Dass jeder Schuft jeden Todesfall hierzulande mit erbarmungsloser Gehässigkeit auf derstandard.at ungestraft kommentieren kann, ist keine Errungenschaft, sondern miese Profit-Macherei von Bronner & Co.
Kunstsammler Rudolf Leopold gestorben“, lese ich auf derstandard.at. Und bedauerlicherweise stolpert man, wenn man diesen Artikel fertig gelesen hat, über jene Eintragungen, die direkt darauf folgen, die sogenannten Postings. Zum Beispiel die oberste am 29. Juni um 16:15, unter dem Titel „JOEH“ lautet: „Der Chor der Arschkriecher: Danke, dass du mit Hehlerware so viel Erfolg hattest … und dass du das getan hast!“ Stundenlang war dieser Text online …
Es ist gut, wenn es in Österreich noch Medien gibt, die die Qualität des Journalismus hochhalten. Es ist erfreulich, wenn moralische Instanzen aufzeigen, was anständig und was unanständig ist und wer womit auf schäbige Art und Weise miese Moneten macht.
Oscar Bronner und seine lachsfarbene Botschaft sind stets als arrogante Gralshüter herumstolziert. Das hat der Egomane („Guten Tag, mein Name ist …“) sein Lebtag lang getan. Schon als er vor vierzig Jahren den trend, der dieser Tage sein Jubiläum feiert, gründete, hob man sich von den anderen Medien „deutlich“ ab. Stolz verweist Bronner in der Jubiläumsausgabe im Juni 2010 im Doppelinterview mit seinem Mentor und Startgehilfen Karel Schwarzenberg darauf, dass es beim trend nichts Redaktionelles zu kaufen gab. Als ganz zu Anfang der Zeitschrift ein Firmenporträt erschienen war, fragten viele an, sie wollten auch so etwas, was das denn koste. Doch vom trend wurde ihnen signalisiert, dass dafür nichts verrechnet werde. Entweder die Firmen-Saga sei gut, dann werde sie journalistisch gebracht. Oder nicht. Anmaßender geht’s nicht.
Legendär war auch, wie man bei Presseveranstaltungen und -konferenzen auftrat. Als der langjährige trend-Chefredakteur Lajos Ruff bei einer Miele-Pressekonferenz in der langen Schlange der wartenden Journalisten der Verabschiedung durch den Geschäftsführer harrte und jeder sein kleines Miele-Gastgeschenk bekam, schüttelte Ruff den Kopf: „Wir sind vom trend. Wir nehmen nichts.“ Die Journalisten hinter ihm versanken vor Scham im Boden. Die vor ihm, die schon genommen hatten, auch.
Oder die leidige Sache mit den PR-G’schichteln. Jeder Anzeigenkunde verlangte seit Urzeiten seinen kleinen PR-Beitrag. Und bekam ihn. Ob im Kurier, beim Express oder im Murtaler Boten. Nur beim trend war das nicht möglich: „Wir trennen Anzeigen und Redaktion“, hieß es dort.
Jahrzehntelang sich selbst hoch dekorierend, stolziert Bronner heute mit geschwellter Brust durch die Gegend und sieht sich als Erfinder des anständigen Journalismus, als Hüter der schreiberischen Tugend, der wirtschaftlichen Unabhängigkeit.
Aus solchem Mund wird Kritik naturgemäß ernster genommen, als wenn sie von Krethi oder Plethi kommt.
Doch der Herr Bronner sollte künftig besser seinen Mund halten. Und sich verkriechen. Und sich schämen. Am besten gemeinsam mit seinem Sohn, Mag. Alexander Mitteräcker, der für das Online-Geschäft federführend verantwortlich ist.
Denn derstandard.at betreibt Boulevard mit einer Maßlosigkeit, gegen die das, was man der Krone vorwirft, ein Lercherl ist.
