Weibliche Perspektiven

 

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ORF-Gesetz ist absurd

‚ZiB 2‘-Star Armin Wolf spricht über das neue ORF-Gesetz, seinen Perfektionismus und, warum er nach einem Grasser-Interview einmal schon fast gefeuert wurde.


ED: Herr Wolf, wie war Ihre erste Sendung nach der Bildungskarenz?

Wolf: Erstaunlich entspannt. Nach neun Monaten dachte ich, dass es schwieriger sein würde. Aber offenbar verlernt man es nicht ganz. Es war wie nach zwei Wochen Urlaub.

 

ED: Was hat sich in der Zwischenzeit im ORF verändert?

Wolf: Wir sparen an allen Ecken und Enden. Viele Kollegen haben mit Jahresende den Golden Handshake angenommen. Der Newsroom ist definitiv leerer geworden. 300 Kollegen wurden in den letzten Jahren abgebaut. Tolle Leute sind weg, mit denen ich journalistisch aufgewachsen bin – wie Franz Kössler, Danielle Spera oder Johannes Fischer.

 

ED: Streben Sie nun selbst eine Führungsposition im ORF an?

Wolf: Ich hatte schon Führungspositionen im ORF, etwa als Redaktionsleiter der ZiB 3. Was ich jetzt tue, macht mir großen Spaß, aber ich werde sicher nicht mein Leben lang die ZiB 2 moderieren.

 

ED: Johannes Fischer meint, Sie gehörten ins Top-Management.

Wolf: Hab‘ ich auch gelesen. Johannes Fischer ist ein brillanter Journalist, von dem ich alles übers Fernsehen gelernt habe. Ich freue mich, dass er so viel von mir hält.

 

ED: Wie viel Leadership benötigen Sie in ihrem Job?

Wolf: Als Hauptmoderator habe ich naturgemäß Einfluss auf die Sendung. Sendungsverantwortlicher ist Wolfgang Wagner. Wir sind eine kleine Redaktion von sieben Leuten und wir machen die ZiB 2 gemeinsam.

 

ED: Wie gut wird im ORF geführt?

Wolf: Auch wenn ich es beurteilen könnte, würde ich meine Vorgesetzten nicht öffentlich bewerten. Das wäre ganz schlechter Stil.

 

ED: Welches Ziel haben Sie mit der ‚ZiB 2‘?

Wolf: Das hat sich durch mein Studium nicht geändert. Ich möchte meine Arbeit morgen besser machen als gestern. Ich lerne noch immer jeden Tag.

 

ED: Sind Sie ein Perfektionist?

Wolf: Ja, das kann man schon sagen, aber die perfekte Sendung oder das perfekte Interview sind mir noch nicht gelungen.

 

ED: Sie gelten als bester Fernsehinterviewer des Landes. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Wolf: In meinem Elternhaus wurde sehr viel über Politik diskutiert. Am Mittagstisch ist es verbal ziemlich zugegangen. Das hat bei mir eine große Lust am Widerspruch geweckt und hilft mir noch heute bei kontroversiellen Interviews. Mit oberflächlichen Antworten lasse ich mich auch in normalen Diskussionen ungern abspeisen. Außerdem bin ich ein großer Freund von Vorbereitung. Von Peter Rapp wird ja der Satz kolportiert: „Vorbereitung ist Schwäche.“ So gesehen, bin ich der Anti-Rapp.

 

ED: Oft muss das enge Interview-Zeitfenster für Sie eine Qual sein …

Wolf: Das Einzige, was mich an der ZiB 2 stört, ist, dass ich nach sechs oder sieben Minuten aufhören muss. Es ist oft frustrierend, da Politiker wissen, dass sie zwei oder drei Textbausteine zu einer Frage abliefern können und der Moderator kaum nachfragen kann, ohne das Publikum zu langweilen. Spannend werden politische Interviews erst, wenn man hinter die vorbereiteten Textbausteine kommt.

 

ED: Haben Sie die Lizenz zum Überziehen?

Wolf: Ich habe eine Uhr vor mir, die ich gelegentlich ignoriere. Dann habe ich gleich den Regisseur im Ohr. Ich sitze ja nicht da, um mich selbst zu verwirklichen, auf Kosten der Beiträge von Kollegen. Die Sendung ist ein Gemeinschaftswerk.

 

ED: Wer sind die schlimmsten Interviewpartner?

Wolf: Karl-Heinz Grasser und Peter Westenthaler.

 

ED: Weil sie keine Frage beantworten …

Wolf: Westenthaler ignoriert alle Fragen und missachtet alle Spielregeln von Live-Interviews. Die Wahrscheinlichkeit, dass er noch oft interviewt wird, ist allerdings schwindend. Karl-Heinz Grasser beantwortet auf elegantere Weise keine Fragen und redet einen gnadenlos nieder – wissend, dass Zuschauer es hassen, wenn er unterbrochen wird.

