Skip to content. | Skip to navigation

Beim ORF fliegen die Fetzen. Und die Hackeln. Die Werfer treten aus der Deckung.

 

Insgesamt sechs Ausgaben unserer Zeitschriften erscheinen noch im Mucha Verlag. Danach werde ich aus dem operativen Geschäft ausscheiden. Und nur mehr als Konsulent für eine gewisse Zeit – je nachdem, wie es mir gesundheitlich geht – versuchen, dazu beizutragen, dass das, was ich da vier Jahrzehnte lang aufgebaut habe, weiter Bestand hat.

Irgendwie erinnert mich das Ganze an meine Kindheit. Meine Mutter schenkte mir einen Bauernkalender. Und da habe ich die Tage bis zum Ferienbeginn immer durchgestrichen. Damals war es Erlösung, Erleichterung, Befreiung. Von den Zwängen der grässlichen Schule. Von der Verantwortung. Weg von mobbenden Mitschülern. Ab in die Freiheit der Wälder und Wiesen ins herrliche Waldviertel, wo wir – wie seinerzeit üblich – die Sommerfrische verbrachten. Ganze zwei Monate lang.

Heute schwanke ich in meinen Gefühlen. Weiß nicht so recht, ob ich die grenzenlose Freiheit, das Abstreifen der Verantwortung, das Wegfallen von Terminen, Stress, Verpflichtungen und den Schikanen des Alltages als Befreiung von Last oder als Verlust meines Lebenssinns sehen soll. In jedem Fall bin ich gespannt darauf, wie sich Herz, Kopf und Gemüt ab dem 2. Juni 2017 anfühlen werden...

Der bevorstehende Paradigmenwechsel hat aber auch durchaus so seine Vorteile: Beim Schreiben meiner Leitartikel ertappe ich mich dabei, dass ich mir plötzlich kein Blatt mehr vor den Mund nehme. Keine Schere im Kopf. Keine Angst. Vor wem auch immer.

 

Einen Leitartikel über die Schlacht am Küniglberg hätte ich mir, wäre ich nicht demnächst „Privatier“, sicher wochenlang überlegt. Jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Heute ist mir das wurscht. Vor wem sollte ich mich auch fürchten? Wer könnte mir noch schaden? Also will ich im Folgenden versuchen, nach bestem Wissen und Gewissen Ihnen – vereinfacht dargestellt – ein Sittenbild zu geben über das, was sich da gerade beim ORF abspielt.

Da geht’s um nichts anderes als einen Stellvertreterkrieg. Um das Zementieren von Macht. Um Einflusssphären. Um politische Interventionen, um Einfluss, Strukturen und Attitüden.

Aber der Reihe nach: Dr. Alexander Wrabetz hat das, was ihm während mehrerer Schwächeperioden niemand zugetraut hat, zwar knapp, aber deutlich geschafft: Zum dritten Mal ORF-General zu werden. Doch der Widerstand war größer als in der Vergangenheit. Die Begehrlichkeiten sind drängender geworden. Die Aggressivität des Vorbringens politischer Wünsche und die Nachhaltigkeit der Beschwerden haben zugenommen. Auch wenn Wrabetz das händeringend bestreiten würde. Der Grund dafür liegt im politischen Szenario unseres Landes. Drei Parteien liegen Kopf an Kopf. ÖVP und SPÖ haben massiv an Einfluss verloren. Die großen Landeskaiser sind abgetreten. Die populistischen Gruppierungen nagen an den Kernwählerschichten der großkoalitionären ehemaligen Dinosaurier. Jeder von denen reklamiert. Jeder von denen weiß, dass es arschknapp wird bei der nächsten Wahl. Jeder fürchtet, brutal abzustürzen.

