Geteert & Gefedert

  

Es war ein turbulentes Jahr. So manche Agentur musste viele Federn lassen, dem einen oder anderen Etat hinterherwinken.  Andere bekamen zur Butter auch noch die Marmelade aufs Brot serviert. Massive Verschiebungen kennzeichnen das ED-Focus Ranking 2011.

 

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Die Schatten-Spieler

Überall, wo Politruks im Media-Biz mitmischen, wird’s bedrohlich.


Als vor vielen Jahren der Kurier einen Kriminalfall, der wohl nur von regionalem Interesse war, auf der Titelseite brachte, da holte ich unsere Chefredakteure zu mir ins Zimmer und zeigte ihnen das. Es ging um die Unterschlagungen eines Raiffeisen-Direktors in Tirol. „Gehen Sie davon aus, dass es den Kurier-Chefredakteur nicht mehr lange geben wird“, prophezeite ich. Ich sollte recht behalten. Gert Leitgeb, der viel zu früh verstorbene, geniale Tageszeitungsmacher, der mit dieser Aktion wohl seine Unabhängigkeit von Konrad & Co beweisen wollte, wurde postwendend geschasst.

 

Daran musste ich denken, als jüngst News „Ich bin ein Opfer Fendrichs“ titelte. Eine substanzlose, krampfhaft konstruierte Skandalgeschichte. Ins Blatt nach dem Motto „Boulevard um jeden Preis“ gerückt. Sieht so aus, als wären die Tage von Athanasiadis gezählt, dachte ich mir. Das Ganze ging dann noch viel schneller über die Bühne als geahnt. Sohin liegt der Interview-Schwerpunkt dieses Heftes in einem Gespräch mit dem Neo-News-Chefredakteur Dr. Peter Pelinka, das der in bestechender Ehrlichkeit betrieb. Und in einem Interview der First-Chefredakteurin Silvia Meister, die wenige Minuten vor unserem Treffen zur stellvertretenden News-Chefredakteurin mutierte. Zur selben Stunde räumt Atha hektisch seinen Schreibtisch. Dort ging’s rund …

 

Nun gibt es in unserem Geschäft Routine-Vorstöße und Standard-Fragen, die man bei jedem Gespräch stellt. Keiner erwartet, dass dabei etwas herauskommt. Man sondiert, kassiert die erwartete abschlägige Antwort und streicht die Passage dann im Text. Eine dieser Fragen an Chefredakteure lautet seit Jahr und Tag: „Ist im Zuge der Wirtschaftskrise der Druck der Anzeigenabteilung auf Ihre Redaktion stärker geworden?“ Die übliche Antwort darauf lautet: „Nein. Selbstverständlich nicht. Bei uns sind Anzeigen und Redaktion straff getrennt. Das tangiert mich nicht als Chefredakteur. Blablabla.“

 

Demzufolge musste ich von meiner liebreizenden Chefsekretärin Andrea Ehrenhöfer mit Senfumschlägen gelabt und Riechsalz wiederbelebt werden, als Pelinka meine dahingeworfene Frage überraschend mit einem schlichten „Ja“ beantwortete. „Begehrlichkeiten“, so führt er aus, seien in dem Maß gestiegen, „wie unsere Anzeigenumsätze zurückgegangen sind“. Er habe dafür großes Verständnis.

 

Oliver Voigt kann sich glücklich schätzen, diesen Mann um dieses Geld in seinem Team zu haben. Wird doch im Hause News üblicherweise so schön geredet und gefärbt, dass sich darob die Balken biegen. Eine (schlechte) Tradition seit den Gründungstagen.

 

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Werfen Sie doch kurz einen Blick mit mir in die streng verschlossene Schublade „Niemals realisierte Titelseiten“. Ähnlich „gut“ wie der News-Fendrich-Titel wäre wohl auch jener Rabe angekommen, der diesmal auf unserer Vorderseite prangen hätte sollen: Mit dem Krächzer „(Ich) KRÄH-A-TIEF“ sollte er darauf aufmerksam machen, wie viele Federn die heimischen Agenturen lassen müssen. Eine krampfhaft lustige Botschaft. Ein Claim, den keiner versteht. Und der viel zu kompliziert ist. Dabei sind die Dinge, die dahinter stehen, ganz einfach: Als die Märkte einzubrechen begannen und nachdem die ersten, um zu retten, was zu retten war, bereit und reif waren, ihre Hosen herunterzulassen, gab es kein Halten mehr. Jetzt werden den Medien, ebenso wie den Agenturen, nachdem die Hosen unten sind, die Schuhe und die Socken ausgezogen. Und so mancher Kunde würde denen am liebsten gar die Fußnägel ziehen.

