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Nach 40 Jahren ist’s erlaubt, schonungslos zu reflektieren.

 

Jetzt ist es also um, unser 40. Jahr. Was merkt man sich? Was bleibt hängen? Was war der Erfolg? Was waren die Meriten? Doch auch – was war das Leid? Wie hoch war der Preis?

In den letzten Monaten habe ich viel nachgedacht. Vielleicht ist es ja schön langsam genug. Ich habe deshalb erstmals – ernsthaft – begonnen, über eine Beendigung meiner Tätigkeit nachzudenken.

Vier Jahrzehnte sind eine lange Zeit. Ich war als Schüler das, was man unprätentiös als „faule Sau“ bezeichnen würde.

Meine Schrift war krakelig. Ich bin zweimal in der Mittelschule durchgefallen. Ich habe keine Hausaufgaben gemacht. Ich habe im Maturazeugnis unentschuldigt versäumte Schulstunden aufzuweisen. Und habe erst im Herbst maturiert.

Ich war total desorganisiert. Die Worte Fleiß, Engagement, Disziplin waren mir völlig fremd.

Wie groß muss der Hunger nach Erfolg sein, der Wunsch, ein ordentliches, geregeltes, in wirtschaftliche Sicherheit eingebettetes Leben zu führen, wenn ein Chaot und Versager wie ich dafür bereit war, sich selber zu disziplinieren?

Natürlich bin ich in diesen vier Jahrzehnten auch diverse Male erkrankt. Einige Male davon schwer. Schon vor meinem Start als Verleger erlitt ich mit 18 Jahren einen Herzinfarkt, eine Kohlenmonoxid-Vergiftung und lag im Koma.

Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum ich so konsequent in meinem Leben bin: In meinem zweiten Leben, das mir geschenkt wurde und das ich einem Taxifahrer verdanke, der mich auf der Kennedybrücke, auf dem Boden liegend, mit dem Tod ringend, nicht für einen betrunkenen 18-Jährigen gehalten hat, sondern verstand, dass es da einem Menschen schlecht geht. Und der mich – kostenlos – ins Spital fuhr. Ohne ihn – den ich nie wieder getroffen habe – wäre ich heute nicht hier.

In all diesen 40 Jahren ist nur eine einzige geplante Ausgabe nicht erschienen. Ich habe Leitartikel vom Krankenbett aus geschrieben. Ich habe noch vom OP-Tisch weg, als ich mir den Ellbogen mit einem Trümmerbruch um 90 Grad nach außen weggedreht habe, Titelseiten korrigiert. Ich habe unsere Society-Kolumne um vier Uhr früh mit einer Funktelefon-Gurke am Strand von Kauai/Hawaii korrigiert ...

Wer zwei Stunden vor der Geburt eines Kindes kurz auf die Toilette vor dem Kreißsaal geht, um von dort aus telefonisch mit einem Anwalt zu verhandeln, ist entweder verrückt, getrieben oder krank.

Ich habe mich immer so definiert: Als Medienmacher, der um jeden Preis seine Unabhängigkeit bewahren will. Dem aber noch etwas anderes wichtig ist: seine Unberechenbarkeit. Ich wollte nie in jemandes Tasche stecken. Ich wollte nicht käuflich sein. Um keinen Preis. Ich wollte denen, die versuchten, mir die Courage und sonstwas abzukaufen, in einem unerwarteten Moment gerne in den Hintern treten und ihnen zeigen: Das könnt ihr, wenn das auch noch so Usus in dieser Republik bei manchen schmierigen Bezahlt-Journalen sein sollte, gerne mit denen probieren. Aber nicht mit mir.

Irgendwann einmal hat das selbst der Letzte verstanden. Und irgendwann einmal hat es sich unter den Journalisten in Österreich herumgesprochen, dass es da einen kleinen gallischen Verlag in der Zieglergasse gibt, wo man das, was man wahrhaftig recherchiert hat, nicht nur intern besprechen darf, um dann eine geschönte, mit der Anzeigenabteilung abgesprochene Version ins Heft zu rücken, sondern dass das dann auch publiziert wird. Ohne Abstriche. Was mir die besten Mitarbeiter, die man sich vorstellen kann, bescherte.