Der ORF, noch immer das Parade-Medienunternehmen Nummer eins, entscheidender Machtfaktor im heimischen Politspiel, leistet sich verwobene Machtstrukturen. Da ist auf der einen Seite der frisch gebackene General. Haarscharf wieder auf den Thron gestiegen. Mit hauchdünner Mehrheit. Der als Preis für die Frauenquote Kathrin Zechner weiter als Fernsehdirektorin akzeptieren muss, weil’s keine Alternative gibt. Die bestens vernetzte Zechner hat geschickt den Frauenbonus ausgenutzt, bedient ihren Draht zu Polit-
Powerfrauen ebenso wie ihr hauseigenes Netzwerk und hat alle Versuche, sie abzuservieren, erfolgreich abgewehrt. Sie war am glücklichsten über Grasls Misserfolg: Denn wenn’s der ÖVP-Kandidat geschafft hätte, dann wäre Zechner jetzt wahrscheinlich Intendantin beim deutschen KDWR-Sender in Neugrabstein an der Schmulz. Aber sicher nicht mehr beim ORF. Diesen Teil der Räumarbeiten hat Wrabetz also nicht „derhoben“. Aber er muss eine ganze Reihe anderer Baustellen bedienen.

Zuerst einmal die Gebührenerhöhung. Das hat er mit Ach und Krach und Bauchweh geschafft. Und nur zum Teil, was drastische Auswirkungen auf das ORF-Budget haben wird. Dazu sieht er sich einer Phalanx von zusammenspielenden Macht-Trägern im Haus gegenüber, die ihm seit jeher ein Dorn im Auge sind. Armin Wolf, der heimliche Regent des ORF mit seiner unvorstellbaren Facebook- und Twitter-Gemeinde, dazu Dieter Bornemann, der Redakteursrats-Vorsitzende, Fritz Dittlbacher, TV-Chefredakteur, und Wolfgang Wallner, Sendungschef für die ZIB 2, bilden ein Quadrat-Quartett, eine Vierer-Bande, die jedem Generaldirektor täglich die Schweißperlen auf die Stirn treiben muss.

 

Der Leithammel in dieser Partie ist Dr. Armin Wolf. Der Mann, der aus der Jungen ÖVP Tirol kommt und heute linksliberal angehaucht nach allen Seiten austeilt, hat so eine Art. Die kann man mögen. Muss man aber nicht. Er betreibt diesen überheblichen Journalismus, der beinahe jedem, den er interviewt, suggeriert, dass er ja eigentlich ein Koffer ist. Wolf vermittelt die Botschaft, dass die, die in der Politik das Sagen haben, letzten Endes irgendwo alle unterirdisch daherkommen und subkutan nicht weit vom Gaunertum entfernt sind. Und dass man „Solchene“ halt vorführen muss. Die entsprechende Wolf-Attitüde, die er allabendlich trocken zelebriert, in den sozialen Netzwerken verstärkt mit seiner Fan-Gemeinde quadriert und leitwolfmäßig penetriert, hat ihm eine Rekordzahl von Feinden beschert. Wolf wird mittlerweile aus allen politischen Lagern attackiert. Ich korrigiere – nicht Wolf, sondern Wrabetz. Müsste der eine Liste anfertigen, wer ihm schon alles nahegelegt hat, Wolf in die Versenkung zu schicken, dann wäre die elendslang. Und der Druck wird immer größer. Den ZIB-Moderator schert das wenig. Und er pocht auf die Macht seiner New-Media-Gefolgschaft. Das hat er mir selber am Telefon erklärt. Und genüsslich die Zahlen seiner Facebook-Freunde und Twitter-Follower heruntergebetet, um mir zu erklären, welch Witz unser ExtraDienst-Online-Voting und die dort Nominierten seien. Er, Wolf, hätte ja nur einen Federstrich in den sozialen Medien machen müssen, und alles wäre entschieden gewesen, alles hätte sich gedreht. Doch den Gefallen hätte er uns natürlich nicht getan.

Wer dir so seine Macht demonstriert, der glaubt fest an seine eigenen Führerqualitäten.

Einer, der seinerzeit wohl viel mächtiger war, als Wolf es jemals sein wird, hat die Macht-Theorie stets bestritten. Der verwichene Hans Dichand sprach, wenn man ihn auf das Potenzial der Millionen-Leserschaft der Kronen Zeitung ansprach, immer davon, dass er nur im „Vorhof der Macht“ daheim sei. Dass das nur ein geliehenes Schwert sei, die große Reichweite, die breite Leserschaft. Und dass er ja gegen die Meinung seiner Leser nichts machen könne. Nur Meinungen und Trends, die sowieso vorhanden wären, verstärken könne.