 

Dr. Elisabeth Ochsner brachte das jüngst auf den Punkt: „Was gewisse Kunden den Medien im letzten Jahr abverlangt haben, ist unerträglich. Da ist die Grenze erreicht. Mich wurmt entsetzlich, dass die denen jetzt noch mehr abpressen wollen. Das ist nicht mehr erfüllbar.“

 

So geht’s auch vielen Agenturen. Jüngst wurde ein Fall bekannt, wo ein Touristik-Etat um 3,5 Prozent abgewickelt wird. Der Kunde freut sich, wie er mir mitteilte, über diese exzellente Kondition. Wie lange kann er sich daran wohl ergötzen?

 

Im großen ED-Rundgespräch kamen die Kapazunder der Branche zusammen, zeigten sich nachhaltig gesprächsbereit und signalisierten, dass man gewisse Dinge gemeinsam angehen müsse. Dass Demner, Krenkel, Arturo & Co bei Eiseskälte danach vor unserem Verlagsbüro eine halbe Stunde auf der Straße heftig weiterdiskutierten, beweist, wie Interessenvertretungen und Kammer versagt haben. Da springt der ExtraDienst gerne ein und bietet eine Plattform dafür, dass sich die Agenturen, wenn die handelnden Manager zusammenhalten, künftig nicht mehr alles gefallen lassen. Müssen.

 

***

 

Können Sie sich vorstellen, dass es etwas gibt, wo Gerd Bacher und Alex Wrabetz die gleiche Ansicht haben? Nein, nicht bei Themen wie „Ist der Tafelspitz zu trocken?“, „Haben wir einen würdigen Olympia-Sieger?“ oder „wie schön es ist, Austria-Anhänger zu sein“, sondern bei den alles entscheidenden Grundsatzfragen des ORF. Die überraschende Antwort darauf lautet (siehe Pelinka): „Ja.“ Sowohl Wrabetz als auch Bacher verbindet panische Angst um die Unabhängigkeit des ORF. Die bei einem unkorrigierten Inkrafttreten des Entwurfs für das geplante ORF-Gesetz ernsthaft gefährdet scheint. Die Sache ist ein bisserl kompliziert. Und der Teufel liegt wie so oft im Detail. In Nebensätzen oder unscheinbaren, harmlosen, klitzekleinen Worthülsen.

 

Mit dem Text des ORF-Gesetzes werden auch die Inhalte des KommAustria-Gesetzes und des Bundeskommunikations-Gesetzes geändert. Damit folgt man diversen Vorschriften der EU. So wird z. B. die Regulierungsbehörde, eine weisungsfreie Runde von fünf Juristen, ein „Euzerl“ mehr Macht als früher haben. Sie soll die Budget-Ansätze des ORF auf fünf Jahre im Voraus (!) bewerten. Soll die Kostensenkungsfortschritte des ORF überwachen und überprüfen und, wenn das nicht passt, gar materiell eingreifen dürfen: Den fünf wackeren Juristen fällt damit die Macht zu, an der Schraube der 160 Millionen, die der ORF in den nächsten Jahren in der Stückelung 50-50-30-30 erhält, zu drehen.

 

Da den fünf Juristen nur ein ganz kleiner Apparat zur Verfügung steht, bedienen sich die Herrschaften der RTR. Der steht ein alter Bekannter vor: Dr. Alfred Grinschgl, legendärer Antenne-Begründer, Galionsfigur der Privaten. Sein grünes Herz schlägt im Takt mit so manchem, den man im ORF als Gottseibeiuns fürchtet: Wenn Grinschgl und sein Team jetzt die Feldarbeit für die Regulierungsbehörde machen und die dann aufgrund der von einem Pirker-Intimus angelieferten Zahlen, Daten und Fakten materiell beim ORF eingreifen können, dann wird’s wirklich lustig. Dann steht das geplante Schattenkabinett von ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf. Der spielt mit ein paar dezenten Formulierungs-Nebensatzerln in machiavellistischer Leichtigkeit dem trojanischen Pferd RTR eine Waffe zu, die den ORF und sein Management ordentlich in Zugzwang bringen. Denn die vom Staatsfunk brauchen das Geld und werden auf Gedeih und Verderb jenen ausgeliefert, die Kopf aufmunitioniert hat. Und der ÖVP-General (aber das ist Hörensagen) soll sich mit dem VÖZ-Boss Mag. Gerald Grünberger wiederum gut verstehen. Und der hört so richtig gut auf Styria-Boss Horst Pirker. Womit der Kreis geschlossen wäre. Damit ist es völlig wurscht, ob ein Roter oder Schwarzer ORF-General ist. Denn der muss sich mit der Parallelorganisation arrangieren. Ohne das Schatten-Kabinett geht, wenn all das wahr wird, in Zukunft nix mehr im ORF. Eine gruselige Fiktion. Und eine, in der jeder künftige Geschäftsführer fatal entmachtet ist. Aber auch bar jeder Durchsetzungs-Power nur mehr zahnlos werken kann. Womit es übrigens auch powidl wird, welche Couleur ein künftiger Stiftungsrat-Vorsitzender hat.