 

Über 80 Schreiber, die bei mir gelernt haben, die mir die Ehre gaben, Autoren, Gastautoren, Kolumnisten oder Korrespondenten zu sein, arbeiten heute als Chefredakteure oder leitende Journalisten. Die meisten sind mit mir nach wie vor bestens verbunden. Was wohl einer der Gründe ist, dass ich meist „gute Presse“ habe und diesen späten Promi-Status genießen darf. Denn drei von fünf Verantwortlichen in den großen Medien des Landes waren irgendwann bei mir oder sind mit mir über eine oder zwei Ecken verbunden.

Der Erfolg hatte freilich auch seinen Preis. Zwei gescheiterte Ehen, vier Kinder, die mir fremd sind, zwei Ex-Frauen, die mich, der Tag und Nacht durcharbeitete, gehörnt und verlassen haben – ich habe in diesem Leben auch ordentlich in die Scheiße gegriffen. Privat habe ich mein Glück erst spät – vor neun Jahren – mit Ekaterina gefunden.

Schmerzlich war da für mich, dass ich als jemand, dem jeder kaufmännische Coup gelang, bei dem alles, was er anfasste, zu Gold wurde (ich habe erstaunlicherweise noch niemals in meinem Leben einen geschäftlichen Flop hinnehmen müssen) mich privat bei der Wahl meiner Lebenspartnerinnen so oft verhaut habe.

Doch die entsprechenden schmerzvollen Erfahrungen haben auch ihr Gutes. Wenn du mit 33 Jahren von deinem ersten Buch 46.400 Stück verkaufst und an der zweiten Stelle der Bestsellerliste landest, wenn du mit 35 Multimillionär bist und wenn du mit 40 einen Luxus-Fuhrpark in der Garage deines Renaissance-Schlosses stehen hast, dann soll es manche geben, die das nicht verkraften.

Wir alle kennen diesen Typ: Der Erfolg steigt ihm zu Kopf. Er hebt ab. Ich definiere das so: Das sind die Typen, die sich beim Rasieren in der Früh nicht mehr im Spiegel sehen. Weil sie mit dem Scheitel die Decke des Badezimmers berühren. Weil sie so weit abgehoben sind, dass sie den Boden unter den Füßen verloren haben.

Mein privates – durchaus hartes – Geschick, vom Kind, das im Kabinett mit seinen Eltern aufgewachsen ist, das dann in eine 64-Quadratmeter-Gemeindebauwohnung aufsteigen konnte, vom Maturanten mit Herzinfarkt über den Jungstudenten, der ab dem 15. des Monats hungerte und sein Leben nicht und nicht in den Griff bekam, bis zum betrogenen Idioten, der ein Vermögen für die Scheidung von seiner zweiten Frau hinblätterte, hatte durchaus auch sein Gutes:

Immer dann, wenn ich Gefahr lief, den Boden unter den Füßen zu verlieren, hat mir das Schicksal eine ordentliche Faustwatsche versetzt. Und mich in die Realität zurückgeholt. Da lernst du Demut. Da wirst du wieder zum Menschen. Da kommen die Dinge wieder ins rechte Lot. Deshalb bin ich locker, verbindlich, einfach gestrickt und erdig geblieben. Esse noch immer gerne Linsen, die’s in meiner Kindheit deshalb gab, weil’s halt billiges Essen war, und genieße mein einfaches Leben. Und wenn einer eine unserer Sekretärinnen um Zigaretten schickt, dann gehe gerne ich selber in die Trafik hinunter, damit der p.t. Mitarbeiter, der sich als was Besseres versteht, lernt, was Respekt vor einem anderen Menschen bedeutet.