Die minimalste Errungenschaft von jeder Kultur oder Gesellschaft seit Tausenden Jahren ist die Art und Weise, respektive Sorgfalt, wie man mit den toten Mitbürgern umgeht. „De mortuis nil nisi bene“, hieß es schon bei den alten Römern. Und war er noch so verhasst und noch so kontroversiell: Nachdem er seinen letzten Atemzug getan hatte, verdiente der Verstorbene es, die letzten Ehren zu erhalten. Üble Nachrede über den Tod hinaus gilt bei jeder hohen Kultur als absolut unschicklich.
Im Standard freilich gelten andere Gesetze. Dort werden die Toten gedemütigt, beschimpft, verhöhnt, beleidigt. Dort wird verfälscht, gelogen, Unwahres verbreitet. Dort wird posthum beschädigt, beleidigt. Dort wird Geschichte verändert, die Geschichten werden verändert, die Wahrheit wird nach Belieben verdreht. All dies garniert mit obszöner, respektloser und oftmals extrem degoutanter Sprache.
Der Standard hat seit Jahren die besten Werte, was Online-Besucher und Reichweiten betrifft. Der Standard verdient damit gutes Geld. Und: Wie wir alle wissen, wird der Löwenanteil jener Kosten, die den Rückkauf der Geschäftsanteile von Oscar Bronner ausmachen, aus den Erlösen des Online-Standard, respektive der Online-Tochter, finanziert.
Der Standard, so behaupte ich, verdient mit seinen Online-Pages deshalb so viel Geld, weil hier auf die mieseste Art und Weise Boulevard gemacht wird. Viel ärger als Bild oder Krone profitiert man vom Voyeurismus. Boulevard aus Geschäftsinteresse. Boulevard aus Profitgier. Bronner öffnet den anonymen Schweinen, den Mieslingen, den Ungustln, den Schimpfern, den Hetzern und Neidern Tür und Tor, um damit eine möglichst große Community zum Standard zu locken. Und damit wir das ja nicht vergessen, sei es wiederholt: All dies passiert einzig, um die Gewinne zu steigern.
Die Medienplattform des Standard ist längst zum Urinal der Branche denaturiert. „Etat“ ist jener Platz, wo die Degoutanten ungeniert hinpinkeln können und wo die sich in einer Art und Weise austoben können, die unvorstellbar abstoßend ist.
All dies ist nur möglich, weil die Verantwortlichen und ihre angepassten Erfüllungsgehilfen dies zulassen. Dabei wäre es so einfach, einen Riegel vorzuschieben. Doch die Profit-Haie Bronner senior und junior denken nicht daran, das Forum zu sperren, wenn die bedeutendste Medienpersönlichkeit der Zweiten Republik das Zeitliche segnet. (Sie bestreiten, dass Dichand das war – dann nennen Sie mir doch den, der unser Land stärker medial geprägt hat.)
Zwar behauptet Chefredakteurin Gerlinde Hinterleitner (siehe Seite 38), dass ein Drittel der Postings gestrichen wurde (was weder beweisbar noch nachvollziehbar ist), doch ist das, was im Netz verbleibt, noch immer erbärmlich genug.
Und dann stoßen wir auf etwas Erstaunliches: Betrachtet man nämlich die Postings, die beim Tod von Gerhard Bronner, dem Vater von Oscar Bronner, gesetzt wurden, dann entdeckt man, dass es bis auf ganz wenige kritische Postings beim alten Kabarettisten eigentlich nur Positives gibt, was dort veröffentlicht wurde. Die einzigen kritischen Anmerkungen, nämlich jene, wo es um die Steuerschulden des Verblichenen und seine entsprechende Steuerflucht ging, sind garniert mit Pro-Bronner-Beiträgen, wo dessen Steuermanöver in geschliffenen Worten analysiert, erklärt, verharmlost oder positiv zurechtgerückt werden.