 

ED: Warum lädt man ihn überhaupt noch ein?

Wolf: Weil wir eine Nachrichtensendung sind, die versucht, die interessantesten Gäste des Tages einzuladen. Da wir häufig über Ungereimtheiten in seinem Umfeld berichten, muss man ihn fragen, was da los ist. Die Frage ist, wie sinnvoll solche Live-Interviews noch sind, wenn jemand diese paar Minuten derart schamlos ausnützt und sich nicht an die Grundregel hält, dass ein Interview nicht nur aus einer Frage und einer Rede besteht.

 

ED: Warum macht man dann noch Live-Interviews?

Wolf: Manche Gäste kommen nur live. Und grundsätzlich ist live schon spannend.

 

ED: Wen würden Sie gerne interviewen?

Wolf: Immer den, der gerade am interessantesten ist und bei dem ich mir denke, da müsste man doch mal nachfragen.

 

ED: Keinen Traum-Interviewpartner?

Wolf: (lacht) Halle Berry.

 

ED: Wirklich?

Wolf: Nein, Scherz, da fiele mir gar keine Frage ein. Grundsätzlich interessieren Leute, die was zu sagen haben. Sportler am wenigsten, da kenne ich mich nicht aus. Wichtig ist die Bereitschaft, Antworten zu geben. Aber manche Interviews führt man auch wegen der Fragen. Da weiß man schon vorher, dass man keine Antwort bekommt.

 

ED: Wie wäre ein Interview mit dem Papst?

Wolf: Der Papst wäre großartig, aber sicher ziemlich mühsam. Der ist ja mehr das Format der Predigt gewohnt: sehr viel Zeit, wenige Zwischenfragen.

 

ED: Oder mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Il?

Wolf: Kim Jong-Il wäre sicher ganz fürchterlich zu interviewen. In einer Demokratie wollen Politiker gewählt werden und haben eine gewisse Pflicht, kritische Fragen zu beantworten. Das müssen Diktatoren nicht und so sehen diese Interviews auch aus. 1991 habe ich Saddam Hussein interviewt. Auf jede Frage 15 Minuten Referat auf Arabisch, das dann ins Englische übersetzt wurde. Unterbrechen: schwierig, wenn hinter ihm zehn Männer mit Maschinengewehren stehen. Nicht das beste Ambiente für ein kritisches Interview. Manche Journalisten sagen, sie möchten den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad interviewen. Natürlich hätte ich den gerne im ZiB 2-Studio, aber es wäre völlig sinnlos. Diesen Leuten ist westlicher Journalismus völlig fremd. Das ist, wie wenn einer Fußball und der andere Cricket spielt.

 

ED: Würden Sie heute wieder Journalist werden wollen?

Wolf: Ich denke schon. Ich habe damit mein Studium finanziert – als freier Mitarbeiter im ORF Tirol – und es war tausendmal spannender als Semmeln auszutragen.

 

ED: Die Bedingungen haben sich aber doch sehr stark geändert …

Wolf: Auch wenn man nicht mehr so schnell angestellt wird, werden sich die wirklich guten und ambitionierten Jungen durchsetzen. Man darf halt nicht warten, dass man auf Pressekonferenzen geschickt wird, sondern muss selber Geschichten liefern. Florian Klenk vom Falter hat vor zehn Jahren keiner gekannt. Nach zehn tollen Geschichten konnte er sich aussuchen, wo er arbeitet. Oft werde ich gefragt, wie man Fernsehmoderator wird. Das funktioniert aber nicht. Man muss Journalist werden wollen. Moderator wird man eher zufällig. Das passiert.

 

ED: Lena und Fußball in der ‚ZiB‘. Wird die ‚ZiB‘ boulvardesker?

Wolf: Das war in den 90ern viel schlimmer, da hat die ZiB 1 tagelang mit Olivia Pilhar aufgemacht. ZDF Heute macht auch mit Fußball auf – eine super öffentlich-rechtliche Sendung. Es ist ein großer Irrtum, dass Politik nur das ist, worüber Politiker reden. Ist der Missbrauchsskandal in der Kirche Chronik oder Politik? Politik ist für mich, was Folgen für die Gesellschaft hat.

 

ED: Was halten Sie vom neuen ORF-Gesetz?

Wolf: Die Rückerstattung der Gebührenbefreiungen war dringend nötig. Dafür hätte man aber kein neues Gesetz gebraucht. Die Einschränkungen im Onlinebereich sind so absurd, dass man gar nicht weiß, ob die alle ernst gemeint sind. Journalismus nach der wöchentlichen Anzahl der Bundesland-Meldungen zu berechnen, ist jenseitig. Müssen wir bei Hochwasser am Mittwoch die Berichterstattung einstellen? Die Einschränkungen bei Social-Networks und Foren halte ich für zukunftsgefährdend. Die werden immer essentieller, um junges Publikum zu erreichen.