Wolf sieht das (und sich) offenkundig anders. Er ist nach allen Seiten „offen“. Und sein „Verhör-Journalismus“, wie das seine Gegner nennen, nimmt auf nichts und niemanden Rücksicht. Da mag es ums letzte Interview als ÖVP-Landeshauptmann gehen – Pröll wird genüsslich demontiert. Wobei nun nicht klar ist, warum man sich als Politiker, wenn man solches ja bereits vorhersehen kann, in derartiges Trübsal freiwillig begibt. Ich habe nie verstanden, warum die sich alle in die Sendung „Frühstück bei mir“ mit Claudia Stöckl drängen. Fast jeder, der dort „ehrlich“ war, ist blutüberströmt, für alle Zeiten beschädigt aus diesem Wagnis herausgekommen. Wieso tut man sich das also an? Noch dazu wissend, dass die Stöckl über den Schnitt der Sendung befindet. Und dort natürlich ad libitum die Dinge so passend zusammenschneidet, dass das Bild, das sie vermitteln will, entsteht. Dazu werde ich Ihnen in der nächsten Ausgabe einige Beispiele liefern, wie Derartiges hervorragend funktioniert.

Wolf pflegt seine ganz eigenen Stilmittel. Er versucht, ruhig zu bleiben, keine Emotionen zu zeigen, und zelebriert dabei eine zermürbende Fragetechnik. Lajos Ruff hat die Methoden, die der ORF-Anchorman auf seine Art „soft“ praktiziert, in einem Buch über die „Gehirnwäsche“ erläutert. Darin beschreibt Ruff, wie politisch Andersdenkende oder Regime-Gegner vom Geheimdienst fertiggemacht werden. Mit subtilen, aber auch rücksichtslosen Tricks. Hat sich der strenge ORF-Terminator davon etwas abgeschaut?

 

Keine Frage, der stellvertretende Chefredakteur der ORF-TV-Information ist ein hochintelligenter, außergewöhnlich gebildeter Mann. Die Frage ist nur, ob man mit dem Wissen der eigenen Überlegenheit und der Heerschar von Bildungs- und Informations-Zuträgern, die man im ORF in dieser Position nun einmal zur Verfügung hat, auf alle, die man in die Sendung kriegt, so richtig fest drauftreten muss? Ob man mit jedem zweiten Satz die eigene intellektuelle Überlegenheit zelebrieren muss. Irgendwann wendet sich dann nämlich das Blatt. Und aus dem gscheiten Wunderwuzzi wird ein überheblicher Unsympathler. Wohlgemerkt, so sehen das die einen. Die anderen loben Wolf als Bastion der unabhängigen Journaille. Gerade eben hat er wieder eine Auszeichnung eingeheimst: Wolf erhält im Juni den Axel-Corti-Preis 2017. Er war schon Journalist des Jahres, Onliner des Jahres, Kommunikator des Jahres, wurde mit dem Concordia- und dem Robert-Hochner-Preis, dem Hans-Joachim-Friedrich-Sonderpreis 2016 sowie dreimal mit einer Romy als beliebtester TV-Moderator ausgezeichnet. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite würde ihm die Fan-Gemeinde jener, die er mit seiner nicht locker lassenden Frage-Technik in den Schwitzkasten nimmt, am liebsten die „Goldene Gurke“ in sein großes Mundwerk rammen.

