauter Aufregung das Prädikat vergisst, dann ahne ich, dass ich gerade einem Polit-Interview auf einem österreichischen Fernsehsender beiwohne. Einer, der wie Armin Wolf mit brillantem Wortwitz ausgestattet ist, kann da leicht mit seinem Gegenüber Schlitten fahren. Ein paar dialektische Tricks, Fragetechniken, die in verfeinerter Form vom russischen Geheimdienst schon zu Gehirnwäsche-Zeiten angewendet wurden, werbetechnische Schmankerln, die – in Dialog umgemünzt – seinerzeit bei Vance Packards „Geheimen Verführern“ schockierten – wer gebildet ist und die Tricks kennt, bei dem schaut jeder Gesprächspartner binnen kürzester Zeit schlecht aus.

Was ich Armin Wolf vorgeworfen habe und was wohl so vielen, die seine Schauspielereien seit Jahren verfolgen, erst durch meinen Leitartikel klar geworden ist: Dass nämlich Parteilichkeit auch dadurch entsteht, dass man als Moderator selbst entscheidet, wen man gut und wen man schlecht dastehen lässt. Und das hat er jahrelang so praktiziert, der Armin Wolf. Freilich muss er jetzt damit rechnen, dass die Menschen genauer hinschauen, wenn er sein Spiel spielt. Er hat sich wohl gedacht, er könne diese Geschichte aussitzen. Ohne Reaktion. Schweigend. Spätestens seit der unendlich langen Zeit, die sein eigener Generaldirektor verstreichen ließ, bevor er ihn halbherzig in Schutz nahm (um ihm gleichzeitig mit voller Härte seine eigenen Grenzen aufzuzeigen), weiß Wolf, dass das Maß der Anmaßung begrenzt ist. Vielleicht spricht sich das ja herum bei all den anderen, die ähnlich tricksen. Hofft Ihr

 

Christian W. Mucha

Herausgeber