Doch dieser Job hat auch sein Gutes: Wenn du viel mit Menschen zu tun hast (und dazu muss man Menschen wahrhaftig lieben – sonst ist man nicht geeignet für den Kommunikationsberuf), dann erwirbt man irgendwann einmal eine gute Menschenkenntnis. Die dritte Frau suchst du dir nach zwei Flops ganz genau aus. Und also begab es sich, dass ich nach den Jahrzehnten des privaten Elends, des immensen Preises, den ich für meinen beruflichen Erfolg und für die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Medien bezahlte, mit Ekaterina einen Menschen gefunden habe, der mir – zwar spät, aber doch noch gerade rechtzeitig – unfassbares persönliches Glück bescherte.

Und was ich vorher zwar stetig, aber langsam mit Zähnen, Klauen, Fingernägeln, mit Hakeln, Hängen, Würgen, Kämpfen und Streiten erstritt, geht plötzlich mit fünffacher Geschwindigkeit ganz leicht von der Hand. So viel zu meinem Erfahrungswert zum Thema: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine tolle Frau.“ In meinem Fall steht sie nicht hinter, sondern neben mir.

 

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Jüngst war ich wieder einmal zu Gast bei ORF-General Dr. Alexander Wrabetz. Ich begegne dem immer offen, direkt, stelle knallhart meine Fragen, bin ihm nicht böse, wenn er die Augen verdreht. Das Ganze hat sich über die vielen Jahre zu einem Spiel entwickelt. Wrabetz – und das rechne ich ihm hoch an – drückt sich vor keiner Antwort. Braucht zwar manchmal eine Weile an Überlegungszeit, hat jedoch noch kein Thema verweigert. So entwickelst du also für die wechselseitige Relation ein bestimmtes Gefühl, das in meinem Fall einerseits durch kritische Distanz zu seiner Arbeit, andererseits aber durch Sympathie für seine Zähigkeit, durch Respekt für sein Agieren als Gummiwand, von der jeder zugespielte Ball in gleichem Winkel zurückspringt, geprägt ist. Ich dachte mir immer, für den Wrabetz ist diese Form der Kommunikation durchaus okay, der kennt mich schon lange, der weiß, dass ich nicht gehässig bin und dass ich dort, wo’s in Ansätzen unter die Gürtellinie gehen würde, ganz schnell die Boxhandschuhe zurückziehe.

Auch im diesmaligen Gespräch frug ich ihn reinen Herzens: „Und, wie fandest du unser Gespräch?“ „Das war wieder mal ein Verhör“, knurrte er. Und plötzlich erschrak ich. Ich spürte, dass er das wirklich meint. Hatte für einen kurzen Augenblick das Gefühl, als fürchte man mich dort. Als wäre ich dort nicht der unbekümmerte Verleger mit den frechen Fragen, sondern ein Krokodil mit rasiermesserscharfen Zähnen, dem man sich am besten nicht nähert. Schätzt man sich selbst in solchen Situationen völlig falsch ein?

Falsch eingeschätzt hat jedenfalls Kathrin Zechner die letzten Tage vor der geplanten Gebührenerhöhung. Das Bürgerforum, wo Peter Resetarits den Kanzler anrennen ließ, den Vizekanzler abwatschte und belehrte und der Opposition den Teppich für Attacken ausrollte, hatte verheerende Folgen: Bis zwei Uhr in der Früh soll Bundeskanzler Kern darob getobt haben. Ein neues Rundfunkgesetz werde im nächsten Jahr Wrabetz und Co. angesichts solcher Rahmenbedingungen im ORF aushebeln, die Gebührenerhöhung könne er sich abschminken, tönte es hinter vorgehaltener Hand vonseiten der koalitionären ORF-Hater. Schließlich beruhigte man sich doch, ließ Wrabetz mit 6,5% wegkommen und ich musste mein Interview nicht komplett umschreiben. Zechner freilich dürfte einen Preis dafür zahlen. Als Hauptverantwortliche dieses Desasters wird sie wohl informationsmäßig weitgehend entmachtet werden. Den Channel-Verantwortlichen wird Zechner jedenfalls keine Weisungen erteilen ...