 

Wolfs größter Gegenspieler, just der eigene General, ist freilich auch nicht ganz unintelligent. Wer Wrabetz mangelnde Cleverness unterstellt, der hat keine Ahnung davon, wie schwer es ist und über welches machiavellistische Talent man verfügen muss, will man drei Mal ORF-General werden. Also tut „Alex der Taktiker“ das, was alle großen Staatsmänner, ob Talleyrand oder Metternich, uns vorexerziert haben: Um Wolf & Co. zu entmachten, hat er einen Stellvertreterkrieg angezettelt. Lisa Totzauer, ÖVP-nahe und aus dem Land Niederösterreich Kommende, soll im ORF eins mit der Channel-Manager-Lösung nach dem Rechten sehen, und Roland Brunhofer, der rote Oberösterreicher, der zuletzt in Salzburg bis zur dortigen Polit-Wende werkte, soll ORF 2 auf Vordermann bringen. So die offizielle Sprachregelung. Die inoffizielle lautet schlicht, dass man dem knochentrockenen Brunhofer zutraut, mit Wolf, Dittlbacher, Wagner und Bornemann fertig zu werden. Gleichzeitig schlägt Wrabetz damit eine zweite Klappe. Er drängt Zechner aus der Information.

Brunhofer soll – das ist der Plan – dem Verhör-Journalismus ein Ende machen. Und damit Wrabetz vom Druck der Politik, der ihm von allen Seiten wegen der Wolf’schen Beißmentalität entgegen gebracht wird, entlasten.

Wie das in der Praxis danach weitergehen soll, ist seit Jahren Gegenstand immer neuer, streng geheimer hausinterner Verhandlungen. Kenner meinen, dass die einzige Möglichkeit entweder ein Zerbrechen der Strukturen einerseits wäre oder der Versuch, Wolf aus der ZIB 2-Moderation komplett herauszudrängen. Verbunden mit der Spekulation, dass der mächtige Anchorman seine eigene Macht dahingehend überschätzt, dass er glaubt, er könne sie auch ohne ORF oder ohne seine reichweitenstarken Sendungen weiter zelebrieren. Ein Insider: „Wenn Wolf nicht mehr die ZIB macht, dann zerbröselt sein soziales Netzwerk.“ Was sind 100.000 Follower ohne Resonanzkörper? Wie viel sind die dann noch wert? Die Antithese dazu lautet, dass Donald Trumps Macht mehr von seiner Twitter-Gemeinde herrührt als vom Amt des amerikanischen Präsidenten. Und dass Wolf keine Sekunde zögern würde, seine Heerschar von sozialen Netzwerkfreunden zu mobilisieren, bevor man ihm sein „Podium“ wegnimmt.

Wie auch immer, die Betroffenen haben aufgerüstet. Und ihre Waffen blank gemacht. Dittlbacher zittert um seinen Job, die Krone bringt genüsslich die Gagen der ORF-Stars (und dabei bezeichnenderweise das Einkommen von Lou Lorenz-Dittlbacher, der Ehefrau des Chefredakteurs). Die Fronten werden klarer, die handelnden Parteien treten aus dem Schatten. Showdown.

 

Angesichts des Simmering-Kapfenberg-Matches Brunhofer gegen Wolf, Bornemann, Dittlbacher, Wagner und Co. kann es sich Totzauer im Schatten bequem machen. Wobei die beim ORF eine gewaltige Aufgabe vor sich hat. ORF eins muss wirklich überarbeitet werden. Da gebe ich Wrabetz recht. ORF eins war über Jahrzehnte als jung und urban positionierter Sender vor allem mit seinen Sport-Highlights der Renner. Ob Ski alpin, Formel 1, Fußball & Co. Dazu brachte man die tollen US-Filme und hervorragenden Serien. Garniert waren diese Haupt-Goodies mit österreichischen Shows („Dancing Stars“), Comedy (z.B. „Dienstag Nacht“ oder „Willkommen Österreich“), österreichischer Fiction („Schnell ermittelt“, „Altes Geld“, „Maximilian“ etc.) und die in den letzten Jahres massiv ausgebauten Info-/Doku-Szenen wie ZIB 20, ZIB 24, ZIB Magazin, Dok 1 etc. Doch nun steht der Sender vor einer großen strategischen Herausforderung: Die US-Filme wandern in die Netflix-Amazon-Welt, also in Streaming- und On-Demand-Portale, ab. Beim linearen TV läuft es nicht mehr so wie seinerzeit. Auch beim Sport tut sich ORF eins immer schwerer: Wenige große internationale Player kontrollieren den Lizenzmarkt, immer mehr Sportrechte wandern in den Pay TV-Markt. Und dies exklusiv. Sprich, öffentlich-rechtliche Sender können sich sowas à la longue gar nicht mehr leisten. Besonders, wenn die Gebührenerhöhung nicht so ausfällt wie geplant.