 

Ich möchte ja kein Stiftungsrat des ORF sein. Und ich weiß nicht, warum die sich alle so darum reißen. Denn als Stiftungsrat hast du keine wie immer geartete Handhabe, bist aber nach dem Aktienrecht in einem quasi eigentümerlosen Unternehmen in der Pflicht.

 

Für das neue ORF-Gesetz bedarf es einer Zweidrittelmehrheit im Parlament. Dort wird noch heftig diskutiert werden, ob zugelassen werden sollte, dass die Behörde sich verselbstständigt, dass die Regulierungs-Verantwortlichen nicht nur formell prüfen dürfen, sondern auch materiell vorab prüfen und dass damit politische Kräfte über Hintertürln der ORF-Geschäftsführung massiv ins Handwerk pfuschen können.

 

Ich meine, die Zurufe der Politik sind sowieso erbärmlich bis unerträglich, wenn es um die meisten prominenten Unternehmen des Landes geht. Der neue ÖBB-General Christian Kern weiß ganz genau, dass ihm ein Riesen-Rucksack aufgepackt wird und er das Pensionsalter bei der Bahn nachhaltig nach oben drücken muss. Sonst geht dort nix weiter. Dort laufen die Zurufe im Vorfeld der Bestellung. Passt. Da weiß er wenigstens, was auf ihn wartet. Welcher Druck auf ihn zukommt.

 

Wenn aber, wie beim ORF üblich, Tür und Tor für laufende Interventionen an der Arbeit der Geschäftsleitung geöffnet sind, dann schlägt’s dreizehn.

 

Mal sehen, wie viel sich beim Kleingedruckten bis zur Gesetzwerdung noch ändert, fragt sich nicht nur

 

Ihr

 

Christian W. Mucha

Herausgeber

 

PS: Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich. Immer wieder geniere ich mich für mein Land. Und das, was bei uns möglich ist und anderswo undenkbar. Dass jemand, der die Säulen unserer Demokratie öffentlich infrage stellt, für das höchste Amt im Staate kandidieren darf, raubt einem den Atem. Ich werde die Leichtigkeit, mit der wir regelmäßig unsere internationale Reputation noch schlechter machen, niemals verstehen.

 

Den Armutschkerln in diesem Land, einer gefährlichen Minderheit, fällt immer wieder Neues ein, um uns zu beschädigen. Vom Weinskandal über die Waldheim-Affäre, von der degutanten Vermarktung der Kriminalfälle Lucona, Priklopil, Fritzl bis zum peinlichen Rosenkranz-Auftritt – stets haben wir es geschafft, mit traumwandlerischer Leichtigkeit bei der Aufarbeitung der Geschichte oder von spektakulären Fällen mit Karacho mitten in den Fettnapf zu springen. Denken sich jene, die sich Bonuspunkte im gestrigen Lager holen wollen und um ein paar nebbiche Wählerstimmen schnorren, eigentlich irgendetwas dabei, dass unsere Reputation als Tourismusland nachhaltig darunter leidet? Muss man eine, die so eindeutig gestrig ist, in ein Rennen schicken, bei dem sie sowieso keine Chance hat? Einziger Effekt dessen: weltweite mediale Häme. Mein Freund Gustav meinte jüngst, er sei nun endlich beruhigt: Was unser Gesicht als Österreicher betrifft, könne uns nichts mehr passieren. Denn das hätten wir längst zur Gänze verloren. Sohin bleibt nur mehr im Ausland zu rufen: Ick bin ein Berliner! – resigniert verzweifelt

 

der Obige

 

 

 

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