Wird beim Standard mit zweierlei Maß gemessen? Ist Oscar Bronner dann pietätvoll, wenn es um den eigenen Vater geht, und verliert er jede Rücksicht, wenn’s um Hans Dichand, Rudolf Leopold oder Christoph Wagner geht? Letztgenannter, der jüngst verstorbene Gastronomiekritiker, hat nie einer Fliege etwas zuleide getan. Er war keine von jenen Persönlichkeiten, die polarisierte. Das Wort „polarisieren“ ist überhaupt die Standard-Ausred’ für alles. Einer, der polarisiert hat, der die Meinungen über sich und seine Person entweder zum Plus- oder zum Minuspol lenkt und nicht die Menschen in der mittelmäßigen Fadesse des Nichtbewertens erstarren lässt, ein solcher hat jedes Recht auf anständige mediale Berichterstattung verwirkt. Solch einen kann man entweder positiv hochjubeln oder negativ abwatschen. Beide Extreme sind erlaubt. Weil: Er ist/war ja ein Polarisierer.
Wagner hat nicht polarisiert. Darüber, glaube ich, sind sich alle einig, die ihn kannten. Und: Er hat nicht vernichtet, er war respektvoll, selbst wenn er kritisierte. Denn seine Kritik war stets sachlich, war stets begründet und wurde von einem ausgesprochen, der sein Geschäft verstand und über ein Wissen verfügte, das jedem, der mit ihm eine längere Fachdiskussion führte, die Blässe der Unterlegenheit ins Gesicht trieb. Dieser Christoph Wagner musste nach seinem Tod im Standard eine Diskussion von Wolke siebenundvierzig aus mit ansehen, die wahrhaftig einmalig ist. Die sogenannte gepflegte Standard-Leserschaft, darunter Ungustln, camouflierte Hasser, Neider, gescheiterte Existenzen, Nichtsnutze, Verhaberer und typisch österreichische Blockwarte, kennt kein Pardon. Im Forum diskutierte man im Anschluss an den Beitrag über das Ableben von Wagner die Frage, inwieweit Fettleibigkeit und die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, zusammenhängen. Neben diversen anderen geschmackvollen „Nettigkeiten“.
Dass Sie, Herr Bronner, all dies zulassen, nur um des schnöden Mammons willen, halte ich für wahrhaftig schäbig.
Man kann von Dichand und den anderen Polarisierern halten, was auch immer man will. Vor einem Medium, das jede Würde eingebüßt hat, und das „Pietät“ vorsätzlich so mit Füßen tritt, wie Ihr Standard, habe ich freilich jeden Respekt verloren.
Mit freundlichen Grüßen
Christian W. Mucha
P. S.: Auf die Frage, ob sie im Standard einen Beitrag über ihr Ableben en avant verhindern wollten, äußern sich die Befragten in der Branche sehr vorsichtig. Die meisten meinen, es würde sie sowieso nicht kratzen, wenn sie die Kartoffeln von unten betrachten. Da schwingt auch irgendwie die Angst mit, dass man von einem Medium, von dem man nicht einmal im Tode erwähnt werden will, niemals wieder (zu Lebzeiten) einen positiven Beitrag zu erwarten hat.
Schaltet man das Tonband ab und führt ein inoffizielles Gespräch mit den Spitzenmanagern, dann gibt fast jeder zu, dass er auf einen Bericht über sein Ableben im Online-Standard gerne verzichten würde: Nicht nur, weil danach Beleidungen, Gehässigkeiten und Unwahrheiten gepostet werden, sondern viel mehr deshalb, weil man den Hinterbliebenen das damit verbundene Leid ersparen möchte. In den Fällen von Dichand, Leopold oder Wagner hat sich um die Gefühle der Hinterbliebenen/Familien keiner beim Standard auch nur im Geringsten geschert. Und jeder, der weiß, welche Partie im Standard unter falschen Namen publiziert – Feinde, Konkurrenten, Gegner, geschasste Ex-Mitarbeiter, geschasste Ex-Partner sind nur zu gerne beim anonymen Vernadern dabei – möchte gerade denen kein Podium bieten, zu seinem Tod ihren Senf zu geben und Hasstiraden als Grabreden zu verkaufen. Doch so, wie ich Bronner und seine Handlanger einschätze, wird man sich um die einschlägigen Wünsche nach Nicht-Veröffentlichung wenig bis gar nicht scheren. Mit der Begründung, die Betroffenen wären Polarisierer gewesen und der Standard hätte eine Berichterstattungspflicht. Von wegen.
Der Obige
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