Wenn also die beiden wichtigsten Standbeine, US-Fiction und Sport, nicht mehr so funktionieren, wie sie das in den letzten Jahrzehnten taten, dann muss sich ORF eins radikal neu aufstellen. Wrabetz stellt sich vor, dass der Sender jung, urban bleibt, mit Event-Charakter, mit Shows, mit Sport, mit Fiction-Events, österreichischen Serien, dass die Info-Schiene auch in der Fläche ausgebaut werden muss und dass neue Formate, Magazine und Dokumentationen für ein urbanes Publikum geschaffen werden müssen. Dazu gilt es, eine Anbindung in die digitale und Social Media-Welt zu finden. Das war auch Wrabetz’ Konzept, mit dem er 2016 antrat: Den ORF zum Social Media-Haus umzubauen.

Und an dieser Stelle kann man seiner Argumentation durchaus folgen, dass es unabdingbar ist, ein eigenes ORF eins-Management zu etablieren, wie es das für ORF III, Ö3, FM4 längst gibt.

Während also beim Einser der Paradigmenwechsel beim Fernsehen auf dem Programm steht, ist es beim Zweier wohl die Zerschlagung einer wuchernden Kammerilla, die den gewählten Machthabern des ORF tagtäglich das Wasser abgräbt. Verzweifelt versuchen die Granden, die mehrköpfige Hydra in den Griff zu bekommen. Bis dato vergeblich. Sohin ist die Channel-Manager-Lösung nichts anderes als eine Kraftübung. Ein Fingerhakeln mit Stellvertreter. Mal sehen, wer sich die Finger ausreißt. Mal sehen, wer auf die Tischplatte knallt. Bis dato hat man sich gegenseitig wohlwollend auf die Schulter geklopft. Wolf hat den General huldvoll gar bei der Wahl unterstützt. Doch langsam werden die Karten, die verdeckt waren, offen auf den Tisch gelegt. Wenn selbst News sein Brunhofer-Portrait mit dem Titel „Wer hat Angst vorm roten Mann?“ versieht, wenn sich „führende Redakteure vor dem Ende des kritischen Journalismus fürchten“, wenn Brunhofer, der sich „in Themen regelrecht verbeißen kann“, wie Andy Kaltenbrunner, Journalist und Medienforscher, in News erläutert, aufmunitioniert wird, dann ahnt man, dass es diesmal ans Eingemachte gehen wird. Brunhofer in News: „Ich bin überzeugter Sozialdemokrat, auch wenn ich nicht Mitglied der SPÖ bin, so wie ich überzeugter Christ, aber nicht Mitglied der katholischen Kirche, und überzeugter Tierschützer, aber auch kein Mitglied im Tierschutzverein bin.“ Sein Vater habe ihm eingeimpft, sich von den Großkopferten nicht verbiegen zu lassen. „Ich habe eine Weltanschauung, und ich habe Werte, die ich vertrete und zu denen ich stehe. Das lasse ich mir von niemandem nehmen, egal von wem.“ Da ahnt man, wen er meint. Sein Gegenspieler, den News auch so bezeichnet, Armin Wolf, hat damit in jenem Medienhaus, wo seine Ehefrau die erfolgreichste Frauenzeitschrift Österreichs managt, die Rute ins Fenster gestellt bekommen. Ihn zu interviewen, haben wir, nachdem wir unzählige Male abgeblitzt sind, diesmal erst gar nicht mehr versucht. Er ist dazu natürlich gerne jederzeit eingeladen. Doch der Interviewer Wolf, der alle anrennen lässt, wollte auch dem News nicht mit Wortspenden dienen. Erstaunlich. Das kann man nun interpretieren, wie man will. Die einen könnten annehmen, er sei sich zu gut dafür. Die anderen, er sei zu feig.

