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Die letzten 25 Jahre habe ich mir anhören können: Fernsehen, das gibt es eh nicht mehr lange. Keiner schaut mehr fern.

 

Es soll aber bitte niemand denken, ich hätte die Fernsehbranche verlassen, weil ich nicht an ihre Zukunft glaube. Ganz im Gegenteil, Fernsehen hat Zukunft.

Ständig starten neue TV-Sender, die Fernsehnutzung der Menschen über 50 Jahre bleibt auch weiterhin stabil. Und die Österreicher schauen immer noch ca. 170 Minuten fern pro Tag.

Klar sind die jungen Zuschauer online, und klar nehmen die Streaming-Dienste Fahrt auf. Auch meine Kinder sind bei Netflix und Amazon Prime zu Hause, aber das gute alte lineare Fernsehen wird es auch noch weitere viele Jahre geben. Es erfreut sich seiner Attraktivität, sonst würden nicht jedes Jahr in Österreich knapp 1 Milliarde Euro in TV-Werbung fließen. Also auch, wenn die TV-Manager jammern: Der Markt wächst und Bewegtbild hat Zukunft.

Pay TV kills Free TV? Vor 10 Jahren gab es in Österreich nicht einmal die Hälfte der heute empfangbaren Sender. Jeden Tag kommen neue dazu. Warum eigentlich, fragen sich viele. Wer braucht so viele Sender, wenn das Fernsehen ja angeblich todgeweiht ist?

Die Antwort ist einfach: Es geht um Fläche und Werbezeiten und die Vermarktung von Werbezeiten. Denn ohne Geld gibt es auch kein gutes Programm, und am Ende geht es immer um Inhalte und um Content.

Der Content wird aber immer teurer, siehe Sportrechte. Und wenn die Fußballer und ihre Manager mehr Geld verlangen, dann wird auch der Poker um die Rechte immer härter.

Vor 25 Jahren war das noch kein so großes Problem. Denn da war der Markt klein, es gab nur wenige Sender. Somit hat kein Wettbewerb um die Rechte stattgefunden.

Als ich bei Premiere (heute SKY) war, Ende der 90er-Jahre, und Leo Kirch die deutschen Fußballrechte für das damals noch sehr neue Pay TV exklusiv kaufen wollte, empfand ganz Deutschland inklusive der Medien und der Medienpolitik, dass das so sei, als nehme man den Deutschen das Bier weg. Es gab einen Aufschrei, man musste das verhindern.

Der Ansatz war aber richtig. Er hätte dem Pay TV ein schnelleres Wachstum garantiert und einen Abonnenten-Schub gebracht, vielleicht sogar die Kirch-Pleite verhindert.

Und Pay TV hat eben nicht Free TV gekillt!

Privatfernsehen in Österreich: ein ungeliebtes Stiefkind der Politik. Auch in Österreich muss man damit rechnen, dass die Wintersportrechte nicht ewig bei nur einem Anbieter bleiben werden, ebenso wie Weltmeisterschaften und Olympiaden. Und warum soll es nicht einen freien Wettbewerb um den Kauf dieser Rechte geben?

Die österreichische Medienpolitik hat jahrelang versucht, die TV-Vielfalt zu verhindern, und leider ist Privat-TV erst 2003 in Österreich bundesweit gestartet. Das heutige Pro7 startete im Gegensatz dazu schon am 1. Mai 1987 unter dem Namen EUREKA TV, und RTL begann seinen Sendebetrieb am 1. Januar 1988 in Köln.

So ist es natürlich nicht verwunderlich, dass dem österreichischen Privatfernsehen diese 15 Jahre fehlen. Es wird noch Zeit brauchen, bis es auf Augenhöhe mit dem ORF sein wird und bis hier ein richtiger Wettbewerb um Rechte und Zuschauer stattfinden wird. Aber der ORF muss sich gut anschnallen und warm anziehen, denn die sogenannten Kleinen werden größer und wachsen schneller, als es manchem in Österreich lieb ist. Der ORF hat in den letzten 15 Jahren seinen Marktanteil halbiert. Er muss nach Konzepten und Programmen suchen, um nicht noch mehr junge Zuschauer zu verlieren. Da helfen auch keine Haushaltsabgabe und auch nicht noch mehr Gebühren, denn den Zuschauer interessiert ausschließlich gutes Programm.

Die Privaten erkennen natürlich die Schwächen des ORF und greifen mit den richtigen Waffen an. Sie versuchen, Nachrichtenkompetenz aufzubauen und exklusive Rechte vom Markt wegzukaufen. Und was Filme und Serien betrifft, haben die Privaten mittlerweile genug aktuelle Ware in ihren Archiven und auch gefüllte Kriegskassen für Neuzukäufe.