 

ED: Apropos Social-Networks: Sie zwitschern …

Wolf: Mein Ziel ist es, Leute zu erreichen, die nicht jeden Tag die ZiB 2 schauen. Es hat sich gelohnt. Mein Account hat die meisten Followers in Österreich, die Rückmeldungen sind extrem positiv. Man kann sich mit den verschiedensten Leuten austauschen und ich antworte jedem. Dazu ist es ein wunderbares Recherche-Instrument. Dinge, die ich nicht gefunden habe, habe ich gepostet und bekam innerhalb von zehn Minuten die Antwort. Für mich ist Twitter eine personalisierte Nachrichtenagentur. Ich stoße da jeden Tag auf ’zig Geschichten, die ich sonst nicht finden würde.

 

ED: Wessen Follower sind Sie?

Wolf: Ich folge Journalisten, Medienexperten und Institutionen, die interessante Studien machen.

 

ED: Folgen Sie Barack Obama?

Wolf: Nein. Was seine PR-Leute reinstellen, kommt ohnehin über die Agenturen. Was Ashton Kutcher und seine Frau oder Britney Spears twittern, ist mir auch völlig wurscht.

 

ED: Wie wäre es mit Facebook?

Wolf: Aufgrund der Datenschutzproblematik ist mir Facebook noch suspekt. Ich weiß aber nicht, wie lange ich das durchhalten kann. Ich habe eine Phobie, private Dinge öffentlich zu machen.

 

ED: Einen Armin Wolf gibt es schon auf Facebook …

Wolf: Habe ich auch gesehen. Das bin nicht ich.

 

ED: Themenwechsel: Wie wird sich die „Kronen Zeitung“ nach Hans Dichand verändern?

Wolf: Ich bin neugierig. Man hatte über die letzten Jahre ja öfter das Gefühl, dass die Zeitung auf Autopilot fährt. Vermutlich wird es weniger Kampagnen geben. Viele Leistungsträger sind schon jenseits der Pensionsgrenze und es wird sicherlich einen Generationswechsel geben. Wird spannend.

 

ED: Helmut Brandstätter wird ab August ‚Kurier‘-Chefredakteur. Kann er das?  

Wolf: Journalismus ist Journalismus. Den Kurier zu führen, ist aber sicher keine leichte Aufgabe. Die Marktposition zwischen Standard und Presse auf der einen Seite und den Boulevard-Medien auf der anderen ist nicht einfach.

 

ED: Würde Sie diese Position reizen?

Wolf: Chefredakteur des Kurier würde ich mir nicht zutrauen. Die Produktion einer Tageszeitung ist doch etwas ganz anderes als das, was ich in den letzten Jahren gemacht habe.

 

ED: Was sagen Sie zum Gerangel um die Nachfolge von Ö1-Chef Alfred Treiber?

Wolf: Wünschen kann sich jeder was. Aber wir sind nicht Nordkorea, wo man seine Nachfolge vererbt. Ich hoffe doch, dass der neue Ö1-Chef oder die Chefin ausschließlich nach Qualifikation ausgewählt wird.

 

ED: Wie viel Einfluss hat die Politik?

Wolf: Bei Postenbesetzungen üben die Parteien noch immer Druck aus, als wäre der ORF ihr Eigentum. Schamlos. Was aber seit dem Abgang von Chefredakteur Werner Mück definitiv besser geworden ist, ist die Freiheit in der Berichterstattung. In der Früh kommt niemand mehr in die Redaktionssitzung und sagt, was heute kein Thema ist. Wir können ohne jede Einmischung berichten.

 

ED: Was war der schlimmste Fall politischer Einmischung?

Wolf: Wir haben immer sehr viele „Runde Tische“ gemacht. Am Tag der FPÖ/BZÖ-Spaltung – ein einmaliger Vorgang in der österreichischen Innenpolitik – gab es keinen. Der Chefredakteur fand auch vieles an der Grasser-Homepage nicht berichtenswert.

 

ED: Standen Sie schon einmal kurz vorm Abschuss?

Wolf: Nach einem Interview mit Karl-Heinz Grasser gab es eine Sitzung mit Generaldirektorin und Chefredakteur. Sie fanden, dass man so nicht mit Studiogästen umgehen könnte und dass ich eigentlich am Abend nicht mehr moderieren sollte. Ich hab’ drauf gesagt, Sie wüssten ja, wie ich Interviews mache und ich kann es nicht anders.

 

ED: Und Sie moderieren immer noch …

Wolf: Wichtigste Regel: Man soll sich nicht zu Tode fürchten.

 

ED: Danke für das Gespräch.

 

Bild: PhilippHutter.com

 

 

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