 

Dass ich das nicht bin, habe ich wohl mit diesem Leitartikel einmal mehr bewiesen. Wenn also in den sozialen Medien oder auf Twitter demnächst ein Shitstorm über mich hinwegfegt, dann brauchen Sie, geschätzte ExtraDienst-Leser, sich nicht zu wundern. Ich erwarte mir von den Machthaberern im heimischen Medien-Zirkus genau so eine Reaktion. Doch – siehe Eingang – mich kratzt das jetzt nicht mehr.

Ich erinnere mich genüsslich an ein Treffen, das heute schon fast drei Jahrzehnte zurückliegt: Ich war Gast des Österreichischen Reisebüroverbandes und besuchte die wunderbare Insel Madeira. Wir trafen uns im schönen Hotel Reid’s in einem traumhaften Saal mit Blick über’s Meer. Neben mir saß ein älterer Herr mit seiner Frau, beide elegant gekleidet. Gegenüber der damals übermächtige Dominator der heimischen Society-Bericht-erstattung, der mittlerweile verstorbene Roman Schliesser. Adabei, kleingewachsen und mit einem gewaltigen Mundwerk ausgestattet, führte „das große Wort“. Den Begriff habe ich von meinem Vater gelernt. Er bezeichnet einen, der in einem Saal alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Muss. Zwanghaft, möchte man fast meinen. Dabei muss es sich nicht unbedingt um jemanden handeln, dessen Charisma so stark ist, dass er alle anderen in seinen Bann zieht, sondern es genügt schon, dass er ein lautes Organ hat. Und formulieren kann. Schliesser richtete – in herrschaftlicher Manier – einige Fragen an die auf den Nebentischen sitzenden Manager im herrlichen Reid’s-Salon. Alle beantworteten seine in der Attitüde eines Werwolfs vorgebrachten Vorstöße demütig, mit gesenktem Haupt, fast duckmäuserisch.

 

Und dann passierte etwas, was für uns alle, die wir das Schliesser-Schauspiel erdulden mussten (ich sah es den meisten an, dass sie gerne den Raum verlassen hätten, aber das wäre wieder ein Affront gegen Schliesser gewesen, weshalb man zitternd sitzen blieb), völlig unerwartet kam: Der kleine ältere Herr widersprach Schliesser. Sie haben richtig gelesen, er sagte: „Nein, Herr Schliesser. Das sehen Sie falsch. Das ist nämlich so...“ Und präzisierte in wohlgesetzten Worten seinen Kontra-Standpunkt. Es war plötzlich so leise in diesem Saal, in dem sich fast ausschließlich Mitglieder der österreichischen Delegation aufhielten, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Schliesser stutzte. Er starrte den kleinen Herrn neben mir mit durchbohrenden Nadelstichaugen an und frug ihn: „Und wer san Sie eigentlich?“ Der kleine Herr lächelte und wurde plötzlich ganz groß. Und servierte Sätze, die ich mir zeitlebens merken werde. Er meinte: „Ich bin alt. Ich bin seit Jahren in Pension. Und ich bin Multimillionär. Ich brauche einen wie Sie nicht, Herr Schliesser. Und ich brauche auch keine Medienpräsenz mehr.“ Sprach’s, nahm seine schöne Ehefrau zärtlich beim Arm und trollte sich. Darauf folgte ein langes Schweigen.

Also, Herr Dr. Wolf und Co.: Ich bin jetzt 40 Jahre in diesem Geschäft. Ich bin alt. Ich bin ...

Mit freundlichen Grüßen

 

Christian W. Mucha

Herausgeber

 

P.S.: Mein ganzes Leben lang habe ich den Tag herbeigesehnt, wo ich einem selbstgefälligen, aufgeblasenen Wichtigtuer mit ein paar glasklaren Sätzen seine Grenzen aufzeigen kann. Schön, dass ich mit 62 nun so weit und bereit dafür wäre...

Der Obige.