Content is King. Was aber für den ORF und die Privaten das Allerwichtigste sein wird und bereits ist: Gutes Programm zu haben und sich von den anderen Sendern abzuheben, dabei eine Unverwechselbarkeit zu haben und eine österreichische Note und Identität zu bewahren.

Fernsehen hat immer und vor allem sehr viel mit guten Ideen für gute Programme zu tun, und gute Programm-Macher gibt es in Österreich genug.

Selbst die neu gestarteten Sender, oe24.TV oder KurierTV, werden in ihrer Nische eine oder mehrere Marken aufbauen müssen. Sie werden etwas bringen müssen, was es nur bei ihnen zu sehen gibt, denn sonst wird der Zuschauer den Kanal weder suchen noch einstellen oder in seiner Kanalliste vorreihen.

Es mag zwar schick sein, sich neben einer oder mehreren Zeitungen, Radiosendern und Onlineseiten noch einen eigenen TV-Sender zu leisten und zu betreiben, damit hier alle Verwertungsebenen bedient werden können. Leider ist so ein TV-Projekt aber nur mit gutem Programm und verkaufter Werbung auch finanzierbar. Und gutes Programm kostet Geld, gute Programm-Macher auch. Dann kommen noch die Verbreitungskosten dazu, Kabelnetzbetreiber und Satellitenfrequenzen, da ist man schnell bei Fixkosten von ein paar Millionen pro Jahr.

Natürlich fragen sich viele, wozu man diese kleinen Sender braucht wie oe24.TV oder KurierTV oder Okto oder Herzland TV oder W24 usw.

Ich finde es aber gut, dass es diese Vielfalt gibt. Auch in anderen Ländern gibt es viele kleine Sender. Sie tragen auch im regionalen Bereich viel zur Kulturbildung und zur Kommunikation bei, und das ist nicht nur für die Menschen in diesen Regionen gut, es ist auch gut für die Branche und schafft Arbeitsplätze. Solange sich das trägt oder es jemanden gibt, der es finanziert, macht es also auf jeden Fall Sinn.

Fernsehmachen ist „sau“-teuer. Und wer Geld für seine Rundfunkabenteuer braucht, kann sich dann noch ein paar staatliche Förderungen holen. Wer wie viel bekommt, kann jeder online nachlesen, zum Beispiel auf rtr.at. Da sieht man, dass hier gut 13 Millionen an Förderungen dem privaten Rundfunk zufließen und mehr als 50 Privatfernseheinrichtungen und ebenso viele Privatrundfunksender gefördert werden. Jeder kann sich informieren, wer wie viel bekommt, und sich selbst ein Bild machen, ob das gerechtfertigt ist oder nicht. Insgesamt ist es natürlich viel zu wenig für soviel Medienvielfalt in diesem Land. Hier bedarf es neuer Förderrichtlinien, und vor allem sollte mehr Geld für gutes österreichisches Programm zur Verfügung stehen.

Jede Regierung verspricht, mehr für die Medien zu tun. Klar, vor der Wahl sind die Medien sehr wichtig und nach der Wahl eventuell auch. Mal sehen, ob sich die nächste Regierung damit beschäftigt und wann.

Ich glaube jedenfalls, dass es neben Alexander Wrabetz (der wahrscheinlich noch 2x als Generalintendant kandiert und auch gewinnt, egal welche Regierung wir haben werden) und seinem ORF auch für alle anderen Sender eine Chance zum Überleben geben sollte. Es muss einen starken Rundfunk- und Fernsehmarkt in Österreich geben, der die Politik nicht nur in Wahlzeiten interessieren sollte.

Wir haben in unserem Land schon jetzt eine hohe Konzentration an Medien, Zeitungen, Radio und TV. Dieses Faktum ist aber das wichtigste Instrument für Meinungsvielfalt, das wichtigste Instrument einer freien Meinungsäußerung und Demokratie. Allerdings: Ob das alle überleben und vor allem, ob sich alle auf Dauer selbst finanzieren können, ist mehr als fraglich.

Der Ruf nach einer Zerschlagung des ORF und der Privatisierung von Ö3 und ORF eins ist aus meiner Sicht der falsche Weg. Denn wie auch die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender zeigen und es vormachen, kann ein duales System sehr gut auf Augenhöhe funktionieren.

Und warum mache ich jetzt kein Fernsehen mehr, wie mich viele Kollegen fragen? Ganz einfach: Weil ich nicht nur an TV glaube. Sondern weil ich auch glaube, dass der Fachzeitschriften-Markt Zukunft hat. Wie die deutsche Fachpresse-Statistik zeigt, ist dieser Markt allein im letzten Jahr um 2,4 % gewachsen.

Das macht mich nicht nur neugierig, sondern auch sehr optimistisch.

 

In diesem Sinne: Viel Spaß!

 

Ihr Martin Gastinger,

Herausgeber