 

* * *

 

Wolfgang und Niki Fellner, die Helden unserer diesmaligen Titelgeschichte, waren bei unserem Treffen jüngst – unter dem Eindruck eines tollen Starterfolges ihres neuen Fernsehsenders – blendend gelaunt. Keine noch so bösartige Frage meinerseits konnte das Vater-Sohn-Duo aus dem Gleichgewicht bringen. Ich pirschte mich von verschiedenen Seiten an die beiden heran. Bezeichnete frech ihren neuen Sender als „Garagenfernsehen“ – und die beiden Medien-Zampanos gaben das unumwunden zu. Von derartigen Tycoons völlig unerwartet, räumten sie die Kinderkrankheiten ein, legten die Budgets auf den Tisch, machten ihre Strategien öffentlich und verstiegen sich sogar dazu, aus der Schule zu plaudern, dass ihnen Hans Mahr, der zum Start ihrer Österreich-Verlagsgruppe ein Fernsehkonzept gemacht hatte, für den nunmehr verzögerten Beginn von oe24.TV eine Honorarnote ums Ohr schmiss. Denn er hatte das, was heute realisiert wird, schon vor zehn Jahren als Konsulent vorgeschlagen. Freilich damals ohne Chance auf ein Honorar. Weil „... wir das ja nicht realisiert haben ...“ (Wolfgang Fellner).

Wer in der oe24.TV-Redaktion vorbeischaut, dem wird schnell klar, dass in diesem Haus alle alles machen: Zeitungsredakteure mutieren zu Fernseh-Moderatoren, Fotografinnen werden plötzlich studiomäßig geschminkt, gestandene Kolumnistinnen machen Tageszeitung, Magazin, Hörfunk oder TV, je nachdem, was gerade anliegt. Dazu fällt einem auf, dass sich hier eine Unzahl (Wolfgang Fellner spricht von 12, von denen zwei gerade schwanger seien) bildhübscher junger Frauen vor den Kameras drängen, so als möchte man meinen, im Studio von MTV oder Fashion TV und nicht beim CNN-Österreich-Ableger im Studio zu sitzen. All dies ist raffinierte Ranküne. Gedacht, um die Werbebranche 360-Grad-mäßig abzuzocken und jeden Cent, den man von den Media-Agenturen und Kunden herausquetschen kann, ins eigene Rund-um-die-Uhr-Medienimperium abzuziehen.

Noch steckt das Ding in den Kinderschuhen, der 360-Grad-Ansatz freilich (denn sonst würde ja kein Spitzenpolitiker, kein Spitzensportler, keine Society-Größe und kein Industrie-magnat zu denen kommen) und die Aussicht für die Eingeladenen, in Fernsehen und Radio, in der Tageszeitung und den Magazinen und im Internet brillieren zu können, hat dem Fellner-Fernsehen Türen und Tore geöffnet, wie sie sonst kein anderer Newcomer jemals vorfand.

Wie illustriert man den Satz: „Ich will eine gute Figur im Fernsehen machen“? Wolfgang Steinmetz, kongenialer Umsetzer unserer Cover-Ideen und Streit-Widerpart von mir, hatte deshalb am Donnerstag, dem 15. Dezember, um 10:48 Uhr die geniale Idee, Pappkarton-Figuren auf den Cover zu zaubern, die man ausschneiden und aufstellen kann. Ich skizzierte die Sache, schrieb die Texte dazu, und wir wussten, das wird ein witziger Cover für eine 40-Jahr-Jubiläums-Ausgabe. Um 12:37 Uhr erhielten wir den Weihnachtswunsch von Hans Mahr. Und klopften uns darob brüllend auf die Schenkel. Wir hatten genau die selbe Idee gehabt. Was für ein witziger Zufall.

 

Fakt ist, dass das nächste Jahr wohl eines meiner letzten in diesem Geschäft sein wird. Wie es mit dem Mucha Verlag, mir und Ihrem ExtraDienst weitergeht, verrate ich Ihnen dann in Kürze. Bis dahin darf ich Ihnen gesegnete Weihnachten und einen guten Rutsch wünschen.

 

Herzlichst Ihr

 

Christian W. Mucha

Herausgeber